Zeitung Heute : Schräubchen für Schräubchen Die jüngste Abgeordnete und ihr erstes Jahr im Bundestag

Hans Monath

Die Deutschen haben Respekt, wenn einer einen politischen Titel trägt. Auch wenn der oder die noch jung ist. „Ihr könnt mich ruhig duzen“, hat Anna Lührmann die Schüler der zehnten Klasse jetzt schon ein paar Mal gebeten. Die Abgeordnete des Bundestags ist nur vier, fünf Jahre älter als ihre Besucher aus Friedrichsdorf bei Frankfurt. Eigentlich könnten sie zusammen ins Konzert oder auf eine Party gehen. Trotzdem zieren sich die 15- und 16-Jährigen. Kein Wunder, wenn der Klassenlehrer zu den Erklärungen der Jungpolitikerin mit der modischen Brille immer wieder kräftig nickt und ihr laut beipflichtet. Der weißhaarige Pädagoge könnte auch ihr Vater sein.

„Wenn Sie so Ihren Tagesablauf ansehen, welche Aufgaben haben Sie da so?“, fragt ein Schüler mit dünner Stimme. Die 20-Jährige mahnt wieder freundlich das Du an und erzählt von ihrem imponierenden Terminkalender. Je länger die Grünen-Politikerin spricht, umso mehr müssen die Schüler den Eindruck gewinnen, dass ein Politikerleben eine ziemlich nette Sache ist. Neulich hat Anna Lührmann eine Abgeordnetenreise nach Finnland geleitet. Andere Politiker reden von Verantwortung. Anna Lührmann sagt: „Das macht ziemlich viel Spaß.“

Andererseits hat sie so viel zu tun, dass sie kaum dazu kommt, über ein Jubiläum nachzudenken: Wann war meine erste Sitzung gleich noch? Im Oktober vor einem Jahr zog sie ins Hohe Haus ein, ein Medienstar, belagert von Fernsehteams und Fotojournalisten. 80 Interviewanfragen in den ersten zwei Wochen. Was seither mit ihr passiert ist, das wollen auch die Besucher wissen. Drei Fragen treiben die Gäste besonders um: Ob Sie denn von den anderen Abgeordneten ernst genommen werde? Ob es nicht allen Politikern nur um den eigenen Vorteil gehe? Ob Anna Lührmann in diesem einen Jahr nicht schnell ihren jugendlichen Idealismus verloren habe?

Das mit dem Idealismus ist die schwierigste Frage. Denn Anna Lührmann vertritt eine Partei, die früher vor allem von sperrigen Überzeugungen und dem Glauben an hehre Ziele angetrieben wurde. Als die ersten Grünen mit ihren Sonnenblumen in den Bonner Bundestag einzogen, betraten sie Feindesland. Und der heutige Außenminister beklagte sich als neuer Abgeordneter über die Versammlung von Alkoholikern und polterte: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“

Man kann sich nicht vorstellen, dass Anna Lührmann die Autorität des Bundestags-Präsidiums jemals anzweifeln würde. Nicht einmal in allerhöflichster Form. Und während die Gründungsgeneration der Grünen mit Turnschuhen oder langen Haaren auch äußerliche Zeichen des Dagegenseins setzte, kommt Lührmann in einem so unauffälligen Aufzug daher, dass man nach einer Minute schon wieder vergessen hat, ob sie gerade im Kostüm oder im Hosenanzug aufgetreten ist. Damals wollten die Grünen die ganze Welt ändern. Anna Lührmann geht es nur noch um die Justierung kleiner politischer Stellschrauben. Debatten über ideologische Fragen langweilen sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es je ein sinnvolleres System als die soziale Marktwirtschaft geben wird“, sagt sie.

Das Einzige, was sie wirklich stört am Berliner Politikbetrieb, ist, „dass es meist ziemlich ineffizient abläuft“ – vor allem in Fraktionssitzungen. Als Pragmatikerin ärgert sich die Studentin der Sozialwissenschaften darüber, dass viele erst mal ausführlich ihren Senf zur Weltlage abgeben. „So blockieren sie alle anderen, die arbeiten möchten“, klagte sie bald nach Amtsantritt.

Als sie jünger war, ist Anna barfuß in die Schule gegangen und hat gegen CastorTransporte demonstriert. Doch den Wandlungsprozess, für den ihre Partei 20Jahre brauchte, hat sie im Schnelldurchlauf absolviert. Große Worte wie Freiheit oder Gerechtigkeit sagt sie nicht mehr. Auf die Frage nach ihren Idealen und Zielen in der Politik nennt sie nacheinander die europäische Verfassung, eine europäische Außenpolitik und die Rentenreform. Für die hat sie schon wenige Tage nach ihrer Ankunft in Berlin gekämpft, als sie von den eigenen Spitzenleuten eine härtere Gangart gegen die damals noch reformscheue SPD verlangte.

Ein paar Tage nach dem Besuch der Schüler sitzt Anna Lührmann im Europaausschuss dem Kanzler gegenüber. Nach einer Stunde kommt sie an die Reihe. „Die Bündnisgrünen schließen sich Ihrer Linie an“, sagt sie ihm. Schröder lässt sich nicht anmerken, ob er die Wortmeldung einer 20-Jährigen für weniger bedeutend hält als die eines Routiniers. Weder biegt er seine Büroklammer heftiger noch grimassiert er ausgiebiger als bei anderen Fragern. Im Gegenteil: Schröder, der gerade noch mit einem Abteilungsleiter aus seinem Amt gescherzt hat, scheint sich während Lührmanns Statement sogar ein wenig zusammenzunehmen.

Von Machtpolitik und dem Organisieren von Stimmen versteht Lührmann mehr, als ihr Auftreten verrät. Bei der Listenaufstellung daheim in Hessen hatte sie vor ihrer Wahl zielsicher den fünften Platz angesteuert. Dort war ein Erfolg im ersten Anlauf nicht garantiert, aber gut berechenbar. Und wären die Grünen damals aus der Regierung geflogen, hätte Joschka Fischer wohl keine vier Jahre auf den Oppositionsbänken durchgehalten. Anna Lührmann, die Grünen-Politikerin des postideologischen Zeitalters, wäre spätestens dann, als Nachrückerin über die Landesliste, in den Bundestag gekommen.

Neulich haben Nachwuchs-Grüne im Bundestag wieder einmal die alten Symbole hochgehalten. Mit Sonnenblumen kamen sie ins „Jugendparlament“, das im Reichstag debattierte, um gegen den Ausverkauf grüner Ideale durch die eigenen Parlamentarier zu demonstrieren. „Die Grünen, die an der Macht sind, setzen im täglichen politischen Geschäft die grünen Werte nicht durch“, klagte Oona Grünebaum aus Köln. Sie ist zwei Jahre jünger als Anna Lührmann. Vor ein paar Jahren hätte die selbst mit Sonnenblumen protestiert. Jetzt fand sie den Auftritt albern.

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