Zeitung Heute : Schnelle Viren, träge Menschen - Eine E-Mail führt zum Chaos (Kommentar)

Markus Ehrenberg

Über Nacht ist aus dem Heilsbringer Internet etwas geworden, was nach Krankheit aussieht. Ein Computervirus wird als Liebesbrief getarnt, überschwemmt das Internet und legt Computersysteme lahm. Durch eine einzige E-Mail, vermutlich von einem 23-Jährigen auf den Philippinen losgeschickt. Hunderttausendfach stürzen PCs ab. Weltweit. Nach dem Schneeballsystem. In Hongkong, Berlin, London, Washington. Ja, sind wir alle blöd? Wozu gibt es Radio, Fernsehen, Newsletter im Internet, die uns rechtzeitig sagen, was wir gegen so einen Computervirus tun können? Die uns warnen, bevor es zu spät ist?

Donnerstagmorgen, kurz nach acht Uhr. Die finnische Virenschutzfirma F-Secure entdeckt den Virus, nachdem er um acht Uhr den Computer eines Norwegers befallen hatte. Innerhalb einer Stunde sind Rechner auf der ganzen Welt betroffen, darunter Computer des US-Verteidigungsministeriums und mehrerer Bundesministerien in Deutschland. Um zehn Uhr erreicht die Attacke Microsoft, dessen Betriebssystem Windows Eingangstor und Träger für den Virus ist. Eine interne Warnung soll das Schlimmste verhindern. Das tut sie wohl auch. Bis der gefährliche Liebesbrief aber an die Öffentlichkeit kommt, braucht es noch Stunden - in denen Tausende von Internet-Nutzern dem Virus zum Opfer fallen.

Kurz vor zwölf Uhr, beim Berliner Nachrichtensender n-tv. Die Information über einen neuen Computervirus läuft ein. Erst jetzt. Und nicht übers Internet. Ein Bekannter weist darauf hin. Die Redakteure recherchieren. Was ist da dran? Warnungen im Internet gibt es öfters. Wie schwerwiegend ist der Virus? "Bevor man damit an die Öffentlichkeit geht, muss man die Sache hart kriegen. Sonst ist die Verunsicherung zu groß, gerade bei den Zuschauern, die mit dem Internet nicht so vertraut sind", sagt n-tv-Sprecherin Cathrin Glücksmann.

Um 16 Uhr geht die Virus-Warnung auf Sendung. Um 18 Uhr bringt n-tv das erste Interview. Dann 20 Uhr, die "Tagesschau". Der "Killer von Manila" ist der ARD zunächst bloß eine Wortmeldung wert. Erst die "Tagesthemen" machen groß damit auf. Um halb elf. Es hat nicht nur Asien und Europa erwischt. In den USA ist es Nachmittag. Millionen surfen im Internet, kriegen E-Mails. Zeit für den Computer-GAU. Massen-E-Mails legen Computernetze lahm. Dateien werden gelöscht. Besonders stark erwischt es diejenigen, die über den Virus berichten wollen: Zeitungen, Verlagshäuser, Fernsehsender. 350 000 US-Computer sind bis Freitagmittag vom Virus befallen, am Abend waren es weltweit mehr als drei Millionen. "I love you" ist der schnellste Virus aller Zeiten.

Das Frappante an dieser ganzen Virus-Geschichte ist: Amerika nutzte der Zeitvorsprung eigentlich gar nichts. Auch kein Anti-Viren-Programm. "I love you" ist zu neuartig. Und die Warnungen kamen zu spät. CNN-Bilder aus Europa zeigen, was auch in Amerika unvermeidlich ist. Professionelle Server und große Firmen sind per Standleitung permanent online. E-Mails leitet der "I-love-you"-Virus automatisch weiter. Und irgendeiner klickt immer drauf.

Freitag, der Tag danach. Datenschützer fordern sicherere Betriebssysteme. Das ist schön gefordert. Die Zahl der neu erscheinenden Viren in den vergangenen drei Jahren ist gleich geblieben. Sie verbreiten sich jedoch wegen des Internets immer schneller. Und jeder dieser Viren ist von jemandem geschrieben worden, der ihn gegen die gängigen Virus-Schutzprogramme getestet hat. Die Bedingungen dieses "Krieges" seien unfair, so die Entdecker des Virus. Der Programmierer eines Virus hat Zugang zu den Waffen der Verteidiger.

Unterdessen liegt auch bei der UN-Welternährungsorganisation FAO in Rom der Rechner lahm. Ein Mitarbeiter soll noch versehentlich auf die E-Mail "I love you" geklickt haben. Am Tag danach.

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