Zeitung Heute : Schön, aber Oslo

Die teuerste Stadt der Welt liegt in Norwegen. Warum ihre Einwohner mit diesem Titel ganz gut leben können.

Axel Vornbäumen

Der „Boss“ trägt kleines Karo, hat lange Haare, ist textsicher und trifft erstaunlich präzise den Ton. Wer die Augen zumacht, an diesem ersten sonnigen Aprilnachmittag des Jahres, hier, am Ende des Oslofjords, der hört Bruce Springsteen singen. Na, fast.

Das Lakter’s ist ein guter Platz zum Zuhören. Fest vertäut liegt das schwimmende Lokal am Pier der Aker Brygge, jenem ehemaligen Werftgelände, über das die norwegische Postmoderne mit ihrer strengen Linienführung gekommen ist, mit all den Shopping-Arkaden und Bars und Cafés und ihrem unvermeidlichen Chrom und Glas. Dicht gedrängt sitzt das Zufallspublikum an Deck und hört dem Mann mit seiner Akustikgitarre zu. Sanft nur schwankt das ausgemusterte Boot im Wellenschlag der vorbeifahrenden Fähren. Zügig kommt das Bier, tablettweise.

Der „Boss“ ist nun Paul Simon, danach John Lennon, und an den Vierertischen des Lakter’s werden die Runden direkt kassiert. Es gibt Orte auf der Welt, da könnte man sich für den Preis der Biere eine Woche lang einen Kleinwagen leihen, gerne auch mit Fahrer. In Nairobi vielleicht. Und es gibt Orte auf der Welt, da säßen an Plätzen wie dem Lakter’s die Schönen und die Reichen, braungebrannt und aufgedonnert, oder wenigstens die, für die vor Jahren mal der Begriff „Yuppie“ erfunden wurde, mit dezenter Eleganz. In Oslo ist das nicht so. Wer die Selbstverständlichkeit sieht, mit der die Kellnerinnen in den Restaurants und Cafés auf der Aker Brygge die tragbaren Kreditkartenmaschinen auf die mit weißen Tüchern gedeckten Tische stellen, der bekommt eine erste Ahnung davon, dass der Anthropologe Thomas Hylland Eriksen so falsch nicht liegen kann mit seiner Behauptung: „Für das Norwegen von heute ist der Begriff Yuppie irrelevant – die ganze Gesellschaft besteht nämlich aus Yuppies“.

Mag sein, das ist Grund genug für eine ganz erstaunliche Gelassenheit, mit der Norwegens Hauptstädter zur Kenntnis nehmen, was Analysten der Schweizer Großbank UBS dieser Tage erst wieder errechnet haben: Oslo ist die teuerste Stadt der Welt! Oslo ist teurer noch als Kopenhagen, Tokio, Zürich, London, viel teurer als Frankfurt oder Berlin, doppelt so teuer wie beispielsweise Johannesburg und vier Mal so teuer wie Karachi oder Mumbai, was früher Bombay hieß.

Ein seltsamer, nur annäherungsweise fairer Wettbewerb ist das, bei dem die Stadt am Oslofjord da den Titel errungen hat, mit einem komplizierten Messverfahren, nicht ganz einfach zu durchschauen. Doch das Ergebnis ist so eindeutig, wie es für die, die von auswärts kommen, deprimierend ist: Nirgendwo auf dem Erdball muss man für einen „nach westeuropäischen Verbrauchergewohnheiten gewichteten Warenkorb“ mit insgesamt 115 Gütern und Dienstleistungen mehr hinblättern als in Norwegens Halbmillionen-Kapitale. Das Bier: 7,50 Euro, die Pizza gerne schon mal 20, auch die Zimtschnecke am Straßenrand ist für weniger als 2,50 Euro nicht zu haben. Doch das ist es nicht allein: Ob beim Taxifahren oder beim Öffentlichen Nahverkehr, bei der chemischen Reinigung, beim Friseur oder bei den Kosten fürs Kino – überall hält Oslo den Spitzenplatz. Sogar wenn man die Miet- und Immobilienpreise mit hineinrechnet, ist Oslo immer noch ein sündhaft teures Pflaster, lediglich das notorisch hochpreisige London mit seinem überhitzten Immobilienmarkt läuft dann den Norwegern den Rang ab. Ja, sogar in New York kommt man noch billiger weg.

