Zeitung Heute : Schöne Aussichten

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Optimismus hält das Herz gesund

Hartmut Wewetzer

Viktor Frankl war ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Mensch. Der 1905 geborene Wiener Nervenarzt und Therapeut leitete in den 30er Jahren den „Selbstmörderpavillon“ im psychiatrischen Krankenhaus und half Tausenden von lebensmüden Frauen. Er überlebte als Jude die Tortur der Konzentrationslager und entwickelte nach dem Krieg eine eigene Form der Psychotherapie, die „Logotherapie“. Sie stellt die Suche nach dem Sinn des Lebens in den Mittelpunkt.

Das Erstaunlichste an Frankl aber war sein Lebensmut. Selbst in den düstersten Stunden seines Lebens verließ er ihn nicht. „Das Leben des Menschen behält seinen Sinn solange er atmet“, sagte er. Warum aber erzähle ich Ihnen das alles? Weil Frankl, der 1997 mit 92 Jahren starb, ein leuchtendes Beispiel dafür sein kann, wie Optimismus uns zu einem langen Leben verhilft.

In die gleiche Richtung zielt das Ergebnis einer niederländischen Studie, die vor kurzem im Fachblatt „Archives of Internal Medicine“ veröffentlicht wurde. Erik Giltay vom Institut für mentale Gesundheit in Delft und seine Kollegen hatten über 15 Jahre untersucht, wie sich eine positive Lebenseinstellung auf die Herzgesundheit von rund 550 älteren Männern auswirkte. Die Männer wurden befragt, inwieweit sie Sätzen zustimmen wie „Ich erwarte noch viel vom Leben“ oder, eher pessimistisch getönt, „Meine Tage scheinen langsam zu vergehen“.

Das Resultat war eindeutig. Denn das Risiko für optimistische Männer, in den 15 Jahren an einem Herz-Kreislauf-Leiden zu sterben, war annähernd halbiert im Vergleich zu jenen, die weniger positiv in die Zukunft sahen. „Es gibt eine starke Verbindung zwischen Optimismus und körperlicher Gesundheit“, folgert der Untersuchungsleiter Giltay.

Ein halbiertes Risiko – das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Man sollte diese Aussage mit einem Körnchen Vorsicht genießen. Denn die Untersuchung beweist nicht, dass es ausschließlich der Lebensmut war, der die Herzen rettete. Es könnte ebenso sein, dass optimistische Menschen besser auf sich Acht geben und mit Problemen besser fertig werden. Aber das ist ja nicht wenig. Bei Frauen scheint der Effekt etwas schwächer zu sein.

Die Frage, ob die Gefahr von Herzkrankheiten sinkt, wenn man seine Einstellung zum Leben verbessert, kann die Studie nicht beantworten. Man kann es allenfalls vermuten. Und sich an Viktor Frankl halten. Der hat später im Leben das Bergsteigen gelernt – um seine Angst davor zu besiegen. „Wer ist stärker, ich oder der Schweinehund in mir?“ hat er sich gefragt. Sein Geist trotzte der Furcht, und Frankl erfuhr auf den Höhen der Berge etwas, was er ganz euphorisch „Gipfelerlebnis“ nannte. Eine optimistische Grundstimmung sollte man also nicht mit Plattheit und Oberflächlichkeit verwechseln. Im Gegenteil: sie kann zu einem tieferen Erleben verhelfen und uns helfen, unsere Grenzen zu überschreiten und einen Sinn im Leben zu finden. Oder zu erklettern.

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