Zeitung Heute : Schreibtalent ist nicht alles

Bei Sachbüchern sind Autoren mit Expertenwissen gefragt

Sabine Schrader

Auf dem Sachbuchmarkt herrscht Nachfrage: Fast ein Fünftel des Umsatzes der in Buchhandlungen, Warenhäusern oder per Internet verkauften Bücher entfiel im vergangenen Jahr auf Sachliteratur – gute genauso wie solche, die man selbst um einiges besser verfasst hätte. Ist es nicht so? Gerade jetzt, wo wieder einmal die Frankfurter Buchmesse (6. bis 10. Oktober) vor der Tür steht, geistern solche Gedanken so manchem durch den Kopf.

Unmöglich ist es nicht, aber ein paar Voraussetzungen müssen schon erfüllt sein. Wer selbst ein Sachbuch verfassen möchte, braucht vor allem Fachkompetenz. „Ein Autor muss sich als Experte auf seinem Gebiet ausweisen können“, erklärt Thorsten Schulte, Lektor für Sachbücher und Berufsratgeber beim Eichborn Verlag . „Sonst wird ein Buch vom Leser nicht gut aufgenommen.“ Auch wer bisher noch nicht publiziert habe, bekomme eine Chance – sofern er neue und interessante Thesen vorweisen könne.

„Der Wunsch, ein Buch zu schreiben, ist bei vielen vorhanden“, bemerkt Oliver Gorus, Agent aus Engen (Baden-Württemberg), der Sach- und Fachbuchautoren bei ihrer Veröffentlichung unterstützt. „Einem guten Sachbuchautor gelingt es, sich in seine Leser hineinzuversetzen.“ Und das könnten häufig diejenigen am besten, die auch sonst ihr Wissen vermitteln – Berater oder Professoren beispielsweise.

Diese Ausgangslage traf auf Gerlinde Unverzagt nicht zu: „Schreiben wollte ich, wie alle ordentlichen Schreiber, eigentlich schon immer und am liebsten Romane“, erzählt die Berliner Autorin. In neun Jahren hat sie 14 Sachbücher veröffentlicht, die meisten zu Familienthemen. „Im Laufe meines Studiums habe ich mit der journalistischen Arbeit für verschiedene Zeitungen begonnen.“

Den ersten Buchvertrag bekam Unverzagt, weil einem Verlag einer ihrer Artikel gefallen hatte. „Es ist schön, wenn jemand auch gut schreiben kann, aber häufig ist das nicht der Fall“, sagt Schulte. Hapert es mit dem Schreibtalent, würde dem Autor zuweilen ein Co-Autor zur Seite gestellt, im Extremfall sogar ein Ghostwriter.

„Nicht wenige Autoren können gute Artikel schreiben, versagen aber fast immer bei der langen Form“, bestätigt Gorus. Seiner Erfahrung nach lässt sich Schreiben am besten am konkreten Projekt lernen. Diese Methode sei immer dann besonders erfolgreich, wenn der Autor sich coachen lässt. „Die Fähigkeit, ein Thema logisch gliedern zu können, ist wichtig“, betont Gorus. „Sachbuchautoren müssen vor allem journalistisch arbeiten“, sagt Unverzagt. Und das bedeute, gründlich – manchmal auch zu ausufernd – zu recherchieren. „Die Gefahr besteht darin, im ziellosen Sammeln von allen möglichen Details die Übersicht zu verlieren.“

Doch die Schreibarbeit ist nicht die einzige Herausforderung: „Eine der schwierigsten Aufgaben eines Autors ist es, einen Verlag zu finden“, sagt Axel Johanßen. „Sie ist mit der Suche nach einem Arbeitsplatz vergleichbar“, so der Journalist und Sachbuchautor aus Gummersbach, der mit Büchern über Brandschutz, Feuerwehr- und Schienenfahrzeuge ein Nischenthema besetzt.

„Ebenso wie die Verlage muss ich 95 Prozent aller Angebote ablehnen“, bestätigt Gorus. Die Gründe seien unterschiedlich: „Weil die Qualität nicht stimmt, kein Markt vorhanden ist oder es schon viele Bücher zum Thema gibt.“ Auch deshalb rät Thorsten Schulte statt des fertigen Manuskripts zunächst ein Exposé aus Gliederung, Probekapitel und einer Zusammenfassung der wichtigsten Thesen beim Verlag einzureichen. „Ein Exposé sollte man nicht breit streuen.“ Besser sei es, gezielt Verlage auszuwählen, die Bücher zum eigenen Themengebiet veröffentlichen.

Auf Unterstützung von Lektoren könnten Autoren nicht unbedingt zählen, sagt Johanßen. „Sie haben heute viele andere Aufgaben und können sich kaum noch um ihre Autoren kümmern.“ Kleinverlage hätten nur einen geringen Personalbestand. Statt mit einem Lektor habe es der Autor oft nur mit dem Verlagsinhaber zu tun.

Das sieht Schulte anders: „Gerade bei Sachbüchern greifen Lektoren stark ein – stärker noch als bei der Belletristik.“ Ein Feedback an den Autor in der Anfangsphase des Schreibens sei für ihn selbstverständlich. Der Verdienst von Sachbuchautoren ist eher gering. „Selbst wer jedes Jahr ein Buch macht, kann nicht davon leben – von Bestsellern einmal abgesehen“, sagt Johanßen. Das sei bei Sachbüchern nicht im großen Umfang zu erwarten. „Idealismus ist ein feines Wort für diese Spielart der freiwilligen Selbstausbeutung“, sagt auch Vielschreiberin Unverzagt. „Die Honorare sind schlecht und werden dauernd schlechter.“ Wenn schon nicht in barer Münze, so kann sich das Verfassen eines Sachbuchs auf andere Weise auszahlen: Wenn die Veröffentlichung als PR-Maßnahme für das eigene Unternehmen genutzt, der Bekanntheit dient oder anderswie der eigenen Karriere förderlich werden kann.dpa

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