Zeitung Heute : Schreie aus der Vergangenheit Zehn Jahre nach dem Genozid baut Ruanda ein Memorial

Ingrid Müller[Kigali]

Die Toten müssen auf ihre Ruhe noch warten. Mit ohrenbetäubendem Lärm bohren Arbeiter Löcher in Wände, verlegen Kabel, meißeln Stufen aus unbehauenen Steinen – am 7. April soll hier in Ruandas Hauptstadt Kigali zum zehnten Jahrestag des Völkermords die Gedenk- und Bildungsstätte Gisozi eröffnet werden. In diesen Tagen ist das Gelände, auf dem die Gebeine von 250000 Opfern zusammengetragen wurden, noch eine riesige Baustelle. „Am 4. April ist hier alles fertig, dann machen wir nur noch sauber“, schreit die 23-jährige Beatha gegen den Lärm an. Sie selbst überlebte die systematische Hatz der Hutu, bei der 1994 in nur 100 Tagen rund 800000 Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet wurden, zeitweise versteckt in der Kanalisation. Fast ihre ganze Familie wurde damals umgebracht.

Nur zehn Jahre nach Beginn des bestialischen Schlachtens will Ruanda in Gisozi ein Projekt eröffnen: ein internationales Völkermord-Memorial als Mahnung für die Ruander – und die ganze Welt. Beauftragt damit wurden zwei britische Experten, James und Stephen Smith aus Nottinghamshire, die inzwischen eine große Maschinerie angeworfen haben. In einem mit Computern voll gestopften Haus in Kigali sammeln Mitarbeiter aus Großbritannien zusammen mit Überlebenden des Völkermords Fotos von Opfern, schreiben die Geschichten von Überlebenden auf, kartieren die einzelnen Orte der Massaker, registrieren die Schindlers, die es auch in Ruanda gab, stellen atemberaubende Filme zusammen, mit denen die Welt an ihre Schuld erinnert werden wird.

Im Untergeschoss des Gisozi-Memorials stehen Glasschränke mit hunderten Gebeinen von Opfern in drei Räumen. Hier soll an das Leben vor, während und nach dem Genozid erinnert werden. Die Briten wollen das Schwergewicht auf audiovisuelle Präsentation legen – dort, wo der Genozid beschrieben wird, sollen auch Schreie zu hören sein. Zwischen den drei Zonen sind zwei Lichthöfe geplant, im ersten finden sich die ungehörten Warnungen wie die des kanadischen UN-Kommandeurs Romeo Dallaire, der damals eindringlich auf Anzeichen hinwies, dem aber von den Vorgesetzten in New York verboten wurde, etwas gegen den heraufziehenden Genozid zu unternehmen. Im zweiten Lichthof sollen die Helden geehrt werden, meist Hutu, die ihr Leben einsetzten, um Verfolgte zu retten. Im oberen Stockwerk wird an andere Völkermorde der vergangenen 100 Jahre von den Herero über den Holocaust bis zum Balkan erinnert, ein Kinder-Memorial sowie ein Bildungszentrum eingerichtet. Nur Erinnerung kann vorbeugen.

„Völkermord ist ein langsamer, chronischer Prozess, wenn die Symptome offensichtlich werden, ist es schon zu spät“, sagt Stephen Smith. Der Mann mit den irritierenden Lachfältchen um die Augen ist überzeugt: „Jeder Genozid lässt sich verhindern.“ Zwar könne und dürfe Leid nicht verglichen werden, aber bei Ursachen und Folgen gebe es gewisse Parallelen. Ruanda gibt ihm allerdings noch Rätsel auf. Wie konnten Nachbarn dazu gebracht werden, Nachbarn umzubringen? Bei so vielen Fragen schon ein Memorial? „Zehn Jahre nach einem Völkermord ist es eigentlich zu früh für ein Museum, aber wir müssen es tun“, sagt Smith, der sich heute selbst vorwirft, dass er nicht schon früher nach Ruanda gekommen ist. „Wir haben damals vor dem Fernseher gesessen und die Leichen in Ruanda gesehen. Wir haben nichts getan, individuell, national, international. Das ist nicht zu akzeptieren, individuell, national, international.“

