Zeitung Heute : Schneller gefeuert als die Amerikaner

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Von David Woodruff

Lange hat er es verstanden, seine Kritiker in Schach zu halten. Doch nun musste Jean-Marie Messier den Platz an der Spitze von Vivendi Universal räumen. Noch nie wackelten die Stühle europäischer Unternehmenslenker stärker als derzeit. Besonders bei schwachen Unternehmensergebnissen wird den Chefs in Europa schneller die Tür gezeigt als den Vorständen in den USA.

Zu diesem Ergebnis kommt eine weltweite Studie der amerikanischen Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton unter den 2500 größten Gesellschaften. In den vier Jahren 1995, 1998, 2000 und 2001 wurde immerhin ein Drittel der Entlassungen von Vorstandschefs in Europa mit mangelndem Unternehmenserfolg begründet. In Nordamerika lag die Quote in der gleichen Zeit bei 22 Prozent, im asiatischen Raum nur bei 21 Prozent. Es scheint, als räume dieses Ergebnis mit der vorherrschenden Meinung auf, wonach amerikanische Vorstandschefs am ehesten Gefahr laufen, von jetzt auf gleich entlassen zu werden.

Dafür verdeutlicht die Studie, dass sich in europäischen Unternehmen dramatische Veränderungen abspielen: Vorbei ist es mit der behüteten Stellung der Chefs, die sich auf alte Strukturen, nützliche Beziehungen zu anderen Vorständen und deren vorbehaltlose Unterstützung verlassen konnten. Von einer Sicherheit der Spitzenpositionen kann keine Rede mehr sein. „Wer heute schlechte Ergebnisse liefert, steht unter einem viel höheren Druck", sagt Henning Gebhardt, Geschäftsführer der deutschen DWS Investment. „In der Vergangenheit konnten sich die Vorstandschefs trotz dürftiger Zahlen auf ihren Posten halten."

Grund für die gestiegenen Erwartungen an die Spitzenmanager sind neue Aktionärsbewegungen und das rauere Wettbewerbsklima. Noch bis vor wenigen Jahren investierten die Aktionäre hauptsächlich in inländische Unternehmen. Nun, da Europa eine gemeinsame Währung verbindet und die Geldströme wie selbstverständlich über Grenzen fließen, halten auch fremde Investoren bedeutende Anteile an Europas Gesellschaften. Besonders die Investoren aus den USA und Großbritannien haben ihre eigene Vorstellung von Anlage-Kultur eingebracht, vor allem den dort üblichen Aktivismus. Schnell folgten ihnen auch die einheimischen Anleger. Durch die fortschreitende Deregulierung und die Privatisierung staatlicher Gesellschaften wuchs zudem der Wettbewerbsdruck in vielen Sparten, von den Fluggesellschaften bis zu den Versorgern.

Dass der Druck auf die europäischen Vorstandschefs gewachsen ist, bestätigt auch ein Blick auf die Dauer ihrer Amtszeiten: In Europa hielten sich die Vorstandschefs durchschnittlich 6,5 Jahre an der Unternehmensspitze, während die Amtsdauer in Amerika 9,5 Jahre betrug. Anleger und Corporate-Governance-Experten begrüßen, dass die europäischen Gesellschaften ihre Unternehmenslenker verstärkt in die Pflicht nehmen. Viel zu langsam, so betonen sie, sei bislang auf schlechte Unternehmensdaten reagiert worden. Doch ganz ungefährlich ist dieser Kurs nicht: Wer nur noch auf der Jagd nach guten Ergebnissen für den nächsten Jahresabschluss ist, verliert die langfristigen Ziele aus den Augen und macht einen Fehler, der auch zum Niedergang von Enron und Worldcom beigetragen hat. „Gelegentlich kommt der Ruf nach Entlassungen etwas schnell", sagt Michelle Edkins, Mangagerin im Bereich Corporate Governance bei Hermes Investment Management, wo Anlagen im Wert von 62 Milliarden Euro verwaltet werden. „Dieser Trend ist nicht gerade nützlich, denn er begünstigt die Konzentration auf das kurzfristige Resultat."

Nach der Studie von Booz Allen sind die Unternehmenslenker um so erfolgreicher, je länger sie am Ruder sind. Wer das Unternehmen zehn Jahre oder länger steuerte, konnte das Ertragswachstum im Branchendurchschnitt um vier Prozent jährlich steigern. Wer der Firma weniger als zehn Jahre diente, sorgte dagegen im Schnitt für einen jährlichen Ertragsrückgang um 1,3 Prozent.

Doch noch so manches Mal schaffen es die europäischen Vorstandschefs, auf ihren Positionen zu verharren, obwohl die Fakten in Amerika längst zur Entlassung geführt hätten. In vielen europäischen Ländern sitzen die Vorstände in den Gremien anderer Unternehmen und kennen einander seit Jahren. So lag es auch im Fall von Jean-Marie Messier und Bernhard Arnault, dem Chef des französischen Luxusgüterherstellers LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton, der bis vor kurzem auch im Vivendi-Vorstand vertreten war. Als Folge der Verflechtungen herrschte bei Personalfragen oft eine gewisse Trägheit in den Vorständen europäischer Unternehmen. Doch dieses Netz wird immer brüchiger, seit eine neue Generation von Managern in die Spitzenämter vorgedrungen ist und sich bei den Anlegern wachsende Unzufriedenheit über sinkende Aktienkurse breit macht.

Der Großteil der europäischen Unternehmen in der Studie kommt aus Großbritannien, wo die Vorstandschefs bei schlechten Ergebnissen am schnellsten entmachtet werden. Auf das Land entfallen die Hälfte der 97 Abberufungen im Jahr 2001. Doch das Tempo der Entlassungen nimmt auf beiden Seiten des Kanals zu, sagt Rob Schuyt, Mitautor der Studie. Beim französischen Hersteller Gemplus wurde der Gründer und ehemalige Chairman Marc Lassus im Dezember zum Rücktritt bewegt. Er bestätigt, dass der Druck auf die Unternehmensspitzen in den letzten Jahren stark zugenommen hat. „Bis vor kurzem wurden die Aktionäre durch die französischen Manager eher mit Verachtung behandelt", sagt Lassus. „Doch dies beginnt sich zu ändern. Es gleicht langsam dem Sport: Wenn das Team verliert, feuert man den Coach." Die Ergebnisse der Booz-Allen-Studie zeigen den europäischen Unternehmenslenkern jedenfalls, dass ihr Sessel schnell zum Schleudersitz werden kann.

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