Schornsteinfeger : Das Glück bekommt Konkurrenz

Helmut Schümann

Ist Glück eigentlich staatenlos, länderübergreifend, zumindest im Bereich der Europäischen Union? Es wurde gerade ein Gesetz geändert, was im Nebenzug den Glücksmarkt erheblich in Bewegung bringen wird. Das Schornsteinfegermonopol, besser das Kehrmonopol fällt. Bisher war es so: Wartete ein Schornsteinfeger nur ein paar Jahre, bekam er einen Bezirk zugewiesen, und in dem durfte er die Schlote kehren bis zur Rente. Nichts und niemand konnte ihn daran hindern, keine Gasetagenheizung, keine Wärme aus der Steckdose. Und auch wenn ein Hausbesitzer glaubhaft beteuerte, er koche praktisch nie, und wenn, nur in der Mikrowelle, er erzeuge also gar keinen Rauch, macht nichts, der Mann in Schwarz stieg ihm dennoch aufs Dach, bürstete, was das Zeug hielt, und wenn die Luft im Kamin wieder sauber war, kassierte er die Gebühren. In Deutschland gibt es 8000 solcher Bezirkskaminmeister und Bezirkskaminmeisterinnen. Warum? Weil es in Deutschland eben den Kehrzwang gibt. Zum Vergleich, in den gesamten Vereinigten Staaten von Amerika brauchen sie lediglich 800 solcher Feuerendverwerter.

Kehrzwang, das klingt nicht nur manisch, das ist es wohl auch. Man könnte nun annehmen, dass die Gesetzesänderung – das Gesetz ist schon alt, es existiert seit 1935 – in der Moderne der Heiz- und Küchentechnologie angekommen ist, aber das wäre ein Irrtum. Auch wenn nur noch verschwindend wenige Menschen ihr Mahl über dem offenen Feuer zubereiten und dabei Rußpartikel durch den Schornstein jagen, am Kehrzwang rüttelt die Gesetzesänderung absolut nicht. Der Kehrzwang wird nur ein wenig offener, europäischer. Künftig werden die Kehrbezirke alle sieben Jahre neu ausgeschrieben, und dann können wir Hausbesitzer uns selber aussuchen, wer den unbenutzten und rußfreien Kamin rußfrei macht. Der immer gleiche Bezirksschornsteinfeger ganz bestimmt nicht mehr. Dann kommen die Schornsteinfeger aus Polen, oder aus Italien, Frankreich, vielleicht aus Portugal, von überall her also, was die Europäische Union anbietet. Und dann wird sich die Glücksfrage stellen. Schornsteinfeger sind berühmte Glücksbringer, das kommt daher, weil sie früher, in Zeiten der Bolleröfen und Essen, die Häuser in der Tat vor dem Unglück einer Feuersbrunst schützten. Auch wenn das heute nicht mehr so arg notwendig ist, bringen sie trotzdem immer noch Glück. Man wird dann bald sehen, ob das polnische Glück ein anderes ist als das italienische oder spanische. Helmut Schümann

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