Es gibt Titel, auf die ist man stolz. Es gibt Titel, die sind einem peinlich. Und es gibt Titel, die kümmern einen nicht. Letzteres trifft wohl am ehesten auf Oslo zu – vielleicht, weil es einen wahren Kern hat, was der norwegische Schriftsteller Torgrim Eggen, damit nur mäßig provozierend, seinen Landsleuten kürzlich ins Stammbuch schrieb: „Heutzutage ist es hier fast schon unnormal, nicht reich zu sein.“

Ach, sagt Fred, der auf dem Platz vor der Aker Brygge batterie-betriebene Chihuahua-Imitationen verkauft, für 50 Kronen (etwa sechs Euro) das zottelige Stück, „was Schriftsteller eben so sagen“. Fred ist nicht reich. Vier Stunden steht er täglich hier unten am Hafengelände, und er fällt schon deshalb auf, weil er einer der ganz wenigen fliegenden Händler ist, die an zentralen Plätzen wie diesem überall in der Welt normalerweise zu Dutzenden ihre Waren anbieten. Gelegentlich verfängt sich einer von Freds Demonstrations-Chihuahuas in den Beinen der vorbeiziehenden Flaneure und allemal oft genug, damit Fred sein Auskommen hat in der teuersten Stadt der Welt, bleibt jemand stehen und kauft, angezogen vom Charme der wackelnden Stofftiere oder von deren Hässlichkeit, wer weiß das schon. Und manchmal geht der Händler die paar Schritte rüber zur Aker Brygge, mitten rein, zwischen all die eleganten Bars und Cafés, dorthin, wo McDonald’s seine Niederlassung hat.

Der Big Mac ist den Wirtschaftsmathematikern eine wichtige Bezugsgröße. Es gibt ihn praktisch überall auf der Welt. Setzt man seine Kosten in Relation zum durchschnittlichen Nettolohn, dann bekommt man die herrlichsten Vergleichswerte, mit denen man so genannte Kaufkraftunterschiede in der Welt bestimmen kann. In Oslo also muss Otto-Normal-Norweger 18 Minuten für einen Big Mac arbeiten – der Fleischklops ist zwar teuer, aber man verdient ja auch nicht schlecht. In Berlin ist der Big-Mac-Index mit 16 Minuten noch günstiger, weit düsterer sieht es in dieser Hinsicht beispielsweise in Nairobi aus, dort ist das Hackfleischbrötchen erst nach schier endlosen 185 Minuten erarbeitet.

Über das Lebensgefühl in einer Stadt sagen solche Statistiken naturgemäß nicht viel. Aber vielleicht verrät der Umgang mit den Statistiken etwas über das Lebensgefühl. „Wer möchte denn schon in Nairobi leben“, sagt beispielsweise der beim norwegischen Institut für Sozialforschung (Nova) beschäftigte Hans Christian Sandlie, „bloß weil das die günstigste Stadt der Welt ist? Da bleibe ich doch lieber in der teuersten. “ Das hohe Lohnniveau wirkt beruhigend. Es ist das Land der Besserverdienenden mit der Hauptstadt der Besserverdiener. Und die Gruppe der sich glücklich schätzenden Lohnempfänger ist robust. In keiner anderen Stadt der Welt ist der Unterschied zwischen dem Lohnniveau der Hoch- und dem der Niedrigqualifizierten so gering. Das Geld kommt pünktlich – und es kommt in Mengen. Selbst jemand wie Anniten Osteberg, die in der Bäckerei Samson aushilfsweise Brötchen verkauft, kann sich da nicht beklagen. Mit ihren 12,50 Euro Stundenlohn kommt die Studentin ganz passabel über die Runden.

Dass Osloer wegziehen müssten, weil sie mit dem Preisniveau der Stadt nicht mehr mithalten können, ist dem Sozialforscher Sandlie denn auch nicht bekannt. Die Zahlen verweisen auch eher auf das Gegenteil: Seit Jahren wächst die Stadt langsam, aber kontinuierlich über die 500 000er Grenze hinweg. Wer kommt und bleibt, der sieht alsbald auch zu, dass er eine Wohnung oder ein Haus sein Eigen nennen kann. 70 Prozent der Osloer sind Immobilienbesitzer.

Etwas über 3000 Euro beträgt derzeit der durchschnittliche Quadratmeterpreis, in guten Lagen gern auch ein Vielfaches. „Das Eigenheim“, sagt Sandlie, „ist eines der Lebensprojekte des Durchschnittsnorwegers – wir sind Familienmenschen.“ Dass die Quote nicht ganz an den landesweiten 80-Prozent-Wert heranreicht, hat nach Sandlies Erklärung weniger mit den happigen Quadratmeterpreisen in der Hauptstadt zu tun, als mit der Vielzahl der Studenten und der wachsenden Zahl an Singlehaushalten. Auch in Norwegen, und in Oslo zumal setzt der Trend zum Nestbau immer später ein. Dass da die Erbengeneration von den Aufbauleistungen ihrer Vorfahren profitiert, spielt in Norwegen, anders als beispielsweise in Deutschland, nur eine untergeordnete Rolle. „Die, die nicht auf ein Erbe zurückgreifen können“, sagt Sandlie, „streben trotzdem Immobilenbesitz an, sie beginnen damit dann halt nur ein paar Jahre später.“

Oh ja, es ist durchaus eine gewisse Beschaulichkeit zu registrieren, eine auf stabilem wirtschaftlichen Fundament ruhende Selbstzufriedenheit, die den Alltag in Oslo prägt – und, ja, sagt Hans Christian Sandlie, „ein bisschen eingebildet sind wir schon“. Solide genug jedenfalls, um kürzlich auch den Fernsehauftritt ausgerechnet eines schwedischen Comedians mitten in Oslos Fußgängerzone über sich ergehen lassen zu können. Der Schwede hatte Passanten mit der Bemerkung „alles nur wegen eurem Öl“ provozieren wollen – doch die Osloer waren in der Mehrheit achselzuckend weitergelaufen: Stimmt. Ja, und? Neun von zehn Norwegern, haben jüngste Umfragen ergeben, sind „glücklich“, jeder Dritte ist sogar „sehr glücklich“.

