Zeitung Heute : Schnippeln, Schütteln, Kneten

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Die Weihnachtsgans ist verdaut, die große Völlerei zu den Feiertagen überstanden. Jetzt steht noch ein nicht ganz so opulentes Silvesteressen an. Danach herrscht wieder Alltag in unserer Küche. Das bedeutet, dass es eigentlich immer schnell gehen muss, aber leckerer sein soll als Burger und Pommes aus den Juniortüten von McDonald’s und Burger King. Wenn ich schon nicht deren bunte Figürchen von Nemo oder Looney Tunes bieten kann, soll es wenigstens schmecken.

Eigentlich können wir uns nicht beklagen, was die Essgewohnheiten unserer Tochter angeht. In den Freundschaftsbüchern ihrer Klassenkameradinnen trägt sie zwar unter der Rubrik „Lieblingsessen“ prinzipiell Pfannekuchen (womit wir natürlich Eierkuchen meinen) ein, und die Äuglein leuchten bei einem Besuch der oben genannten Fast-Food-Ketten schon sehr. Dennoch ist sie neuen Genüssen gegenüber aufgeschlossen; der Geschmack geht weit über Pfannekuchen, Burger, Fischstäbchen, Spaghetti mit Tomatensauce hinaus. Oliven, Kapern, Rucola oder Krabben werden nicht nur gegessen, sondern geradezu regelmäßig verlangt.

Am liebsten aber isst das Kind, wenn es vorher an der Entstehung des Essens beteiligt ist. Schnippeln, raspeln, schälen – Gemüse zubereiten macht Charlotte Spaß. Eine Marinade rühren oder eine Vinaigrette schütteln noch viel mehr. Das allergrößte Vergnügen bereitet ihr, einen Hefeteig etwa für Spinatkuchen oder Pizza zu kneten und diesen mit lauter guten Sachen zu belegen. Ja, das gute Kind liebt es, kreativ in der Küche tätig zu sein. Mit einer Einschränkung: Das Ganze darf nicht zu lange dauern. Schnippeln, Schütteln, Kneten werden nämlich doch irgendwann langweilig und andere Dinge sind auf einmal so viel wichtiger. Schwupp ist die kleine Köchin wieder ein Spielkind und verschwunden, und ich stehe allein vor einem halbfertigen Mahl. Das macht mir auch keinen Spaß. Deswegen also muss es schnell gehen. Zum Glück gibt’s sonntags in dieser Zeitung eine Rubrik, in der Spitzenköche ihre Tricks verraten. Manchmal sind da Gerichte dabei, die auch denen gelingen, „die kein Brötchen mit Wurst belegen können“. Das hat Carmen Krüger mal in ihren Tipps für die knusprige Bier-Ente geschrieben. So etwas ist genau das richtige Rezept (keine Angst, Alkohol längst verdunstet) für Charlotte und mich: einfach und schnell. Und lecker, wie wir beim Nachkochen feststellen. Oder die „Gambas mit Meersalz“ von Renzo Pasolini – köstlich und höchstens fünf Minuten Vorbereitungszeit. Ratzfatz, und das Ergebnis ist doch alles andere als Fast Food.

Das muss es auch ab und an sein, aber mal nicht von den bekannten amerikanischen Ketten. Wie wär’s zur Abwechslung mit einem Sushi-Imbiss? Wo die rohen Fischhäppchen auf einem Transportband den Tresen entlang fahren? Das macht Spaß, dem Nachbarn das Tellerchen mit Lachs oder Garnele vor der Nase wegzuschnappen. Aber lassen Sie beim Anrühren der Sojasauce den grünen Meerrettich weg. Der ist so scharf und kann Kindern den Appetit auf Sushi für ganz, ganz lange verderben. Dann droht lebenslang McDonald’s.

Fai-Sushi am Potsdamer Platz, Voxstraße 1, Telefon 2529-5777.

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