Zeitung Heute : Schnüffeln im Schichtdienst

Der Tagesspiegel

Irgendetwas stimmte mit der Wohnung nicht. Auf dem Grundriss war eindeutig ein weiteres Zimmer zu sehen. Aber wo war es? Hinter übereinandergeschichteten Tapeten entdeckte ein Mieter in der Reinhardtstraße noch 1996 ein verborgenes Zimmer. Darin stand eine Telefonanlage, mit der Wohnungen abgehört worden waren.

Am anderen Ende der angezapften Leitungen saßen Mitarbeiter der Abteilung 26 des Ministeriums für Staatssicherheit. Jetzt ist das Gestänge mit den Kabeln aus der Reinhardtstraße im Museum für Kommunikation zu sehen. „Ein offenes Geheimnis“ heißt die Ausstellung, die mit Material vor allem aus der Birthler-Behörde zum ersten Mal Struktur und Methoden dokumentiert, mit denen die Stasi Telefone belauscht, Briefe geöffnet und Pakete aufgebrochen hat. Briefmarken-Geruchsproben im Einweckglas, Dienstanweisungen von Stasi-Chef Mielke, Geräte zum Öffnen von Briefen, gefälschte Stempel und Fotos der „Fahnder“ bei der Arbeit, die in Säcken mit zerschnipselten Stasi-Unterlagen vor ihrer Vernichtung sichergestellt wurden, lassen einen erschaudern angesichts der umfassenden Kontrolle.

Allein in Ost-Berlin gab es 25 Abhörstudios, in denen 20000 Telefone gleichzeitig belauscht wurden. Die Auswerter arbeiteten im Schichtdienst zwischen 6.30 und 22.45 Uhr. Nachts wurden die Gespräche automatisch aufgezeichnet. Für das Schnüffeln in Briefen und Paketen waren die 2000 Mitarbeiter der Stasi-Abteilung M zuständig. Getarnt als Postbeamte suchten sie in den Briefverteilerzentren am Nord- und am Ostbahnhof täglich rund 240000 Briefe und Postkarten aus Briefkästen und Postannahmestellen Ost-Berlins nach „Auffälligkeiten“ ab. Und das konnte alles sein: die Handschrift, das Briefpapier, Aufkleber, Zeichnungen oder die Dicke eines Briefes. Einschreiben wurden sofort aussortiert. Denn darin vermuteten die „Fahnder“ Geld, und das sollte der Volkswirtschaft zugute kommen. Allein zwischen 1984 und 1989 beliefen sich die Plünderungen aus Briefen und Paketen auf 32 Millionen D-Mark.

Was die falschen Postbeamten in den verschlossenen Räumen taten, blieb selbst den informellen Mitarbeiter unter den „normalen“ Postbeamten in den Briefverteilämtern verborgen. Berichtete einer von Merkwürdigkeiten, wurde er versetzt.

„Die Post kommt vor lauter Kontrollen nicht an den Mann“, schrieb ein Stasi-Mitarbeiter und machte sich Gedanken, wie man noch effizienter schnüffeln könnte. Die Dampf- und Heißluftgeräte in den Vitrinen ähneln auch eher umgebauten Staubsaugern als einer Hightech-Anlage. Dennoch: Immerhin 600 Briefe konnte man damit in einer Stunde öffnen. Waren die Briefe abgefilmt, mussten die Umschläge wieder verschlossen werden – am besten so, dass sie unversehrt wirkten. Auch dafür gab es Maschinen und außerdem gefälschte Stempelringe aus west- und ostdeutschen Städten.

Noch nicht einmal die Urlaubsgrüße entgingen der Stasi: Durch Abkommen mit der Tschechoslowakei und anderen sozialistischen Bruderländern landeten auch die in Prag eingeworfenen Postkarten bei der Abteilung M in Berlin. Und selbst die Post, die die geflohenen DDR-Bürger im August 1989 in Wien eingeworfen haben, hat die Stasi akribisch gesammelt. Denn dass es auf der anderen Seite der Mauer „einfach märchenhaft“ oder „total stark“ ist, sollte sich niemand ausmalen können. Claudia Keller

Bis zum 1. September im Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, dienstags bis sonntags 9-17 Uhr. Der Katalog kostet 17,80 Euro.

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