Zeitung Heute : Schnell mal rübergejettet

Der Tagesspiegel

Von Antje Sirleschtov

Ronald Schill war lieber in Hamburg geblieben. Zur Landtagswahl nach Sachsen-Anhalt zu fahren, das war ihm dann doch zu gefährlich. Denn bis zum letzten Tag wagten Politikexperten und Meinungsforscher keine sichere Voraussage darüber, ob Schills Partei der Rechtsstaatlichen Offensive überhaupt in den Magdeburger Landtag einziehen wird. Er hatte ein gutes Gespür bewiesen: Auch, als um 18 Uhr die Wahlprognose im Fernsehen veröffentlicht wurde, blieb die Frage offen, ob die Schill-Partei über die Fünf-Prozent-Hürde kommen würde. Und auch die ersten Hochrechnungen brachten noch keine Klarheit. So wartete der Parteigründer und Namensgeber im Norden ab. Geht alles gut, zieht also seine Partei in den Landtag ein, wird er am späten Abend in der Fernsehrunde von Sabine Christiansen in Berlin seinen Auftritt haben. Klappt es nicht, dann ist er vom Ort der Niederlage – Magdeburg – weit entfernt.

Der dort im Osten für ihn kämpfte, mit Frau und neugeborenem Töchterchen seit fünf Monaten von Talkrunde zu Straßenwahlkampf, von Handwerkerverbänden in verrauchte Wahlkampf-Kneipen-Hinterzimmer zog, scheute die Öffentlichkeit nicht. Ulrich Marseille suchte seine Enttäuschung zu verbergen und aus dem schlechten Abschneiden noch einen Erfolg zu machen. „Eines haben wir geschafft“, sagte er, „wir haben die Roten zum Teufel gejagt.“

Dass die Zahlen nicht so in den Himmel schossen wie damals in Hamburg, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Ulrich Marseille aus seiner Distanz zu den Sachsen-Anhaltinern nie einen Hehl machte. „Ja, ich bin Wessi“, sagte er stets, „und Millionär obendrein.“ Das allerdings dürfe kein Hinderungsgrund sein, ihn zu wählen. „Denn die Berufspolitiker hier, die taugen ja nichts.“

Ulrich Marseille, Gründer, Aufsichtsrat und Hauptaktionär des gleichnamigen Konzerns für Seniorenresidenzen und Pflegeheime, sagt selbst, er habe sich zur Politik überreden lassen. Wie so viele andere sei auch er immer unzufrieden gewesen, mit Bürokratie, Steuerbelastungen und vielem mehr. Erst als Ronald Schill, ein alter Bekannter, ihn aufgefordert habe, „mal selber etwas zu tun, statt immer nur zu meckern“, da hat er eingewilligt. Knapp ein halbes Jahr später, hat Marseilles Landesverband in Sachsen-Anhalt einige tausend Mitglieder. Sollte die Partei in den Landtag einziehen, will Marseille selbst allerdings nicht mehr dabei sein. Die Oppositionsbank zu drücken, das ist seine Sache nicht. „Ich bin geschaffen für Führungsaufgaben“, sagt er.

Im Landtag würden dann andere Parteimitglieder Platz nehmen. Selbstständige, Handwerker, Lehrer und Arbeitslose: Die Liste der Kandidaten der Schill-Partei in Sachsen-Anhalt ist so bunt, wie das Programm, das mit 41 eng bedruckten Seiten so ausführlich ist wie keines der Bewerber in Magdeburg. „Natürlich haben wir nichts gegen Ausländer“, hat Marseille auf beinahe jeder seiner Wahlkampfveranstaltungen in den vergangenen Wochen gesagt. Er selbst beschäftige in seinem Team einen Spätaussiedler aus Russland. Doch benehmen müssen sie sich. „Sie schmeißen ja zu Hause auch Gäste heraus, wenn sie die Zigarette auf dem Teppich ausdrücken.“

Ein begnadeter Kommunikator ist Ulrich Marseille ganz bestimmt nicht. Wegen seiner Körpergröße von fast zwei Metern wirkt er immer so, als sähe er auf seine Gesprächspartner herab. Und mit seinem näselnden norddeutschen Dialekt bleibt er seinen potenziellen Wähler auch nach zweistündigen Vorträgen seltsam fern. Wie sollte es auch anders sein bei einem Mann, der „schnell mal aus USA rübergejettet kam, als Schill anrief“, und „selbstverständlich jede Menge Investoren aus dem Ausland und auch die Chefs aller deutschen Großbanken“ kennt.

Dennoch: Marseille hat in den vergangenen Wochen vielen Menschen, die unzufrieden sind mit ihrer Lebenssituation, aus dem Herzen gesprochen. Den größten Applaus erhielt Marseille immer dann, wenn er den Leuten das Gefühl vermittelte, er selbst wisse genau, wo der Weg aus dem Elend liegt, und sie müssten ihm nur folgen. An die fünf Prozent immerhin haben ihm das abgenommen.

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