Zeitung Heute : Schotter und Barrikaden

Hüben Albaner, drüben Serben – Valdete Idrizi lebt im Süden der geteilten Stadt Mitrovica und arbeitet im Norden. Das ist gefährlich und erfordert Mut. Denn zu dem tiefen Hass zwischen den Volksgruppen gesellt sich nun ein weiteres Motiv für die Gewalt im Kosovo: die Verteidigung eines Geschäftsmodells.

Auf den Barrikaden. Die Brücke über den Fluss Ibar ist auf ihrer Nordseite verbarrikadiert. Valdete Idrizis Weg zur Arbeit ist seither um einen Umweg länger. Foto: AFP
Auf den Barrikaden. Die Brücke über den Fluss Ibar ist auf ihrer Nordseite verbarrikadiert. Valdete Idrizis Weg zur Arbeit ist...Foto: AFP

Einmal am Tag, jeden Morgen, beugt sich die mutigste Frau des Kosovo dann doch einer der Regeln, die in ihrer Stadt die öffentliche Ordnung garantieren. Sie schraubt die Nummernschilder ihres Autos ab. Sie verschleiert die Identität ihres Wagens und damit ihre eigene, seufzt und fährt los. Über die Straßen von Mitrovica, einer Stadt, in der das ganze Nachkriegselend des Kosovo Platz hat.

Mitrovica liegt im Norden des Landes, von hier bis rauf zur Grenze ist serbisch dominiertes Gebiet, die Demarkationslinie geht mitten durch die Stadt. In den Vierteln im Norden überwiegen die meist christlichen Serben, im Süden die meist albanisch-muslimischen Kosovaren. Valdete Idrizi ist eine von ihnen.

Ihre Arbeit führt sie jeden Tag in diese Nordviertel. Sie selbst würde das noch nicht mutig nennen, sie fährt ja ohne Nummernschild. Ein kosovarisches Nummernschild wie ihres gilt dort seit dem Kriegsende 1999 als nachdrückliches Ersuchen um Gewalt. Schmeißt Steine, lautet die Aufforderung, die von ihm ausgeht. Schlagt mich zusammen, wenn ich aussteige.

Bis vor drei Monaten passierte sie auf ihrem Weg zur Arbeit ziemlich bald ein Haus, das ausweislich einer blauen Tafel davor die „United Nations Mission in Kosovo“ beherbergt. Sie fuhr mit ihrem kennzeichenlosen Auto auf eine Brücke zu, vorbei an einem auf dem Gehweg geparkten Panzerwagen der italienischen Polizei, dessen Insassen bewaffnet waren und die Straße beobachteten. Sie taten dies ähnlich aufmerksam wie die beiden Männer in dem weißen Geländewagen der Uno, der ein paar Meter weiter, in der Brückenmitte stand. Unten drunter fließt ein Fluss.

Vor drei Monaten dann wurde das nördliche Ende der Brücke von serbischen Bewohnern der Stadt verbarrikadiert. Einen riesigen Haufen aus Betonbrocken, Kies und Erdaushub haben sie aufgehäuft. Valdete Idrizi muss seitdem einen Umweg fahren. Es gibt noch eine andere Brücke in der Stadt. Es kostet sie drei Minuten. Und das nördlich an das Kosovo grenzende Serbien vorläufig die Ernennung zum Beitrittskandidaten der Europäischen Union.

Valdete Idrizi, 38 Jahre alt, eine runde Frau in einem kleinen Auto, drei Minuten länger unterwegs, fährt an ihrem einstigen Wohnhaus vorbei. Nordviertel. Oben, im dritten Stock, lebte sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester bis zum April 1999. Es war Krieg, die Nato bombardierte Belgrad, es kamen Leute mit Masken vor den Gesichtern, serbische Paramilitärs, erzählt sie, und schmissen sie aus der Wohnung. Sie steckten die Familie in einen Flüchtlingstreck, sie sollten raus aus dem Kosovo. Idrizi sah, wie Polizisten Mädchen aus der Menge holten, manche von ihnen werden bis heute vermisst, sie sah, wie Menschen während des Marsches getötet wurden. Sie erlebte aber auch etwas anderes: Am ersten Tag, nach der Vertreibung aus ihrer Wohnung, wurden sie und ihre Familie nicht angefasst. Ihnen folgte ein maskierter Mann, der nichts anderes tat, als dafür zu sorgen, dass ihnen nun keine Gewalt mehr angetan würde. Idrizi vermutet, dass es ein serbischer Nachbar gewesen sei.