Abstiegsängste sind dem Gros der Hauptstädter fremd, die Gesellschaft ist gegen das Furcht einflößende Virus der Arbeitslosigkeit weitgehend immun, die Quote lag im März bei gerade mal 3,7 Prozent. Wen es doch erwischt, der fällt weich. Das prägt. Auch wenn manche, wie etwa der Kunstgeschichtestudent Eivind Torkjelsson meinen, dass die feine Osloer Gesellschaft seit einiger Zeit damit begonnen habe, „offensiver als bislang ihren Reichtum zu zeigen“ und andere erkannt haben wollen, dass die in Norwegen als Insignien der „New Economy“ angesehenen Allradfahrzeuge („Børstraktor“ – „Der Traktor, mit dem man zur Börse fährt“) zunehmend häufiger im Straßenbild auftauchen – stilbildend ist das alles längst noch nicht. In Oslos Innenstadt gibt es Straßenzüge, die könnten auch in, sagen wir: Braunschweig sein. Und selbst die Karl Johans gate, jene Flaniermeile, die in diesen Tagen für die Feierlichkeiten aus Anlass des 100. Jahrestages der Lossagung Norwegens von Schweden an manchen Stellen neu gepflastert wird, verströmt in weiten Teilen eher soliden Handelsketten-Charme als saturierte Bürgerlichkeit.

Nichts ist deshalb irreführender, als der gelegentlich auftauchende Vergleich, bei Norwegen handele es sich um das „Kuwait des Nordens“. Zwar konnte sich das Land wegen seiner Erdölfunde in der Nordsee schon in den 70er Jahren quasi mit einem Schlag von seinen Auslandsschulden befreien, doch sämtliche Regierungen widerstanden seitdem der Versuchung, das Königreich mit Prestigeprojekten aufpolieren zu wollen, getreu einer ungeschriebenen Maxime, wonach bürgerliches Wohlbehagen sich nur durch eine bescheidene Lebensart erreichen lässt.

Was für das Land gilt, gilt auch für seine Hauptstadt. Als die Statistiker der Schweizer UBS Bank Oslo im Jahr 2003 erstmals zur teuersten Stadt der Welt erklärten, da konnten die Stadtväter, immerhin, auf einen quasi ausgeglichenen Haushalt verweisen. „Es ist“, sagt Hans Christian Sandlie mit sichtlicher Genugtuung, „schlichtweg genug Geld da.“

Vielleicht ist das auch eine Ursache dafür, dass die Debatten, die im Storting, dem mitten in der Stadt an der Karl Johans Gate gelegenen Parlamentsgebäude, geführt werden, im Land eher mit mildem Desinteresse verfolgt werden. Es geht eben seit Jahren schon nicht mehr um Verteilungskämpfe – und das wird, den Öl- und Gasreserven sei Dank, auf absehbare Zeit auch so bleiben. Und wenn, wie an diesem ersten Samstag im April, draußen vor dem Parlamentsgebäude tatsächlich einmal protestiert wird, dann liegt der Grund dafür eher außerhalb der Landesgrenzen. Ein kleines Häuflein von Kurden demonstriert dort in der Mittagssonne für einen demokratischen Irak. Es ist ein ernsthaftes Anliegen, gewiss. Doch irgendwie wirkt die Gruppe, die da auf der kleinen Grünfläche vor dem Storting noch ein paar Minuten unschlüssig herumsteht und sich gegenseitig fotografiert, inmitten dieser norwegischen Samstagsnachmittagsgeschäftigkeit so abseitig, als würden sie in Wisconsin für längere Liftöffnungszeiten im Unterengadin demonstrieren.

Drinnen, im Storting, führt der Kunstgeschichtsstudent Eivind Torkjelsson gerade die dritte und letzte Besuchergruppe des Tages durchs Gebäude. Die Tour endet im Foyer, vor dem ebenso farbigen wie hoffnungshubernden Gemälde des norwegischen Künstlers Arne Ekeland. Es ist aus dem Jahr 1958 und zeigt im Wesentlichen zwei nackte Frauen, eine weiß und eine schwarz, die einen Atomreaktor in ihren ineinander gelegten Handflächen halten, wohl Ausdruck eines seinerzeit üblichen, unbändigen Fortschrittglaubens. Das Gemälde hängt seit 1991 im Foyer des Storting. Es gab sogar eine kurze Debatte darum. Damals hatte die Zukunft Norwegens schon längst begonnen, und so ertrug die Osloer Gesellschaft auch den Umstand, dass der dem Kommunismus nahe stehende Ekeland zwei kleine rote Büchlein aufs Bild gemalt hatte, die mancher meinte als Maobibeln interpretieren zu können. Die Osloer taten das mit Gelassenheit.

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