Zeitung Heute : Schneller wieder auf die Beine

Bei vielen leichteren Rückenbeschwerden hilft schon Bewegung – und eine Schmerztablette

Adelheid müller-lissner

Nur jeder fünfte Erwachsene hat Rückenschmerzen überhaupt noch nie erlebt. Das ergab kürzlich eine Untersuchung der Medizinischen Hochschule Lübeck. Selbst viele Menschen unter 30 haben schon einschlägige leidvolle Erfahrungen. Zum Glück bleiben die Schmerzen oft harmlos und verschwinden fast so schnell, wie sie gekommen sind. Die Kosten, die sie verursachen, sind dennoch beträchtlich. Das „Forum Schmerz“ des Deutschen Grünen Kreuzes geht von über 75 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen und volkswirtschaftlichen Gesamtkosten von 15 Milliarden Euro jährlich aus.

Als wirkliche „Säule“ erscheint die Wirbelsäule allenfalls von hinten. Von der Seite betrachtet, hat diese Komposition aus Knochen, Bändern, Muskeln und Sehnen eine geschwungene Form. Die ist wichtig, um Stöße besser abfedern zu können. Die eigentlichen Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern sind die Bandscheiben, kleine, mit Wasser und gallertartiger Masse gefüllte Kissen. Beim gefürchteten Bandscheibenvorfall können Nervenwurzeln in Mitleidenschaft gezogen sein. Wenn der Ischiasnerv betroffen ist, strahlt der Schmerz in die Beine aus. Manchmal kommt es dabei sogar zu Lähmungen eines Beins, aber auch zu Funktionsstörungen der Blase. Dann müssen moderne Bild gebende Verfahren wie Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) Klarheit schaffen, vielleicht ist sogar eine Operation nötig.

In den allermeisten Fällen aber besteht kein Grund für eine solche Besorgnis – und damit auch nicht für die aufwändigen Verfahren zur Abklärung. Das Hauptziel jeder Behandlung besteht dann darin, die Schmerzgeplagten ganz schnell wieder beweglich zu machen. Schonung und Bettruhe sind nach übereinstimmender Meinung der Experten nicht mehr „in“. In Ausnahmefällen sind sie für ein, zwei Tage sinnvoll. So tut bei Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule beim Liegen meist die Stufenlagerung gut. Die Unterschenkel werden dabei bei gebeugten Kniegelenken auf einem Schaumstoffwürfel oder Kissenberg hoch gelagert. Das verringert den Druck auf die Bandscheiben und entlastet die Wirbelsäule.

Entlasten sollte man sich jedoch vor allem von der Angst vor der „falschen Bewegung“. Sie kann schnurstracks in einen Teufelskreis münden: Man nimmt Fehlhaltungen ein, die zu neuen Beschwerden führen. Man bewegt sich weniger, die Muskelkraft lässt nach, so dass das schützende natürliche Korsett aus Rücken- und Bauchmuskeln nicht mehr optimal funktioniert.

Deshalb sind – nach Rücksprache mit dem Arzt – Schmerzmittel bei Rückenbeschwerden mehr als eine Option für „Weicheier“: Sie sind oft die Voraussetzung dafür, dass man sich frühzeitig frei bewegen, sich wieder etwas zutrauen und damit dem Teufelskreis entgehen kann. Zuerst sollte ein Versuch mit rezeptfreien Schmerzmitteln gemacht werden. Wenn das nicht hilft, sind meist Mittel aus der Gruppe der Antirheumatika angezeigt. Im Stufenplan der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Schmerzbehandlung sind, wenn diese Medikamente nicht geholfen haben, noch Opioide angesetzt.

Die Medikamente sollen nicht nur Bewegung ohne Qual ermöglichen, sondern auch verhindern, dass der Schmerz im Gehirn eine Gedächtnisspur hinterlässt. Wenn sich dort ein Schmerzgedächtnis entwickelt, werden nämlich später selbst kleinste Reize aus der Gegend der Wirbelsäule als Schmerz wahrgenommen. Die Voraussetzungen für chronisches Leiden sind damit geschaffen. Und das kann gerade dann geschehen, wenn Betroffene, Angehörige und Ärzte es besonders gut meinen – und überfürsorglich reagieren. „Durch die Ärzte werden immer wieder fehlerhafte Entwicklungen in Gang gesetzt, die zur Chronifizierung der Beschwerden führen“, kritisiert etwa der Würzburger Neurologe Martin Klein, Mitglied der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS). So würden seit Jahren Patienten zu oft wegen leichterer Rückenbeschwerden krankgeschrieben. Von chronischen Beschwerden spricht man erst, wenn die Schmerzen über Monate andauern.

Eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Chronifizierung ist oft die Physiotherapie. Krankengymnastik gilt vor allem als hilfreich, wenn die erlernten Übungen zu Hause selbstständig weitergeführt werden. In Rückenschulen werden neben Muskelübungen und Alltagstipps auch Informationen über die Anatomie und Funktion des Rückens gegeben. Fachleute halten zeitlich begrenzte Programme für sinnvoll. Vor allem aber ist es wichtig, dauerhaft zu Kräften zu kommen. Kräftige Rücken- und Bauchmuskeln schaffen Stabilität und wirken damit Kreuzschmerzen entgegen.

Chronische Rückenschmerz-Patienten haben nur halb so viel Kraft in der Muskulatur wie gleichaltrige Gesunde. Das zeigte zumindest eine Studie, für die 52 Krankenschwestern befragt und untersucht wurden. Das objektive Maß an körperlicher Belastung, das bei Pflegekräften ja nicht gerade klein ist, hatte bei ihnen auf Kreuzschmerzen keinen Einfluss, wohl aber der Zustand ihrer tiefen, rückenaufrichtenden Muskulatur. „Ich rate jedem, der in der Pflege tätig ist, zum Krafttraining“, folgerte daraus kürzlich die Arbeitsmedizinerin Ursula Tiemann in der Fachzeitschrift „Heilberufe“. Für alle, die im Job vorwiegend an einem der 24 Millionen Bildschirmarbeitsplätze der Republik sitzen, lohnt sich ein solches Krafttraining mindestens genauso. Denn wenn Schonung gut wäre, hätten die Rückenbeschwerden ja hier zu Lande ab- statt zunehmen müssen, seit schwere körperliche Arbeit in kaum einem Beruf mehr vorkommt.

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