Zeitung Heute : Schön schräg

Das Ehepaar ist glücklich – bis das Badezimmer renoviert werden soll. Sie möchte die Variante oben links, er will den kurzen Weg zum Klo. Auf in den Kampf!

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Von Eckhard Roelcke Wir führen, wie man so schön sagt, eine harmonische Ehe. Double income, no kids. Wir kochen gern, essen gern, trinken gern. Viele Freunde und Verwandte besuchen uns, aus Marburg und der Schweiz, aus Saarbrücken, Hamburg und Amsterdam kommen sie, und dann fahren wir auf dem Rad durch Berlin und zeigen die neuen Gebäude. Die indische Botschaft in der Tiergartenstraße gehört zu unseren Lieblingen, die Schweizer Botschaft neben dem Bundeskanzleramt halten wir für das Stein gewordene Bankgeheimnis.

Dann sind wir auf die Idee gekommen, unser Bad zu renovieren.

Es ist schmal und lang. Nach zwei weinroten Waschbecken kommt das weinrote Klo und vor dem Fenster die weinrote Badewanne mit der Duschwand aus Plastik. Alles hängt und steht auf der rechten Seite. Die Armaturen an den Waschbecken sind verkalkt und lassen sich auch vom Klempner nicht mehr reparieren. Wir haben inzwischen Kraft in den Handgelenken, aber wenn unsere Gäste das Bad verlassen, tropft der Wasserhahn. Lassen wir das Wasser aus der Badewanne ab, steht die Brühe manchmal in der Küche. Keine Ahnung, warum. Viele der mattweißen Billigkacheln am Boden sind gesprungen.

So haben wir unser marodes Bad ein wenig inszeniert. An der Wand hängen die Eingeweide eines alten Kassettendecks. Ich hatte versucht, es zu reparieren. Rechts über dem Waschbecken hängen James Dean und Elisabeth Taylor, ein Foto aus dem Film „Giganten“ von 1955. Dean stützt seine ausgebreiteten Arme auf ein Gewehr auf seinen Schultern. Er hat den Kopf gesenkt und sieht aus wie Jesus am Kreuz. Zu seinen Füßen kniet Elisabeth Taylor mit Kopftuch und himmelt ihn an. Seit Jahren will ich mir den Film ansehen.

SIE: Ich will keine Kacheln und keine Fliesen. Das erinnert mich an meine Kindheit. In unserem Dorf habe ich oft gehört, wie Schweine geschlachtet wurden. Sie haben geschrien, dann ist ihr Blut unter der Tür ins Freie gelaufen. Mit dem Schlauch hat der Metzger die Fliesen und Kacheln abgespritzt.

ER: Wir werden schöne Fliesen und Kacheln finden in anderen Farben und Größen als damals.

Also gehen wir an einem Samstagmorgen in das Geschäft mit Berlins größter Auswahl an Fliesen und Kacheln. Einzig eine Minikachel aus leuchtend grauem Glas gefällt uns, gerade mal 10 mal 10 Zentimeter ist sie groß. Das Stück kostet 4,60 Euro, der Quadratmeter also 460 Euro. Wir vertagen das Problem und suchen zunächst einmal Fliesen für den Boden. Die großen Formate, die wir wollen, sehen aus wie Grabsteinplatten oder haben eine zu raue Oberfläche. Auf einer Terrasse im Tessin würde das gut aussehen, aber nicht in unserem Bad in Schöneberg. Wir vertagen auch dieses Problem.

Gut, dass wir einen Architekten haben. Er ist Mitte 30, also zehn Jahre jünger als wir, seit ein paar Wochen duzen wir uns. Andreas führt uns zu einem Natursteinspezialisten in Neukölln. Kalkstein soll es sein. An die Wände kommt hellgrauer Schiefer, aber nur dort, wo vielleicht Wasser spritzt: Wanne, Waschbecken, WC. Die restlichen Wände werden verputzt.

Plötzlich die Frage: Wohin mit der Badewanne? Links hinten im Bad, schräg vor dem Fenster, wäre Platz. Das WC käme dann rechts gegenüber, und im vorderen Teil hätten wir Platz für Waschbecken.

SIE: Das sieht besser aus. Man kommt zur Badezimmertür herein und sieht auf dem hellen Boden die Wanne. Und das Klo ist hinter der Ecke verschwunden. Und vorne haben wir viel Platz.

ER: Das wird zu eng. Zwischen Badewanne und WC sind noch nicht einmal 40 Zentimeter. Und wenn ich zwei Bier getrunken habe, wird’s wirklich eng auf dem Weg zum Klo. Ich finde, die Badewanne soll nach rechts, genau da, wo sie jetzt steht.

SIE: Dann bleibt ja alles beim Alten.

ER: Ja, das hat sich bewährt. Wir hatten nie das Gefühl, dass unser Bad eng ist.

SIE: Ich hätte nicht das Gefühl, in ein neues Bad zu gehen, wenn alles bleibt.

ER: Warum können wir nicht ein ganz normales Bad haben!

SIE: Ich will ein schönes Bad.

Wir streiten uns. So haben wir uns noch nie gestritten in unseren zwölf Ehejahren. Soll die Wanne nach links oder nach rechts? Was bedeutet das für das WC? Reicht das Gefälle für den Abfluss der Wanne? Benötigen wir eine Schwelle? Dauert es länger, bis das warme Wasser zur schräg gestellten Badewanne fließt? Wirkt das Klo vor dem Fenster wie auf dem Präsentierteller?

ER: Eigentlich brauchen wir dann eine Milchglasscheibe.

