Zeitung Heute : Schneller Alter

Der Tagesspiegel

Von Hartmut Moheit

Berlin. Der Blick auf den Kontoauszug bringt Ralf Waldmann die letzte Bestätigung. „Die Sache mit MZ, das ist kein Windei. Sonst wäre kein Geld gekommen“, sagt der 35-Jährige. „Von mir aus kann es morgen losgehen. Wenn es sein muss, dann setzte ich mich am Abend ins Flugzeug, fliege die zehn Stunden nach Südafrika und starte am Sonntag in Welkom beim Grand Prix.“ Dort wird am kommenden Sonntag der nächste Motorrad-WM-Lauf ausgetragen. „Waldi“, der nach dem Ende der Saison überraschend seine Karriere auf zwei Rädern gegen eine auf vier im Porsche-Carrera-Cup getauscht hatte, gibt sich absolut ungeduldig. „Ich bin wieder heiß auf Rennen“, sagt er, und auf sein Alter hin angesprochen, lässt der Ennepetalter gleich noch einen Spruch folgen: „Das Team aus Sachsen will doch lieber einen schnellen Alten als einen langsamen Jungen.“

Gedulden muss sich der 20-malige Grand-Prix-Sieger, der offiziell als Berater bei MZ fungiert, noch ein wenig. Offiziell bis zum 29. Juni in Assen. Das Verflixte an diesem Termin ist nur, dass selbst Waldmann bis zum gestrigen Tag noch auf keiner fahrenden MZ gesessen hat, die er in der neuen WM-Klasse (bis 990 ccm) an den Start schieben könnte. Bei der offiziellen Präsentation des Motorrades in Leipzig steckte nämlich eine Kunststoff-Attrappe im ersten MZ-Modell. Wenigstens erste Prüfstandtests soll der Viertakt-V4-Motor mit über 200 Pferdestärken bereits bestanden haben. MZ, die Motorradmarke aus Schkopau mit der großen Tradition, scheint wieder ins Rollen zu kommen. Dem Verdacht, alles könne lediglich ein Werbegag sein, wie die Konkurrenz süffisant verkündet hat, widerspricht Rennleiter Jürgen Zürn: „Das Projekt wird kommen.“ Geschäftsführer Petr–Karel Korous gibt aber zu: „Wir sind gegenüber unserem ursprünglichen Zeitplan etwa drei Monate hinterher.“

Ralf Waldmann hat keine Illusionen, dass der Traum von einem WM-Titel, den er sich nie erfüllen konnte, nun ausgerechnet im höheren Alter noch Realität werden könnte. „Darum geht es mir überhaupt nicht mehr“, sagt er, „ich möchte meinen Fans einfach noch mal etwas bieten.“ Und wenn er von den Fans spricht, dann meint er die im Osten. „Da sind sie zu Hause, der Sachsenring ist das Herz des Motorsports in Deutschland.“ Man kann sich sehr gut vorstellen was passiert, wenn ausgerechnet Ralf Waldmann beim WM-Grand-Prix am 21. Juli auf diesem Kurs mit einem Motorrad aus diesem Landstrich seine Runden dreht. Zwar sind drei „echte“ Sachsen seit dem Saisonauftakt vor knapp zwei Wochen in Japan mit der Grand-Prix-Karawane auf Tour, aber von ihnen hat lediglich Steve Jenkner größere Chancen.

Den Status eines Ralf Waldmann würde er aber selbst dann nicht erreichen, wenn er ganz vorn mitfahren könnte. Ein Waldmann - immer für einen Spruch gut, nie arrogant, wie er selbst sagt „ein Racer durch und durch - , sucht seinesgleichen in der deutschen Motorrad-Szene. Sein Pech in den besten Jahren der Karriere war es nur, dass es mit den Italienern Max Biaggi und Valentino Rossi, und zum Schluss in der Viertelliterklasse mit drei Japanern und einem Franzosen Fahrer gab, die mit größerem Talent und besserer Technik gesegnet waren. „Sicherlich wäre die Weltmeisterschaft die Könung für mich gewesen, aber ich habe so viele große Rennen gefahren, die Entschädigung genug sind“, sagt Ralf Waldmann dazu.

Zu den besonderen Erlebnissen zählt er die Jahre vor der Wiedervereinigung. In Brno hatten die Motorrad–Fans aus der DDR die einzige Chance, den Stars aus dem Westen zu begegnen. Und Ralf Waldmann ließ sich nie lange bitten. „Ich schrieb mir da die Finger wund“, erinnert er sich. Heute bekommt er zurück, was er damals gegeben hat. MZ macht sich diesen Bonus zu Nutze. Dass wirtschaftliche Aspekte hinter der Kampagne stehen, MZ möchte 2006 zu den zehn größten Herstellern auf der Welt zählen, ist klar. Für Ralf Waldmann ist das zweitrangig, er wartet jeden Tag auf den Anruf, dass es endlich losgeht. Geld allein reicht ihm nicht.

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