Zeitung Heute : Schöner Schlamm

Marlis Heinz

Von der Statur her sind sie nicht alle ganz griechisch. Aber irgendwie erinnert der Anblick der Damen und Herren, die einer Kreidepackung entsteigen, trotzdem an antike Skulpturen. Marmorweiß. Zumindest vom Halse abwärts, denn der Kopf wurde nicht mit eingeschmiert und in Folie verpackt. Er durfte herausgucken, während der ganze Körper eine knappe halbe Stunde auf dem wohlig-wabbelnden Wasserbett schwitzte.

Während Sylvia Herud, Masseurin und Bademeisterin in der Wellness-Abteilung des Hotels "Wreecher Hof" bei Putbus, ihre nächste Kundin von allen Seiten mit Kreidebrei einweißt, bekommt die gleichzeitig noch einen Vortrag über die Herkunft und die Tugenden des Naturmittels zu hören: "Die Kreide ist vor rund 70 Millionen Jahren entstanden und besteht aus den Resten winziger Schalentierchen. Sie hat ein gutes Wärmespeicherungsvermögen und muss nicht so stark erhitzt werden wie Fangopackungen. Man verwendet sie bei rheumatischen Erkrankungen, Gelenkentzündungen oder Neuralgien."

Eine Art Wundermittel offenbar. Denn: Schön macht die Kreise auch. Sie lauge Schlackestoffe aus der Haut und wirke als Peeling. Die Bademeisterin schwärmt: "Ich kann das Pulver wie Gips einfach nur mit Wasser anrühren, aber auch mit Ölen, Algen, Ton-Erden, Stutenmilch - je nach Wunsch." Und für den wahrscheinlichen Fall, dass die inzwischen Zugewickelte nicht alles verstanden hat, legt sie noch ein kleines Heftchen auf deren Handtuch: "Alles über die Rügener Heilkreide".

Kreidebehandlungen gibt es nicht erst, seitdem Begriffe wie Beauty und Wellness in den Katalogen stehen. Schon die alten Römer setzten ihren Bädern Marmorstaub zu. 1910 stiegen in Sassnitz die ersten Patienten in gelöste Rügener Heilkreide. Sie erhofften (und erfuhren zumeist auch) Linderung ihrer Gliederschmerzen. Die Wirkung als Schönheitsmittel wurde von den Medizinern eher beiläufig erwähnt. Bis 1972 gab es diese Anwendungen in Sassnitz, dann geriet zu viel Kreideschlamm in die Abwasserleitungen - und das Mittel in Vergessenheit. Auf der Suche nach Argumenten, warum Touristen ausgerechnet auf Rügen kommen sollten, erinnerten sich die Insel-Touristiker an den einstigen Trumpf und gründeten mit Experten den Arbeitskreis "Rügener Heilkreide".

Viele Rügener Hotels haben seit Mitte der Neunziger dieses inseltypische Gesundheits- und Schönheitsmittel in ihr Programm aufgenommen. Sie binden es in Pauschalen ein oder bieten Einzelanwendungen an. Mal werden Ganzkörperpackungen empfohlen (je nach Hotel 35 bis 50 Mark), mal nur Teilbehandlungen. Mal wird die Packung mit einer Massage kombiniert, mal kommt sie solo ... Nur eine märchenhaft lieblichere Stimme verspricht keiner der Anbieter.

Keine Sorge übrigens: Die Tagebaue, wo in den nächsten 60 Jahren Kreide gefördert wird, liegen im Inneren der Insel und sind bereits festgelegt. Liebhaber der berühmten Jasmunder Kreidefelsen brauchen also nicht zu befürchten, dass dieses Wahrzeichen Rügens sukzessive auf die Feriengäste gepappt wird.

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