Zeitung Heute : Schönefeld liegt nicht bei Seveso

Der Tagesspiegel

Die Angst vor den neuen Dioxinfunden ist übertrieben

Von Alexander S. Kekulé

Angst ist ein schlechter Berater, sie ist unbelehrbar. Kürzlich ergab eine Studie, dass sich nur 40 Prozent der Deutschen durch Krebs und Kreislauferkrankungen – die häufigsten Todesursachen – bedroht fühlen. Dagegen fürchten 44 Prozent, durch die Luftverschmutzung krank zu werden, 41 Prozent raubte die Angst vor Umweltgiften wie Dioxin den Schlaf.

Da verwundert es nicht, dass die jüngsten Dioxin-Funde in der Nähe des Schönefelder Flughafens die Gemüter erhitzen. Ein Badetümpel bei Diepensee soll pro Kilo Schlamm 34,6 Mikrogramm Dioxin enthalten – etwa doppelt so viel wie der Boden in der berüchtigten „Zone A“ des Seveso-Unglücks von 1976. Müssen Kinder, die bis vor kurzem noch in dem Tümpel gebadet haben, nun mit den horrenden Seveso-Krankheiten Chlorakne, Unfruchtbarkeit und Leukämie rechnen? Davon kann zum Glück keine Rede sein - auch wenn Gegner des umstrittenen Großflughafens Schönefeld den Seveso-Horror gerade wiederauferstehen lassen. Zwar wurde der strenge Grenzwert von 0,1 Mikrogramm Dioxin pro Kilo Erde, der etwa für Spielplätze gilt, fast um das 350fache überschritten. Das Seveso-Gift „TCDD“ (2,3,7,8-Tetrachlor-dibenzodioxin) ist eines der stärksten bekannten Gifte, 10 000 Mal giftiger als Zyankali. Da Dioxin meistens als Mischung verschiedener chemischer Verbindungen vorkommt, werden Umweltmessungen auf die Giftigkeit von TCDD umgerechnet. Für den Diepensee-Tümpel bedeutet das: Ein Kilo Schlamm würde bei einem Kind auf der Haut bereits Chlorakne hervorrufen, nach Verschlucken wäre es - theoretisch - tödlich.

Zum Glück hat Dioxin jedoch eine Eigenschaft, die es relativ einfach kontrollierbar macht: seine schlechte Wasserlöslichkeit. Das in Vietnam eingesetzte, dioxinhaltige Entlaubungsmittel „Agent Orange“ war so gefährlich, weil es tonnenweise von Flugzeugen versprüht wurde. In Seveso bekamen 160 Menschen Chlorakne, weil ein bis zwei Kilo reines TCDD als weiße Staubwolke aus einer Chemiefabrik austraten. Da badende Kinder jedoch nicht kiloweise Schlamm, sondern höchstens Wasser verschlucken, hat das im Sediment festsitzende Diepensee-Dioxin aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Schaden angerichtet. Übrigens sind in der Vergangenheit auch höhere Dioxinbelastungen (um 100 Mikrogramm pro Kilo Erde) in Wohngebieten gemessen worden, in denen früher Pestizid- oder Papierfabriken standen. Durch schnelle und vorschriftsmäßige Sanierung dieser Altlasten konnte die Dioxin-Gefahr wirksam gebannt werden. Auch in Seveso sind nach der sofortigen Abtragung der kontaminierten Erde keine weiteren Vergiftungen mehr aufgetreten.

Hier liegt der wirkliche Skandal: Offenbar wurden die Vorschriften, die eine Entsorgung des Schlamms als Sondermüll erfordert hätten, jahrelang ignoriert. Wenn Dioxin über Weideflächen und Ackerbau in Tierfutter und Lebensmittel gelangt, entfaltet seine gefährlichste Wirkung – es reichert sich in der Nahrungskette an. Wegen der außerordentlichen Stabilität des Super-Giftes sind Fische aus der Ostsee noch heute hoch mit Dioxin belastet, das vor Jahrzehnten von der Industrie und bei der Müllverbrennung freigesetzt wurde. Erst die weltweite Begrenzung der Freisetzung und die konsequente Entfernung von Altlasten aus der Umwelt haben dazu geführt, dass die Dioxinbelastung der Nahrung in den letzten Jahren allgemein gesunken ist.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!