Zeitung Heute : Schönheit und Heilkraft aus dem Fernen Osten

Kleinwüchsige Formen des Ginkgos gedeihen auch in Gartenkübeln

Helga Panten dpa

Ginkgos haben den Nimbus des Besonderen. Denn ihr majestätischer Wuchs, die eigentümlichen Blätter und ihre Abstammung aus grauer Vorzeit heben sie heraus aus der Vielzahl der Bäume. Gartenbesitzer hätten sie schon immer gern gepflanzt. Die Größe von 15 bis 20, ja 30 Metern verhinderte das bisher. Inzwischen gibt es jedoch kleinwüchsige Sorten, die sich sogar für Kübel eignen.

Europa lag noch tief unterm Meer, da wuchsen bereits die Ginkgos. Vor 300 Millionen Jahren, vielleicht sogar noch früher, reckten sie ihre etwas steifen Äste in die Luft. Im Jura und in der Kreidezeit erlebten sie ihre Blüte. Aber dann kamen die Eiszeiten des Tertiärs, zwangen sie zum Rückzug, und die neu entstehenden Nadelbäume machten ihnen Konkurrenz. Die meisten Ginkgo-Arten starben aus. Nur Ginkgo biloba überlebte auf einer 25 Quadratkilometer großen Fläche im Südosten Chinas. Jahrtausende hindurch entfaltete er nur noch dort seine fächerförmigen Blättchen – bis die Menschen kamen. Sie entdeckten seine Schönheit und vor allem seine Heilkraft. Voller Verehrung nahmen sie ihn mit in ihre Palast- und Tempelgärten. So eroberte der Ginkgo den Fernen Osten zurück.

Die älteste Erwähnung des Ginkgo geht auf die chinesische Rezeptsammlung Shen Nung Pen Tsao Ching zurück, die während der Han-Dynastie rund 2800 Jahre vor Christus entstand. Darin wird die Pflanze als Mittel zur Verbesserung der Blutzirkulation und gegen Lungenerkrankungen beschrieben. Später diente Ginkgo auch gegen andere Beschwerden und als Wundpflaster. In Deutschland gilt der Ginkgo heute vor allem als Mittel zur Verbesserung der Gedächtnisleistung.

Als erster Europäer entdeckte der deutsche Botaniker Engelbert Kaempfer den Baum 1691. Er brachte Samen nach Europa, wo der Ginkgo für ein Nadelgehölz gehalten wurde. In Baumschulkatalogen steht er noch heute zwischen Zypresse und Wacholder. Erst 1896 entdeckte der Japaner Sakugoro Hirase, dass der Baum keine Pollen entwickelt, wie bei Nadelbäumen üblich. Verborgen in den Samenanlagen findet ein Generationswechsel statt – wenn auch in stark reduzierter Form. Das erinnert an die Vermehrung der Farne, und tatsächlich steht der Ginkgo entwicklungsgeschichtlich zwischen Farnen und Blütenpflanzen. Nicht weniger eigentümlich ist die Gestalt der Blätter.

Fächerförmig mit parallel angeordneten Adern sitzen sie am langen Stiel. Meist ist das Blatt ein Mal tief eingeschnitten, was zu dem Artnamen „biloba“ – zweiblättrig – führte. Die chinesische Philosophie sah darin das Sinnbild für Yin und Yang, für das männliche und das weibliche Prinzip. Goethe interpretierte es als Symbol der Liebe und Freundschaft zweier Menschen, die zwar getrennt, aber doch eins sind. „Ist es ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt?“, fragt er in seinem Gedicht über den Ginkgo.

Zweigeteilt ist aber nicht nur das Blatt. Der Baum zählt zu den zweihäusigen Gewächsen. Es gibt männliche und weibliche Exemplare. Das zu wissen ist wichtig, denn nur die weiblichen Bäume tragen Früchte. In Fernost stehen sie hoch im Kurs. In Deutschland werden sie weniger geschätzt. Das Fruchtfleisch rund um die Kerne enthält Buttersäure und stinkt für europäische Nasen. So mancher Ginkgo musste schon weichen, weil die Menschen in der Nachbarschaft den Geruch nicht aushielten. Männliche Exemplare stinken nicht. Daher wäre es am einfachsten, nur sie zu pflanzen. Ginkgos kommen aber erst im Alter von rund 20 Jahren zum ersten Mal zur Blüte. Bei aus Samen gezogenen Exemplaren steht das Geschlecht erst dann fest, bei veredelten ist das einfacher. Sie besitzen das gleiche Erbgut wie die Pflanze, von der das Edelreis geschnitten wurde. Ein Großteil der in Deutschland erhältlichen Sorten ist männlich und kann bedenkenlos gepflanzt werden.

Unter den großwüchsigen ist die Sorte ,Autumn Gold‘ eine der schönsten. Sie färbt sich im Herbst besonders intensiv. Schlanke Säulen bildet ,Fastigiata‘. ,Pendula‘ entwickelt lange, abstehende Zweige, die mit zunehmendem Alter schirmförmig herabhängen. ,Laciniata‘ zeigt tief geschlitzte Blätter, und bei ,Hungaria‘ finden sich die verschiedensten Blatttypen von schmal und fast nadelig über tief geschlitzt bis hin zu breiten, fast kreisrunden Fächern.

Neben diesen nur für große Gärten, Straßen und Parks geeigneten Sorten wächst die Zahl der kleinwüchsigen Formen. Die meisten wurden als Hexenbesen an normalwüchsigen Exemplaren entdeckt. ,Troll‘ ist so eine Sorte, die flach wächst und höchstens zwei Meter Höhe erreicht.

Im Kübel bleibt sie sogar noch niedriger. Auch ,Mariken‘ wächst flach kugelförmig. Sie wird gern auf Stämmchen zum kleinen Ginkgo-Bäumchen veredelt. Gelb-grün gestreifte Blättchen machen ,Maribo‘ zum Hingucker, allerdings zeigen nicht alle Blätter die Zeichnung. Wer einen Ginkgo pflanzen möchte, muss sich um den Standort kaum Gedanken machen. Er gedeiht auf jedem kultivierten Boden und liebt frische, tiefgründige, gut durchlässige und nahrhafte Erde. An einem sonnigen oder licht schattigen Platz wächst er zuverlässig. Schädlinge meiden ihn. Das Stadtklima erträgt er ohne Murren. Nur Spätfrost kann ihm in jungen Jahren zusetzen. Steht er im Kübel, sollte Noppenfolie seine Wurzeln vor Frost schützen. Helga Panten/dpa

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