Zeitung Heute : Schöner sitzen

Kerstin Gehrke

Möbelhändler verkaufte gestohlene Stühle und Tische aus dem Bundestag – und wurde freigesprochen

Mit dem Ankauf von Bundestagsmobiliar hat sich Alexander O. ganz schön etwas aufgeladen. Erst musste er feststellen, dass seine Kunden nicht allzu erpicht auf ausrangierte Parlamentarierstühle waren. Dann tauchte die Polizei in seinem Gebrauchtmöbelladen in Kreuzberg auf. Weil die von dem Händler gekauften 144 Drehstühle, 17 Besucherstühle, 14 Freischwinger und 23 Schreibtische gestohlen waren, musste er sich gestern wegen Hehlerei vorm Amtsgericht Tiergarten verantworten.

„Ich wusste, dass es Bundestagsmöbel waren, es klebten ja Aufkleber dran“, sagte der 36-jährige Angeklagte. Für ihn sei der Ankauf ein normales Geschäft gewesen. Für einen Drehstuhl etwa habe er sieben Euro bezahlt. Den Zeitwert des Mobiliars hatte die Anklage allerdings auf 40 000 Euro taxiert. „Ich bin sprachlos darüber, dass mir geklaute Waren untergeschoben wurden“, beteuerte der von Zeugen als „übergenau“ beschriebene Mann. Die Möbel seien zum Teil über zehn Jahre alt gewesen. Zwei Fahrer der Spedition Plischka hätten ihm erklärt, die Sachen wären sonst verschrottet worden. Tatsächlich sollten die – inzwischen entlassenen – Fahrer Michael S. (37) und Sven B. (29) die Möbel, die in den Büros der Fraktionen und Parlaments-Mitarbeiter nicht mehr gebraucht wurden, in ein Spandauer Lager bringen. „Wir haben O. nicht gesagt, dass wir die Sachen geklaut haben“, sagte B. als Zeuge. Im Lager sei es zum Teil chaotisch zugegangen. „So kamen wir auf die Idee.“ Zwischen November 2002 und Januar 2003 luden sie ihren Transporter 14-mal voll, eine Hälfte brachten sie nach Spandau. Die andere verhökerten sie an den Händler.

Fast sechs Stunden lang befragte das Gericht Zeugen. Der Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe von 5400 Euro gegen den Händler. Der Richter aber sah die Sache anders. O. habe Quittungen ausgestellt, die Bundestags-Aufkleber nicht entfernt. „Das spricht für ein gutes Gewissen.“ Ein Vorsatz jedenfalls sei ihm nicht nachzuweisen, begründete der Richter den Freispruch. Den beiden Möbeldieben soll am 30. Juni der Prozess gemacht werden.

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