Smith beschreibt das Museum als lebendes Memorial. „Es wird sich verändern, manche Dinge werden erst in 20 oder 30 Jahren gesagt“, meint der 36-Jährige. Geschichte brauche Zeit, auch in Deutschland seien die ernsthaften Fragen nach dem Holocaust erst nach einer Generation gestellt worden. Für Smith ist es ein Wunder, wie die Ruander heute miteinander leben. „Das ist keine normale Gesellschaft“, sagt er nicht ohne Bewunderung. Und dann erzählt er, wie ein Mitarbeiter einen Lieferanten mit freundschaftlichem Handschlag begrüßt und ihm dann erzählt, dass dessen Bruder seinen Freund umgebracht hat. Warum so freundlich? Der sei es schließlich nicht gewesen, und man müsse doch mit den anderen leben. Wenn er Angst zeigte, hätten die Hutu-Milizen im Nachhinein doch noch gewonnen.

Beatha, die inzwischen Stephens Schwägerin ist, traf eines Tages einen Schulkameraden, dessen Onkel ein einflussreiches Mitglied der Mörder-Milizen, der so genannten Interahamwe war. Nach einem kurzen Gespräch fragte der sie nach ihrer Telefonnummer. Sie verweigerte sie ihm nicht, speicherte seine aber unter „Interahamwe“ ab. Sollte er anrufen, wird sie wohl nicht abheben. Man ist im Umgang freundlich, aber vergessen ist nichts.

Beatha ist eine modern gekleidete junge Frau, blauer Lidschatten unterstreicht ihre Augen, ihre schulterlangen Haare sind glatt gezogen. Wenn man sie so sieht, wie sie sich äußerlich ruhig zwischen den Massengräbern bewegt, die in Gisozi für immer noch mehr Gebeine angelegt werden, kann man kaum glauben, dass sie nur knapp den Häschern entkommen ist. Sie setzt sich auf den Rand eines noch nicht verschlossenen Massengrabs im Garten der Erinnerung, der um das Hauptgebäude entsteht. Drei Arbeiter haben die metallene Abdeckplatte zur Seite gehoben, die Sonne scheint auf zahllose aufeinander gestapelte Särge. In jedem liegen die Knochen von bis zu 30 Opfern, die exhumierten Überreste sind nicht mehr zuzuordnen. Sie sollen am Jahrestag nun in Würde bestattet werden, Angehörige sollen die Opfer hier besuchen können. „Wir wollen Kinder mit Bussen herbringen, damit sie verstehen und damit sie so etwas nie erleben müssen“, sagt Beatha. „Unsere Generation ist längst zerstört“, fügt sie hinzu. Sie kann das Geschehene nicht vergessen. „Ich kann nicht so tun, als wäre ich ein Kind, das erst geboren wird, und wenn du nicht vergessen kannst, kannst du nicht zu 100 Prozent vergeben.“ Gisozi sei für die nächste Generation.

Auch Alphonsine Murebwayire, die bei der Stadtverwaltung die Zusammenarbeit mit den Briten koordiniert, glaubt, dass die Zeit für Versöhnung noch nicht gekommen sei. „Es ist genug für uns, friedlich zusammenzuleben, darauf können wir stolz sein“, sagt die 32-Jährige, die 1994 eine Schwester, zwei Brüder und viele Verwandte verloren hat. „Wir leben und wir arbeiten zusammen, wir müssen uns nicht mögen.“ Versöhnung kann es für sie erst geben, wenn Gerechtigkeit geschaffen worden ist. „Im Moment geben Täter ihre Schuld doch nur zu, um ihre Strafe zu reduzieren“, sagt sie bitter.

Wie stabil ist diese Gesellschaft, in der das Misstrauen weiter tief sitzt? Könnten sich die Ereignisse wiederholen? Stephen Smith fällt ein klares Urteil: „Auf jeden Fall.“ Man dürfe sich nichts vormachen, es brauche Zeit. „Erst in 20 bis 40 Jahren sind wir in einer sichereren Zone.“

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