Zeitung Heute : Schonend ans Licht gebracht

Mit einem Spezialscanner wurden Zeichnungen des Architekturmuseums für die Zukunft gesichert

Sybille Nitsche
Pracht. Das Damenbad im Admiralspalast von Heinrich Schweitzer. F.: Architekturmuseum
Pracht. Das Damenbad im Admiralspalast von Heinrich Schweitzer. F.: Architekturmuseum

Akribisch, zuverlässig und ohne viel Aufhebens verrichtet Christine Reinemund in einer schwarzen Kammer im Architekturgebäude ihre Arbeit. Man könnte auch sagen am kulturellen Gedächtnis der Menschheit. Seit fünf Jahren digitalisiert sie die Bestände des Architekturmuseums der TU Berlin. 50 Scans am Tag, 250 in der Woche. Darunter sind solche Kostbarkeiten wie Carl Gotthard Langhans’ Konstruktionszeichnung für das Brandenburger Tor von 1788/89, Friedrich August Stülers Entwürfe für das Neue Museum, Hans Poelzigs berühmte Kohlezeichnung eines Hochhauses an der Berliner Friedrichstraße von 1921/22 oder der Flockprint einer multimedialen Installation von Jürgen Mayer H. für das San Francisco Museum of Modern Art von 2004. Insgesamt 160 000 Zeichnungen, Pläne, Skizzenbücher, Akten, Fotografien und Lichtpausen bedeutender Baumeister, Maler und Archäologen des 19. und 20. Jahrhunderts umfasst die Sammlung.

Für die Digitalsierung steht ein moderner Scanner zur Verfügung. Bei geringer Lichtbelastung arbeitet er absolut berührungsfrei. Empfindliche Originale werden somit kaum beansprucht. Selbst Großformate wie den Bebauungsplan Berlins von Herrmann Jansen aus dem Jahr 1910, der fast drei mal drei Meter misst, scannt er in hoher Auflösung verzerrungsfrei. Er liefert digitale Daten, die Bildschirmpräsentationen, aber auch Faksimiledrucke in Originalgröße ermöglichen.

Drei Minuten dauert ein Scan. Dann sind die Handzeichnungen eines Karl Friedrich Schinkel oder Alfred Messel für die Zukunft gesichert. Mittlerweile wurden rund 130 000 Architekturbilder digitalisiert. Aneinandergereiht entspricht das einer Strecke von 140 Kilometern oder einer Fläche von 14 Fußballfeldern.

Spiritus Rector der Digitalisierungskampagne ist Hans-Dieter Nägelke, der Leiter des Architekturmuseums. Umgesetzt wurde sie mit einem achtköpfigen Team unter seiner Ägide und 840 000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in dem Projekt „Digiplan“.

Nägelke „katapultierte“ mit dieser Arbeit das Museum, das heute eine Abteilung der Universitätsbibliothek ist, ins 21. Jahrhundert. Es wurde nicht nur die Sammlung gesichert, sondern auch der Zugang zum Archiv modernisiert und damit den Anforderungen des Internetzeitalters angepasst. Zudem wurde der Bestand mit anderen Datenbanken in Bibliotheken, Archiven und Museen wie zum Beispiel mit der Deutschen Fotothek oder des internationalen Museumsportals Europeana vernetzt. Voraussetzung für den Erfolg des Projektes war eine gründliche Planung: von der Datenaufnahme für das Scannen über die Verschlagwortung, Speicherung und Zuordnung im Online-Katalog bis hin zum Druck, noch bevor die erste Zeichnung überhaupt gescannt wurde.

„Viele Zeichnungen bestehen aus säurehaltigem Papier, was sie besonders anfällig macht. Durch die Digitalsierung sind sie nun dauerhaft dokumentiert, auch solche Blätter, wie zum Beispiel schlecht fixierte Lichtpausen, die irgendwann einmal nicht mehr zu retten und unwiederbringlich verloren sein werden“, sagt Nägelke. Zudem schone die Digitalisierung die Originale, weil kaum noch auf sie zugegriffen werden müsse.

Denn mit der Digitalisierung ging der Aufbau eines Online-Kataloges einher, der vom Architekten über die Inhaltsbeschreibung bis hin zu Material, Technik, Signaturen sowie zeitgenössischen und heutigen Ortsbezeichnungen Auskunft gibt. Das Objekt lässt sich vergrößern, um Details zu betrachten, und über Google-Maps kann der Standort des Bauwerkes recherchiert werden. Als eines der ersten Museen weltweit hat es nahezu seine gesamte Sammlung online zur Verfügung stellt.

Der Katalog mit seinen vielen Informationen ist nicht nur der Wissenschaft uneingeschränkt zugänglich, sondern auch der Öffentlichkeit. Wenn mit Hilfe des Archivs der Streit innerhalb einer Gemeinde geschlichtet werden kann, ob der Kirchturm jemals eine Uhr hatte oder nicht, freut das Nägelke genauso wie die Recherchen der TU Danzig, die anhand von Fotos aus der Sammlung Feuerschalen und Dachreiter an ihren Gebäuden restaurieren konnte.

Ein zusätzlicher Gewinn der Digitalisierungskampagne ist, dass das Museum sein über viele Jahre erworbenes Können zur Reproduktion großer und empfindlicher Vorlagen inzwischen als Dienstleistung anbieten kann: für andere Museen und Sammlungen ebenso wie für Geschäfts- und Privatkunden. Ein eigener Großformatdrucker liefert zudem Faksimiledrucke in Museumsqualität, sodass sich heute jeder die Schätze der Sammlung per Mausklick nach Hause bestellen kann.

Ohne die hohe Druckqualität von Faksimiles wäre übrigens die soeben beendete Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen dieses ersten deutschen Architekturmuseums im Musterraum der Bauakademie am Schinkelplatz nicht zustande gekommen. „Auch wenn der Unterschied nur mit der Lupe zu erkennen ist, hätten wir natürlich lieber die Originale gezeigt“, sagt Nägelke. „Doch das wäre unter den provisorischen Verhältnissen der Schinkel-Attrappe konservatorischer Frevel gewesen.“ Der Ort war den Archivaren aber wichtig, da das Museum in der Bauakademie seinen Anfang nahm.

Neben der Fortentwicklung der Sammlung sieht Nägelke in der Gestaltung von Ausstellungen eine wichtige Aufgabe „seines“ Museums. Seit Beginn von „Digiplan“ wurden 15 Expositionen initiiert, wie zum Beispiel die Schau „Stadtvisionen 1910|2010“ an der TU Berlin.

Zurzeit ist das Museum an einem Forschungsprojekt der Akademie der Künste beteiligt. Die Akademie restauriert den in ihrem Besitz befindlichen Nachlass des Architekten Hans Scharoun, ehemals Student und Professor an der TU Berlin. Nach Abschluss der Arbeiten wird der Nachlass im Architekturmuseum digitalisiert, und es sollen Messungen an Farben und Papier vorgenommen werden, um Rückschlüsse auf einen etwaigen Restaurierungsbedarf bei Blättern in anderen Sammlungen und Nachlässen ziehen zu können.

Die Datenbank im Internet unter

http://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/

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