Zeitung Heute : „Schon wenig Wasser reicht zum Kentern“

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Die Fähre im Roten Meer ist innerhalb kurzer Zeit gesunken. Gibt dies einen Hinweis darauf, warum das Schiff verschwand, Herr Lehmann?

Die genaue Unglücksursache lässt sich wohl erst nach einer genauen Untersuchung klären. Doch im Moment sieht es so aus, als ob das Schiff gekentert ist. Fähren haben unter anderem das grundsätzliche Problem, dass sie durch das offene Wagendeck keine innere Unterteilung haben. Wenn zum Beispiel die Verschlüsse undicht sind, dann kann sich das Wasser sehr schnell im Fahrdeck sammeln. Kommt dann Krängung hinzu, dann rutscht das Wasser sehr schnell auf eine Seite. Innerhalb von zehn Minuten kann ein solches Schiff sinken. Das würde auch erklären, dass es relativ viele Tote gibt.

Wie kann es passieren, dass überhaupt Wasser eindringt?

Das kann viele Ursachen haben, zum Beispiel kann es sein, dass die Verschlüsse der Fähre unsachgemäß bedient wurden oder Sicherheitsstandards nicht eingehalten wurden. Möglich wäre zum Beispiel auch eine durchgerostete Leitung. Andere Faktoren können dazukommen: Zum Beispiel könnte es sein, dass die Autos an Bord nicht festgezurrt waren. Das kostet Zeit und Geld. Oft ist es so, dass man auf das Zurren verzichtet, wenn der Kapitän es nicht für notwendig hält. Wenn die Autos aber verrutschen, können sie das Schiff schnell zum Kentern bringen. Da reicht schon eine geringe Menge Wasser.

Was hat die Schiffbauindustrie aus ähnlichen Unglücken, wie zum Beispiel dem Untergang der „Estonia“, gelernt?

Für neue Schiffe wurden nach dem Unfall zusätzliche Stabilitätskriterien festgelegt. Demnach muss bis zu einem halben Meter Wasser in dem Schiff stehen können, ohne dass das Schiff von der Stabilität her in Gefahr kommt. Diesen Nachweis muss es jetzt geben – allerdings nur bei Schiffen, die im internationalen Verkehr fahren und die nach dem „Estonia“-Unglück gebaut wurden.

Eike Lehmann ist Professor für Schiffbau an der Universität Hamburg-Harburg. Das Gespräch führte Fabian Leber.

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