SIE: Eine neue Jalousie reicht auch. Wir können die Lamellen aufstellen und in den Hinterhof hinausschauen und auf den schönen Baum.

ER: In der schrägen Badewanne liegen und schräg hinausschauen! Du magst Teppiche nicht, wenn sie schräg liegen, und Bücher oder Tischdecken, die schräg drapiert werden. Jetzt aber eine schräge Badewanne! Warum nur?

Wir lieben klare Formen: Das Klo kreisrund, die Becken rechteckig. Ornament ist Lüge.

Wir streiten weiter. Keiner will nachgeben.

Wir fahren in den Urlaub. Auf dem Weg nach Dänemark diskutieren wir über das Bad. Andreas hat uns erzählt, dass viele Ehen zerbrechen, weil sich die Paare beim Bauen, Renovieren oder Einrichten zerstreiten. Wir nähern uns der dänischen Grenze und vielleicht dem Ende unserer Ehe.

SIE: Halt an, wir losen.

ER: Nein. So eine wichtige Entscheidung dürfen wir nicht dem Zufall überlassen.

SIE: Dann knobeln wir.

ER: Da mache ich nicht mit.

Plötzlich die Lösung. Fünf Freunde sollen für uns die Entscheidung fällen. Sie sitzen oft an unserem Esstisch und kennen das marode Bad. Noch auf dem Weg nach Südjütland planen wir eine Bad-Wahl-Party. TOP 1: Wir bitten Andreas und die Jury zu einem Imbiss. TOP 2: Im Bad werden beide Konzepte vorgestellt. Wir bekennen uns jeweils zu unserer Version. TOP 3: Geheime Abstimmung und Bekanntgabe des Ergebnisses. TOP 4: Umtrunk.

Wir freuen uns auf die Party – und beginnen zu streiten. Welche Wahlmänner und Wahlfrauen sollen wir einladen? Ich plädiere für Max. Er ist Jurist, ein begabter Handwerker mit viel Erfahrung im eigenen Haus. Und da er groß und stark ist und Hände wie Schaufeln hat, wird er für meine Version stimmen. Ihm wird sofort einleuchten, dass der Platz zwischen Wanne und Klo zu eng ist. Meine Gattin durchschaut die Absicht und lehnt Max ab. Sie schlägt ausschließlich Frauen vor mit Hang zur Ästhetik. Ich will diesen neuen Streit nicht verlängern, gebe nach, und schnell einigen wir uns auf die Jury: Chantal, eine charmante Französin, Autorin, Mutter eines Sohnes; Susanne, eine resolute Lektorin, hat Erfahrung mit Kohleöfen und Ostberliner Wohnungen; Meike, eine quirlige Regisseurin, im Osten sozialisiert; Robert, ein besonnener Jurist mit Spezialgebiet Familienrecht, ein leidenschaftlicher Konzertgänger; Justus, ein drahtiger Betriebswirt, der sich gerade mit seiner Frau eine Eigentumswohnung gekauft hat.

Wir laden die Freunde per SMS ein, und der Urlaub in Dänemark verläuft harmonisch, bis sich Robert meldet: „Möchte nicht mitentscheiden, da ich mich bereits deutlich positioniert habe und die Abstimmung deshalb nicht geheim wäre. Bitte um Verständnis.“

SIE: Du hast mir nicht gesagt, dass Robert für deine Version ist.

ER: Ich habe dir erzählt, dass ich zweimal ausführlich mit Robert über unsere Pläne geredet habe. Mehr wolltest du nicht wissen.

SIE: (Schweigen.)

ER: (Schweigen.)

In einem südjütländischen Ferienhaus kann es im Winter sehr still sein.

Einen Ersatzwahlmann finden wir durch Zufall. Ein Freund aus alten Zeiten kündigt seinen Besuch in Berlin an. Giselher ist Altorientalist und gesellig. Obgleich er aus Liebe zu seiner ägyptischen Gattin zum Islam übergetreten ist, hat er mit unserem TOP 4 keine Probleme.

Dann der Tag, an dem sich die Zukunft unseres Bades entscheidet. Andreas, unser Architekt, zeigt die Pläne für beide Varianten, weist auf die Besonderheiten hin und hält sich ansonsten diplomatisch zurück. Susanne und Chantal diskutieren Variante I (Wanne schräg/links) und Variante II (Wanne gerade/rechts), Giselher und Justus metern ausführlich mit unseren drei Zollstöcken. „Was macht ihr im Bad, wenn ihr zu zweit seid?“, will Meike wissen.

Wir ziehen uns mit Andreas in die Küche zurück und sprechen über Handwerker und Termine. Im Nebenzimmer wird gelacht, dann wird es still. Man ruft uns zurück. Giselher sagt, das Ergebnis sei eindeutig, aber nicht einstimmig. Also 4:1? Giselher bleibt allgemein: „Die Mehrheit hat sich für die Variante I entschieden.“ Die Badewanne wird schräg gestellt, wechselt also die Seite. Meine Gattin freut sich und will mich trösten. Sie sei jetzt so zufrieden, sagt sie, dass sie nun sogar meine Variante akzeptieren würde. Andreas lächelt.

Ich bin enttäuscht und zugleich beruhigt. Fünf intelligente, weit gereiste Menschen haben meine Bedenken verworfen. Ich schätze, dass jeder Juror in seinem Leben bei Freunden, Verwandten und in Hotels rund 100 Bäder benutzt hat. Mit der Jury-Erfahrung von 500 Bädern zählen die knapp 40 Zentimeter zwischen schräger Badewanne und WC nicht. Einen Engpass wird es nicht geben. Daran muss man einfach glauben.

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