Zeitung Heute : Schneller rein, schneller raus

Nicht nur der Hauptbahnhof ist neu: Mit veränderter Streckenführung will die Bahn den Zugverkehr rund um Berlin beschleunigen

-

Von Rainer W. During Der neue Hauptbahnhof kommt. Doch das Konzept der Bahn sieht vor, dass ihn viele Fahrgäste auf dem Weg zu ihren Zielen in Berlin überhaupt nicht nutzen. Gerade Pendler werden umdenken müssen, wenn am 28. Mai neben der Eröffnung der Mega-Station pünktlich zum Fahrplanwechsel auch der Nord-Süd-Tunnel eröffnet wird. Viele von ihnen sollen bereits vor Erreichen des Schienendrehkreuzes umsteigen. Bis jeder seinen neuen Weg gefunden hat, kann ein halbes Jahr vergehen, schätzen Experten.

Die wichtigsten Änderungen neben der Inbetriebnahme des Hauptbahnhofs: Am bisherigen U- und S-Bahnhof Gesundbrunnen und am bisherigen S-Bahnhof Papestraße (jetzt Südkreuz) halten künftig auch Fern- und Regionalzüge. Die U- und S-Bahnhöfe Jungfernheide und Potsdamer Platz werden ebenfalls in die Regionalbahn einbezogen.

Damit ergibt sich im Stadtgebiet ein neues Netz von Verknüpfungspunkten zwischen den vier verschiedenen Schienenverkehrsmitteln. Zwar wollen Bahn und Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) rechtzeitig eine umfangreiche Informationskampagne starten. Doch die Erfahrung hat gezeigt, dass sich die Reisenden, die an ihre vertrauten Verbindungen gewöhnt sind, bisweilen trotzdem schwer tun, wenn es gravierende Änderungen gibt.

„Für den weitaus größten Teil unserer Kunden wird das Bahnfahren deutlich attraktiver“, so Ingulf Leuschel, Leiter Fahrplan Personenverkehr bei der Deutschen Bahn AG. Auch wenn viele Reisende jetzt häufiger umsteigen müssen, verkürzt sich in den meisten Fällen die Fahrzeit, von Luckenwalde zum Potsdamer Platz beispielsweise um 27 Minuten. Einige Fahrgäste werden allerdings künftig länger unterwegs sein, so zum Beispiel ein Rostocker, der nach Spandau will. „Dies bewegt sich aber fast immer in einem Bereich von weniger als zehn Minuten“, sagt Leuschel.

Auch der im 30-Minuten-Takt verkehrende Airport-Express zum Flughafen Schönefeld wird neu geordnet. Er ist künftig in die Regionalstrecken RE 7 (Dessau – Wünsdorf) und RB 14 (Nauen – Senftenberg) eingebunden. Die halbstündige Zugfolge für Berliner besteht dann allerdings erst ab Zoologischer Garten und nicht mehr ab Spandau.

Sieben Trassen werden durch den neuen Tunnel geführt, weitere sieben verbleiben auf der alten, in West-Ost-Richtung verlaufenden Stadtbahn, die bisher zwölf verkraften musste. Die entstandenen Zusatzkapazitäten sollen für Angebotsverbesserungen im Regional- und Fernverkehr genutzt werden.

Wer vom Hauptbahnhof zum Bahnhof Zoo oder zum Alexanderplatz will, muss je nach Taktdichte der S-Bahn zwischen der Ankunft am Haupt- und der Ankunft am Zielbahnhof 15 bis 20 Minuten einplanen. In vielen Fällen wird es künftig schneller gehen, wenn aus dem Norden kommende Fahrgäste bereits im Bahnhof Gesundbrunnen und aus Süden kommende Reisende an der Station Südkreuz oder am Potsdamer Platz auf S- oder U-Bahn umsteigen. Zur Erschließung der City West soll nach dem Konzept von Bahn und VBB neben dem Bahnhof Zoo auch der U-Bahnhof Wittenbergplatz dienen. Auch Verspätungen durch Pannen oder Unfälle sollen deutlich reduziert werden, da es durch zwei Alternativstrecken nun eine Umfahrungsmöglichkeit gibt. Die Pünktlichkeit der Züge soll sich dadurch erhöhen, verspricht die Bahn.

Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, geht davon aus, dass die innerstädtischen Wirtschaftszentren vom Bahntunnel profitieren werden. Nicht nur am neuen Hauptbahnhof und am Potsdamer Platz seien positive Effekte zu erwarten. Für die City Ost würden sich ebenso Vorteile ergeben wie für die City West. Die dortigen Einzelhändler befürchten allerdings Einbußen, wenn am Bahnhof Zoo viele bisherige Fernverbindungen wegfallen.

Wiesenhütter geht davon aus, dass künftig mehr Pendler ihre Autos stehen lassen werden. Eine Ansicht, die auch Hans-Werner Franz, Geschäftsführer beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) teilt: „Viele Fahrgäste aus Brandenburg kommen mit der Eröffnung des Nord-Süd-Tunnels erheblich schneller zur Arbeit oder zum Einkaufen in die Berliner City. Und den Berlinern eröffnen sich nun mit der Bahn ganz neue, attraktive Ausflugsmöglichkeiten.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!