Zeitung Heute : Schön essen

Wie eine Berlinerin (West) die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der ohnehin langen Liste von Unterschieden zwischen Casanova, Ludwig XIV. und Abraham Lincoln einerseits und mir andererseits kann ich nun einen weiteren Punkt hinzufügen: Die mochten Austern. Ich nicht. Das weiß ich, seit ich unlängst auf einer Feier, vom Gruppendruck gebeugt, die vom Gastgeber geöffnete Schale nahm, Zitronensaft auf den blassen, als aphrodisierend bezeichneten Glibber träufelte und ihn mir schnellstmöglich in den Schlund kippte. Was blieb, waren Erleichterung und der Geschmack von Salzwasser. Den Rest des Abends sah ich den anderen zu, wie sie die Muscheln mit dem Austernmesser zu zerteilen versuchten, ohne sich dabei die Pulsadern zu durchtrennen, wie Schalensplitter durch den Raum flogen, wie sich das Wasser aus der Schale auf dem Teppich verteilte.

Ein bisschen erinnerte mich das Massaker an den ersten Krebs, den ich gegessen hatte. In einem „Crab Inn“ in einem kleinen Örtchen an der Ostküste von Amerika. Ein Kellner in Polohemd, Shorts und Turnschuhen kam da an den Tisch, „Hi, I’m Steven“, und zeigte, wie man ein Krebs isst. Man reißt den roten Panzer ab, bricht das untere Teil durch, kramt alles raus, was dunkel ist (Gedärm), den Rest kann man essen. Dann hämmert man noch mit einem Krebsspezialhammer auf den Beinen rum, bis die Schale bricht, nicht zu doll, und genießt auch das Fleisch. Steven verschwand und wir machten uns an die Arbeit, konzentriert und ohne zu reden. Wir rissen, brachen, drehten, hämmerten, kratzten, zerrten und zupften und saßen am Ende vor einem zu Matsch gehauenen Krebs, bei dessen bloßem Anblick einem der Appetit verging. Für mich war die Sache damit erledigt. Man muss keine Krebse essen, dachte ich. Sind die überhaupt für etwas gut?

So leicht kann man sich das mit Austern nicht machen. Ein Blick in die Literatur, und schon befällt einen das beklemmende Gefühl, sich ohne Austerngenuss fahrlässig jeder möglichen Krankheit auszusetzen: Sie lindern Entzündungen, machen gute Laune, stärken Galle und Harnblase und beim Mann auch die Potenz, senken hohen Blutdruck, unterstützen die Leber und sie helfen gegen Falten. Das alles erfuhr ich am Tag nach meinem ersten Austern-Genuss. Auch, dass die Auster erst beim sanften Zerkauen ihren feinen Geschmack entfaltet und reichlich Zitrone draufträufeln Unfug ist. Stattdessen wird zum Austerngenuss Champagner oder ein Glas Chablis empfohlen. Ich hatte den Salzwassergeschmack mit Bier aus meinem Hals gespült und fragte mich allmählich, ob meine Anti-Austern-Haltung nicht etwas voreilig war. Am Ende war ich nur zu verkrampft für echten Genuss. Beherrscht von der Angst, der kalte Glibber könnte direkt aus der Schale in meinen Ausschnitt flutschen. Das hätte vielleicht Casanova gefallen oder Ludwig XIV., der seine Austern angeblich gern im Kreise seiner Kurtisanen schlürfte. Aber für mich wäre das nichts. Trotzdem. Ich beschloss, irgendwann noch mal Austern zu essen. Weil meine Gesundheit darauf nicht warten kann, werde ich morgen schon mal Austernextrakt als Kapsel besorgen.

Austern gibt es zum Beispiel im KaDeWe für ein bis zwei Euro das Stück. Kapseln gibt es in Apotheken .

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