Sie kann nicht sagen, ob dies der Anlass dafür gewesen ist, dass sie sich bald nach Kriegsende auch für die Erzählungen von Serben interessierte. Sie hörte Geschichten, mehr oder weniger schlimm als die der Albaner. „Aber wer will das messen?“, sagt sie. Anders schlimme Geschichten, vielleicht sei das der richtige Begriff. Sie kehrte nach Mitrovica zurück, aus Leichtsinn ging sie zu ihrer alten Wohnung, ein Blumenkasten flog von oben herunter, Idrizi kehrte blutend um.

Aber aus mittlerweile regierungsamtlich verbürgtem Mut beließ sie es nicht dabei. Im Jahr 2000 gründete sie eine Organisation mit dem Namen Community Building Mitrovica. Es ist eine Sozialarbeitsorganisation, die nichts anderes zum Ziel hat, als Leute aus der Stadt zusammenzubringen. 2008 bekam sie dafür vom amerikanischen Außenministerium den „Women of Courage“-Preis verliehen. Idrizi legt sich für ihre Organisation mit den Nationalisten auf beiden Seiten an und mit den Verbrechern. Sie musste etliche Male umziehen, weil ihre Adresse bekannt geworden war. Sie muss achtgeben. Die von ihrer Organisation mitinitiierte Musikschule im Nordteil der Stadt brachte sie in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem von Serben bewohnten Haus unter. Das schließt Bombenanschläge weitgehend aus.

Wenn Idrizi ihr Auto vor der Musikschule parkt, dann steht es inmitten von anderen, die ebenfalls keine Kennzeichen haben. Die wenigsten dieser Wagen sind wie ihrer im Kosovo zugelassen. Die meisten sind es überhaupt nicht.

Ein Sprecher der hier völlig machtlosen Polizei sagt: „Der Norden ist der einzige Ort auf der Welt, wo unregistrierte Autos fahren können, ohne dass die Fahrer dafür zur Rechenschaft gezogen werden.“ Idrizis Auto unter all den anderen mit verschleierter Herkunft – es ist eine perfekte Tarnung.

„Frau Idrizi, was ist das hier, in den Augen einer Mutigen, für eine Situation? Ist das lächerlich oder ernst?“

„Absolut lächerlich, finde ich. Und todernst. Hier werden Menschen benutzt, als Verhandlungsmasse für Politiker und Kriminelle.“

„Wie meinen Sie das?“

„Serbien wählt im Frühjahr“, sagt Idrizi. „Die nationalistischen Parteien versprechen sich einiges davon, die Leute gegeneinander aufzuhetzen. Kosovo bleibt unser und so, mit fast allen Mitteln, wir geben nicht auf. Das war zumindest in Belgrad ein bisschen in Vergessenheit geraten, das war dort in der Zwischenzeit nicht mehr so wichtig.“

Kosovo. Mit ungefähr 1,8 Millionen Einwohnern so bevölkert wie Hamburg, mit 11 000 Quadratkilometern Fläche dreieinhalbmal so groß wie der brandenburgische Landkreis Uckermark. Im vierten Jahr seiner Unabhängigkeit vom jetzigen Nachbarland Serbien, von 85 der 193 UN-Mitgliedsländer als Staat anerkannt, unter anderem von Deutschland. Einsatzgebiet von mehr als 6000 Soldaten der Nato-geführten Kosovo Force und 3000 Mitarbeitern der sogenannten Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union, kurz Eulex, die den Aufbau einer funktionierenden Polizei und Justiz befördern soll. Ein Land, dessen Spitzenpolitiker einigermaßen regelmäßig vom Den Haager Kriegsverbrechertribunal angeklagt werden, ein Land, durchsetzt mit Korruption und organisiertem Verbrechen wie kein anderes in Europa. Aufmerksamkeit erregt es seit dem Sommer aber vor allem wegen der verbarrikadierten Straßen in seinem Nordzipfel. Kies-, Schotter- und Geröllhaufen, errichtet von Serben, quergestellte Lastwagen, ein in den Asphalt betoniertes Eisenkreuz, bewachte und oft mit Fäusten und Waffen verteidigte Bollwerke auf den Zufahrtsstraßen zur serbischen Grenze, um kosovo-albanische Zöllner an der Aufnahme von Grenzkontrollen zu hindern. Ein Polizist wurde erschossen und seit Monaten Dutzende Kfor-Soldaten verwundet. Es geht wieder um das Völkische hier, um den Kampf von Serben gegen Albaner, wie damals vor zwölf Jahren, im Krieg.

