Zeitung Heute : Schöner pöbeln

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

In diesen Tagen voll Sommer, Sonne und Gemütlichkeit ist Berlin seltsam leer: Die pöbelnden Prolls sind verschwunden. Wo ist der Kerl, der am Fahrkartenschalter sitzt und die Fahrgäste anätzt: „Woher soll ick wissen, wie Sie da hinkommen?“ Wo ist der hupende Verkehrsrowdy, der verschreckten Passanten hinterherruft: „Macke, oda wat?“ Und wo sind die Fans von Hertha BSC? Die meisten von ihnen haben die Stadt verlassen – vorübergehend. Jetzt wird an der Ostsee gepöbelt.

In Berlin bevölkern nun andere die Cafés und die aufgeschütteten Sandhalden am Spreeufer. Es sind jene unsicheren Gestalten, die mit Hüten und Stadtführern über die Bürgersteige stöckeln. Wenn sie nach dem Weg zur nächsten Strandbar fragen und eine sommerlich-freundliche Auskunft erhalten, rufen sie erstaunt: „Komisch, hier sind ja alle so nett.“ In solch einem Fall bleibt Berlinern nur die triumphierende Antwort: „Da könn’se mal sehen.“

Aber Berliner können auch anders. Nicht, dass wir die Touristen in die Provinz zurückschreien wollen. Nein, bei Sonne und Gemütlichkeit müssen Gäste sanft auf ihre Grenzen hingewiesen werden. Das ist ein kleines Berliner Sommerspiel. Es geht so:

Spielmöglichkeit eins: Am Wochenende war ich in der DDR-Kunstausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Dort war es schön kühl und schön voll. Vor den Bildern standen sächselnde Muttis und Vatis, die ihren Sohnis und Tochtis erklärten: „Nu, kugge mal, die Dinga hängn ja ooch in Kämps.“ (Übersetzt heißt das: „Sieh mal an, die Bilder hängen sonst in einem Museum in Chemnitz.“) Wenn man diese Touristen ärgern will, muss man sich neben sie stellen und laut sagen: „Ganz schön viele Ostpocken hier.“ Ergebnis: ein böser Blick und dann ein Lächeln.

Spielmöglichkeit zwei: Vor ein paar Tagen war ich im Hexenkessel Hoftheater, einer Freiluftbühne im Monbijoupark. Dort wurde ein amüsantes Stück von Shakespeare gespielt, in dem eine Darstellerin dichtete: „Politik und Weltanschauung sind nicht gut für die Verdauung.“ Eine vom Goethe-Institut gesponserte Touristengruppe aus Asien in der Reihe vor mir applaudierte. Wer diese Gäste ärgern will, muss sich zu ihnen vorbeugen und sagen: „Den Satz hat sogar mal ein Bundesminister im Fernsehen gesagt.“ Ergebnis: ein erstaunter Blick und ein Lächeln.

Spielmöglichkeit drei: Letzte Woche stand ich mit einem Freund vor der Strandbar Mitte. Als immer mehr Massen die Treppe zum Sandplatz mit Alkoholausschank hinunterdrängten, stellten wir uns lässig ans Geländer und fragten jeden Ankommenden: „Hast du einen Stempel?“ Nach der Antwort, einem Kopfschütteln, sagte mein Freund, der zweite Einlasser: „Tja, dann macht das drei Euro.“ Erst als die Touristen schon nach dem Geld kramten, sagten wir: „Na gut, geht durch! Ist sowieso gleich Feierabend.“ Ergebnis: ein dankbarer Blick. Und ein Lächeln.

Sommer, Sonne und Gemütlichkeit – und in Berlin herrscht sanfte Pöbelei. Es ist ein kleines, schönes Spiel. Wem es zu langweilig wird, dem sei das Hertha-Spiel am Samstag gegen Freiburg empfohlen. Ab 15.30 Uhr heißt es im Olympiastadion wieder: „Ey Schiri! Macke, oda wat?“

Hertha-Karten gibt es unter 01805-189200. Die Prollplätze in der Kurve kosten acht Euro.

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