Zeitung Heute : Schnuppern schadet nicht

Barbara Bierach

Erst mussten wir die „Generation X“ beklagen, also die Nachfolger der Baby Boomer, die „verlorene Generation der neunziger Jahre“ mit zu viel Fernsehen und zu wenig zu tun. Um die Jahrtausendwende belächelten wird dann die „Generation Golf“, diese ewig infantilen, markenhörigen jungen Leute, die auf die Internetblase reinfielen. In den Jahren darauf erschraken wir über die „ausgefallene Generation“, also all die Kinder, die dank egoistischer Singles erst gar nicht auf die Welt kamen und die nun mit ihrer Abwesenheit Demographie und Rentensystem durcheinander wirbeln. Nebenher stritten wir um die „gierige Generation“ – also die Senioren, die angeblich den Jungen die Ressourcen wegfressen.

Nun also sind wir offenbar bei der „Generation Praktikum“ angekommen. Das sind hoch motivierte junge Akademiker, die keine feste Stelle finden und sich daher für 250 Euro im Monat von Praktikum zu Praktikum hangeln. Diese diplomierten Tagelöhner haben angeblich gerade Hochkonjunktur: Die ARD berichtet, ihre Zahl sei seit 1999 um über 140 Prozent gestiegen.

Die „Generation X“ mag es geben, genauso wie die „ausgefallene“ oder die „gierige“. Auch haben viele Leute einen Golf. Dennoch fanden sich in den 90er Jahren durchaus auch ein paar ziemlich fokussierte Gestalten – wie in allen anderen Jahrzehnten davor und auch danach. Um 2000 hatten nicht alle unter 30 Aktien vom Neuen Markt und 2002 nicht alle Internetbuden einen Konkursverwalter. Auch im neuen Jahrtausend kommen immer noch Kinder zur Welt und jeder zweite Senior muss sich mit einem frei verfügbaren Haushalts-Netto-Einkommen von rund 100 Euro im Monat zufrieden geben. „Generation“ ist ein dehnbarer Begriff, doch selbst der ist nicht verschwurbelt genug, um die Entwicklung eines 80-Millionen-Volkes dekadenweise zu klassifizieren.

Keine Frage, es gibt Unternehmen, die junge Leute auf das Widerlichste ausnutzen. Jetzt aber gleich das ganze Praktikantenwesen zu verteufeln, hieße das Kind im Badewasser zu ersäufen. Denn natürlich gibt es immer noch viele befristete Stellen mit kleinen Gehältern, die keine Ausbeutung, sondern Chancen sind. Und natürlich ist es sinnvoll, dass sich junge Leute Praxiskenntnisse zulegen und in verschiedene Branchen reinschnuppern – auch um für sich selber herauszufinden, was sie mit dem Rest ihres Berufslebens am liebsten anfangen wollen. Dass es heute mehr als doppelt so viele Praktika wie 1999 gibt, kann auch bedeuten, dass sich Unternehmen und Nachwuchs erst mal genau angucken wollen, an wen sie sich binden. Vielleicht hilft das ja auch mit, eine neue „Generation unglückliche Arbeitnehmer“ zu vermeiden.

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