„Sie glauben, dass Gewalt belohnt wird“, sagt Idrizi. „Sie glauben, dass man damit Zugeständnisse erpressen kann. Auch international. Viele kennen das nicht anders.“

Wenn das stimmt, dann haben diese Leute möglicherweise gerade etwas gelernt. Vor zwei Wochen wurde Serbien ein eigentlich längst geplanter Schritt in Richtung der erhofften EU-Mitgliedschaft verweigert, ausdrücklich wegen der jüngsten Gewalt im Norden Kosovos. Die deutlichsten Worte dazu kamen von der deutschen Regierung.

Vielleicht ist alles aber auch ganz anders. Vielleicht geht es nicht im Geringsten um Politik. Etliches spricht mittlerweile dafür, dass hier nur ein Geschäftsmodell verteidigt wird. Eines, das auf dem Zustand der Gesetzlosigkeit beruht, auf abgeschraubten Nummernschildern zum Beispiel.

Dieser Zustand gilt nicht nur für Autos, sondern für Waren jeglicher Art und auch für Menschen. Der Nordkosovo ist eine Blackbox, kaum jemand vermag zu schildern, was in ihr vorgeht. Gegenseitige Schuldzuweisungen aus der serbischen und der kosovarischen Hauptstadt wechseln einander ab. Und vielleicht ist es unter diesen Umständen tatsächlich so etwas wie ein Akt der Ehrlichkeit, wenn der serbische Ministerpräsident Mirko Cvetkovic sagt: „Wir haben keine Kontrolle dort. Das Gebiet ist unter UN-Aufsicht. Was wir haben, ist eine Art Einfluss auf die Menschen. Und diese Menschen, die sind es, die dort die Kontrolle haben.“

Es ist ein Eingeständnis der eigenen Schwäche, das glaubwürdig klingt, weil es Cvetkovic im Ausland zwar nutzen könnte, daheim aber Stimmen kosten kann. Vor allem, weil er nicht erkennen lässt, an der angeblichen Einflusslosigkeit grundsätzlich etwas ändern zu wollen.

Cvetkovic sitzt an einem Oktobertag am Besprechungstisch in seinem Belgrader Amtssitz einer Handvoll Journalisten aus Mitteleuropa gegenüber, die EU hat das Gespräch möglich gemacht. Er hört ein paar Fragen zur wirtschaftlichen Lage und zu den kommenden Wahlen, aber vor allem welche zum Kosovo. Immer wieder beschwört er seinen Verhandlungswillen. „Das Kosovo ist ein Problem seit Jahrzehnten“, sagt er, „und wir glauben, dass dem nur durch Reden beizukommen ist. Wir versuchen, mit der anderen Seite ins Gespräch zu kommen. Reden, diskutieren, friedlich, am Tisch.“

Nur, wer ist die andere Seite? Etwas deutlicher wird Boris Stefanovic, der serbische Verhandlungsführer im Barrikadenstreit. Das Kosovo-Thema werde wichtiger im Land, sagt er, es habe lange niemanden interessiert. Nun versuche die nationalistische Opposition einen Vorteil daraus zu ziehen. Er gibt sich enttäuscht über die EU, die ständig Forderungen an Serbien stellen würde, andererseits die Regierung in Pristina aus der Verantwortung entlasse. Und dann sagt er, es gebe ein sehr mächtiges Individuum im Norden Kosovos, das gut vernetzt sei mit Leuten aus dem Süden, Kosovo-Albanern. Stefanovic sagt nicht, wen er meint und was.

