Zeitung Heute : Schöne aller Tage

Ohne Makel, ohne Alter: Heute wird Catherine Deneuve, die französische Diva, 60

Jan Schulz-Ojala

Eigentlich ist das eine blöde Frage, tausendmal gestellt: „Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Umso erstaunlicher, dass Catherine Deneuve, sonst sehr sparsam in Sachen Privatissima, sie unlängst der französischen Zeitschrift „Marie Claire“ beantwortete. Also erstens: ein gutes Hautöl. Das liegt nahe, schließlich machte die Diva Werbung für Yves Saint Laurent und wurde, mit 57!, „Botschafterin“ für L’Oréal. Zweitens: ein Kopftuch. Schade, dass es das volle, wenn auch nicht naturblonde Haar verdeckt – aber hatte ihr nicht auch das Kopftuch der Fabrikarbeiterin in Lars von Triers „Dancer in the Dark“ sehr gut gestanden? Und drittens: ein Buch mit Witzen, denn: „Es gibt nichts Besseres für die Schönheit als viel zu lachen.“

Letzteres überrascht. Heiter, gar amüsant kennt man sie kaum von ihren öffentlichen Auftritten, allenfalls amüsiert – doch meistens ist die Königin des französischen Kinos eher „not amused“. Auf der Berlinale 1997 herrschte sie einen Journalisten an: „Wie können Sie es wagen, mir eine solche Frage zu stellen?“ Dabei hatte er nur vorsichtig sondiert, ob sie einmal mit dem Gedanken an eine Psychoanalyse gespielt habe. Oder, letztes Jahr in London, auf die Erkundigung hin, ob sie sich je eine Schönheitsoperation vorstellen könne: „Wie können Sie mich so was fragen? Das ist wirklich lustig.“ Als die Berlinale ihr, unhöflich früh, vor fünf Jahren einen Goldenen Löwen fürs Lebenswerk verlieh, wollte jemand die Lieblingsfilme ihres 70 Werke umfassenden Oeuvres wissen: „Bloß keine Bilanzen!“ war die Antwort. Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben bedauern?, wagte sich ein anderer vor. „Ich lehne es ab, öffentlich Geständnisse zu machen.“

Immer noch schön und fast immer unnahbar: Die Deneuve, eine Diva wie aus einer anderen Zeit, pflegt ihre Geheimnisse. Bis heute bestens im Filmgeschäft in einem Land, in dem auch ältere Schauspielerinnen noch betont weiblich sein dürfen, meidet sie das Fernsehen, die Talkshows, all die GesprächsSchmiermittel jener Leute, die man Prominente nennt. Catherine Deneuve schaut lieber von oben auf die Konkurrenz. Eine Staatsschauspielerin – spätestens seit sie 15 Jahre lang, nach Brigitte Bardot und vor Laetitia Casta, der „Marianne“ Modell saß, deren Büste viele französische Rathäuser ziert. Ein Weltstar seit 40 Jahren, als sie blutjung die Goldene Palme für ihre Rolle als Ladenmädchen in Jacques Démys „Die Regenschirme von Cherbourg“ holte. Eine Filmgöttin, die sich leisten kann, keine „Person der Herzensergüsse“ zu sein, höchstens eine der kollektiven Herzensgeschichte.

Man muss diese faszinierend rätselhafte und doch ganz Oberfläche bleibende Ikone mit den großen Augen, den vollen Lippen und einer Haut wie aus Alabaster ganz aus ihren Filmen zu begreifen suchen. Ihr klügster Bewunderer François Truffaut, der mit ihr „Das Geheimnis der falschen Braut“ (1969) und „Die letzte Metro“ (1980) drehte, nannte sie treffend eine „Schauspielerin der Träumerei“, eine Doppelpersönlichkeit zwischen dem offensichtlichen und dem geheimen Leben. Nie zeige sie alles auf der Leinwand – und vielleicht macht gerade das die Regisseure verrückt nach ihr: die Lust, das Mysterium dieser Frau mit dem einen, eigenen, legendären Film nach außen zu wenden.

Die erste, radikalste Attacke probierte Roman Polanski, da war Catherine Deneuve 21 Jahre alt. In „Ekel“ musste sie eine vereinsamte Maniküre spielen, die, ihren sexuellen Aufruhr niederhaltend, zur schizophrenen Mörderin an zwei Männern wird. „Ekel“, der finsterste Film Polanskis, ist das Dokument einer Verwahrlosung. Am Ende trieb er die Deneuve unters Bett, zwischen faules Fleisch und surrende Fliegen. Luis Buñuel machte sie, in „Belle de Jour“ (1967), zur Schönen, die das Biestige in sich selber sucht und am Ende doch die Schöne bleibt: Schließlich sind die tagesfreizeitlichen masochistischen Eskapaden der frigiden Ehefrau in einem schicken Etagenbordell vielleicht alle nur geträumt. Die „Schöne des Tages“ etablierte Catherine Deneuve endgültig als Schöne aller Tage.

Von diesem Image profitierten, was Deneuves Ruhm nicht schmälert, auch kleinere Filme – und eben diese Aura machte sie schon früh gegen alle Ausleuchtungsversuche immun. Ja, bis heute verlässt sie sich auf ihr Talent, auch in forderndsten Rollen alles und zugleich nichts zu geben. Bei André Téchiné war Deneuve, in „Diebe der Nacht“ ( 1996), eine lesbische Philosophieprofessorin, die, äußerlich gefasst, am Leben und Lieben zerbricht. Nicole Garcia besetzte sie in „Place Vendôme“ (1998) als versoffene Witwe eines Juweliers, aber die Szenen der Zerrüttung spiegeln in ihrer Intensität nur den eisernen Willen einer Frau, sich fürs Leben wiederherzustellen. Zuletzt versuchte sich François Ozon in „8 Frauen“ an der unkaputtbaren Truffautschen „Doppelpersönlichkeit“– klug genug, um damit nur noch zu spielen. Andererseits: War die Schulmädchen-Klopperei zwischen Witwe Deneuve und Fanny Ardant, mündend in einen der groteskesten Küsse der Filmgeschichte, bei aller Komik nicht auch ein bisschen unpassend?

Heute wird Catherine Deneuve 60: merkwürdig runde Ziffer für eine Alterslose. Die Familienfeier dürfen wir uns, bei aller gebotenen Diskretion, so vorstellen: zur Rechten ihr Sohn Christian (der Vater ist Roger Vadim, der sie 1962 fürs Kino entdeckte), zur Linken Tochter Chiara (mit deren Vater Marcello Mastroianni drehte sie drei Filme) – und gegenüber ein leer bleibendes Gedeck für ihre vergötterte, nur ein Jahr ältere Schwester, mit der sie in Jacques Démys „Les demoiselles de Rochefort“ vor der Kamera stand und die kurz darauf, 1967, bei einem Autounfall starb. Den ultimativen Geburtstagswunsch, ausnahmsweise an die Jubilarin, hat für alle Zeiten Jean Sorel ausgesprochen, der in „Belle de Jour“ ihren Ehemann spielt: „Ich möchte, dass alles vollkommen wäre. Dass du nicht mehr so kalt bist.“ Nur: Es ist eben diese Kälte, die Catherine Deneuve so vollkommen macht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar