Zeitung Heute : Schön muss, eng darf es sein - Eine Befragung bringt erstaunliche Ergebnisse

Gerd W. Seidemann

Darß statt Damp, Erzgebirge statt Eifel. Die Ostdeutschen haben die neuen Bundesländer (wieder) entdeckt. Erstmals seit der Wende fuhren sie bei einem Deutschland-Urlaub mehr zu Zielen innerhalb der fünf neuen Länder als nach Westdeutschland. Das ist das überraschendste Ergebnis einer Studie, die jetzt aus Anlass der Reisemesse Touristic & Caravaning in Leipzig vorgestellt wurde, die heute zu Ende geht. Im Auftrag des Messeveranstalters TMS Tele-Marketing-Service GmbH, Worms, befragte das Leipziger Institut für empirische Forschung 1200 ostdeutsche Bürger im Alter zwischen 16 und 80 Jahren nach ihrem Reiseverhalten in diesem Jahr und den Reisewünschen für 2000. Die Interviewten repräsentieren etwa 11,58 Millionen Menschen.

Dass die Ostdeutschen reiselustig sind, traditionsgemäß allen voran die Sachsen, ist bekannt. Auch in diesem Jahr unternahmen 73 Prozent der befragten Altersgruppe eine Ferienreise von mehr als fünf Tagen. Das seit Jahren markante Süd-Nord-Gefälle bei der Reiseintensität ist weiter zu erkennen, auch wenn sich die Kluft ein wenig verringert hat: So reisten die Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern mit 66 Prozent zwar etwas häufiger (Vorjahr: 64 %), doch immer noch am wenigsten. Zugelegt haben auch die Brandenburger. Ihre Reiseintensität stieg von 66 Prozent in 1998 auf 72 Prozent in diesem Jahr. Unangefochten, allerdings auch unverändert vorn liegt Sachsen mit 76 Prozent, dahinter Thüringen (von 72 auf 74 %). In Sachsen-Anhalt hingegen nahm die Reiselust von 75 auf 71 Prozent ab.

Als wichtigsten Grund bei der Wahl des Reiseziels nennen die Befragten mit großer Mehrheit die "Schönheit der Landschaft". Es folgen die "guten touristischen Angebote". Das "Preis-Leistungs-Verhältnis" wird erst an dritter Stelle als ausschlaggebend für die Wahl erwähnt. Weniger bedeutsam für Ostdeutsche ist es der Befragung gemäß, ob ein Zielgebiet stark frequentiert ist oder nicht. Die Wahl des Ziels erfolgt also nach dem Motto: Schön muss, eng kann es sein, und auf die Mark geguckt wird eher weniger.

Ein Viertel oder 2,895 Millionen Menschen der repräsentierten Altersgruppe verbrachten in diesem Jahr einen Deutschland-Urlaub. Erstmals seit 1991 suchten davon mehr als die Hälfte (1,625 Millionen) ihr Ziel in den neuen Ländern. Nur 1,27 Millionen Ostdeutsche zog es nach Westdeutschland in die Ferien. Als beliebtestes Ziel nicht nur bei den Ostdeutschen, sondern im gesamtdeutschen Touristikmarkt hat Mecklenburg-Vorpommern seine Stellung behauptet.

Leicht rückläufig ist die Zahl der Ostdeutschen, die Erholung oder Aufregendes, je nach Gusto, im Urlaub im Ausland suchten. In diesem Jahr waren es 5,6 Millionen oder 48 Prozent der bei der Befragung relevanten Bevölkerungsgruppe, ein Prozent weniger als im Vorjahr. Interessant eine Vergleichszahl aus dem Jahr 1991: Damals fuhren erst 20 Prozent der Ostdeutschen zu einem Auslandsaufenthalt. Favorisiertes Ziel 1999 blieb Spanien, das mit 1,4 Millionen mehr Ostdeutsche als je zuvor begrüßen konnte. Italien überholte Österreich auf der Beliebtheitsskala, Ungarn rückte auf Platz vier vor, gefolgt von der Tschechischen Republik und Griechenland.

In weite Ferne zieht es die Ostdeutschen jedoch nicht mehr so häufig. Knapp 700 000 reisten auf der Langstrecke. Ziel Nummer eins: die USA. Es folgen Kanada, die Dominikanische Republik und Kuba, die auch alle einen Zuwachs an Besuchern aus den neuen Ländern registrieren konnten. Thailand hingegen war weniger gefragt als im Vorjahr.

Weniger Auslandsreisen und mehr Urlaub in heimatlichen Gefilden bedeuten hingegen nicht, so das Ergebnis der Befragung, dass am Reisen gespart wird. Im Gegenteil. Die Ostdeutschen gaben in diesem Jahr mehr Geld aus als je zuvor. Der durchschnittliche Reisepreis lag bei 1405 Mark pro Person, und die Befragten zeigten Bereitschaft, im nächsten Sommer noch etwas draufzulegen.

Im Jahr 2000 wollen sich wenigstens 70 Prozent der für die Erhebung relevanten 11,58 Millionen Ostdeutschen zwischen 16 und 80 Jahren eine Ferienreise leisten. Allerdings soll dann verstärkt "Neues und Originelles" oder gar "Exotisches" erlebt werden - die Auslandsreise wird also wieder stärker favorisiert. Und für den Fall, dass das Geld knapp wird, würden die meisten Befragten eine Auslandsreise, Theater- und Konzertbesuche streichen. Zuletzt wolle man an Essen und Trinken sparen oder auf das Einladen von Freunden verzichten.

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