Aber dann passierte etwas. Am Montag besuchte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Pristina und trat dort mit Forderungen auf. Rechtsstaat, Kampf gegen Korruption, mit Serbien müsse man „zu gemeinsamen Formen des Umgangs kommen“. Sie meinte den Barrikadenstreit. Kosovos Regierung müsse verantwortungsbewusst handeln und dürfe die Lage nicht anheizen.

Nur einen Tag darauf wurden zwei Männer in Zentralserbien in einem Auto gestoppt und festgenommen. Der Kosovo-Serbe Zvonko Veselinovic aus Mitrovica und sein Bruder. Verdacht auf Waffen- und Sprengstoffschmuggel. Der serbische Sonderstaatsanwalt für organisiertes Verbrechen wird über die Festnahme in Kenntnis gesetzt.

Zvonko Veselinovic wurde in der vergangenen Woche als Anstifter und Organisierer von Gewalttaten an den Grenzstraßen beschuldigt. Der deutsche Kfor-Kommandeur Erhard Drews sagte, er habe Beweise dafür, Videoaufnahmen. Ein Sprecher des serbischen Kosovo-Ministeriums indes sagte, Veselinovics Festnahme habe nichts mit dieser Anschuldigung zu tun.

Vielleicht ist es so. Vielleicht besteht tatsächlich kein Zusammenhang zwischen Stefanovics Klage über den mangelnden Druck der EU auf die Regierung in Pristina, Merkels Besuch dort und der anschließenden Festnahme Veselinovics.

Was allerdings unbestreitbar zu sein scheint: Veselinovic ist ein mächtiges Individuum. Zeitungen und Parlamentarier aus Belgrad und Pristina und Menschen aus Mitrovica schildern ihn als rasch zu viel Geld gekommenen Mann, Anfang 30, Baufirmeninhaber, Tankstellenbesitzer. Er soll in großem Maßstab Benzin und Heroin über die bis Juli nahezu unkontrollierte Grenze zwischen Kosovo und Serbien geschmuggelt und Geschäftskontakte zu einem albanischen Kriminellen aus dem Süden des Kosovo haben. Die serbische Polizei glaubt, beweisen zu können, dass Veselinovic einer der Chefs des organisierten Verbrechens in Nordkosovo ist. Veselinovic bestreitet dies, genauso wie er sich nicht als Anstifter der Gewalttätigkeiten an der Grenze sieht.

Auch Valdete Idrizi kennt diesen Mann. Sie müssen sich täglich begegnet sein, in Mitrovica, am Nordende der Brücke, da wo heute die Bauschuttbarrikade liegt. Vor Jahren sei Veselinovic einer der sogenannten Brückenwächter gewesen, sagt Idrizi, Männer, die nach dem Kriegsende im Café „Dolce Vita“ saßen und darauf warteten, dass jemand den Fluss nach Norden überquert. Sie fielen über denjenigen her. „Nun ist er die graue Eminenz hinter einigen Politikern hier im Norden“, sagt sie. Sie sagt, „er ist ein Geiselnehmer“. Ein Mann, der in der Lage ist, seit Monaten tausende Serben im Nordkosovo aufzuwiegeln gegen Grenzkontrollen, die den Schmuggel erschweren, von dem auch Leute im verhassten albanischen Süden des Landes profitieren. Ein Mann, der damit sogar die Europapolitik beeinflusst.

Es spricht einiges dafür, dass diese Sicht auf die Dinge zutrifft. Dass es beim Lärm im Nordkosovo nicht darum geht, welchem Land diese Gegend zuzuschlagen sei, welcher Hauptstadt. Sondern sie so zu lassen, wie sie ist. Eine schwarze Kiste, zu der Menschen wie Valdete Idrizi nur Zutritt haben, wenn sie sich an lächerliche, todernste Regeln halten. Die wichtigste: bei der Einreise ihre Herkunft zu verschleiern.

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