Zeitung Heute : Schreie nach Noten

Harald Maass[Peking]

Soldaten marschieren im Stechschritt über die Bühne. Abgemagerte Häftlinge singen im Chor dazu: „Alles, was ich will, ist Reis.“ Ein ungewöhnliches Musical sorgt in Südkorea für Diskussionen. Das Stück spielt in „Yoduk“ – dem berüchtigtsten Konzentrationslager in Nordkorea.

Viel mehr kann man einem Zuschauer wohl kaum zumuten. In dem 170 Minuten langen Bühnenstück „Die Geschichte von Yoduk“, das in einem Theater in Seoul läuft, werden Frauen vergewaltigt, Häftlinge ausgepeitscht, hungrige Kinder essen Ratten. Wächter mit Hammer-und-Sichel-Symbolen am Arm singen dazu nordkoreanische Propagandalieder. Doch das Stück sei keine Fiktion, betont Regisseur Jung Sung-san. „Diese Dinge passieren nur ein paar Stunden von hier“, sagte er gegenüber dem „Korean Herald“.

Jung hat bis Mitte der 90er Jahre selbst in Nordkorea gelebt. Als ihn die Behörden dabei ertappten, wie er heimlich südkoreanisches Radio hörte, wurde Jung ins Arbeitslager geschickt. Doch während des Transports zum Lager gelang ihm die Flucht und später die heimliche Ausreise nach Südkorea. Wenig später wurde sein Vater zu Tode gesteinigt – die Strafe des Regimes für die Flucht des Sohnes. Mit dem Musical will Jung seine Erlebnisse verarbeiten. „Es ist ein Bekenntnis zu meinem Vater und zu mir selbst“, sagt er.

„Die Geschichte von Yoduk“ erzählt von einer Tänzerin in einer staatlichen Gruppe, deren Vater irrtümlich zum Spion erklärt und die mit ihrer Familie deshalb nach Yoduk verschickt wird. Im Lager angekommen, vergewaltigt sie der Direktor, sie wird schwanger. Weil Sex für die Häftlinge jedoch verboten ist und Neugeborene oft getötet werden, muss sie das Kind heimlich zur Welt bringen. Mitgefangene übertönen die Geburtsschreie mit patriotischen Gesängen. „Ich singe ein Lied für den General“, heißt es in der ersten Arie der Heldin. Gemeint ist damit Nordkoreas Diktator Kim Jong-Il. Die Wächter singen zurück: „Ihr seid nur Bazillen.“

Das Umerziehungslager Yoduk ist eines des größten und zugleich berüchtigtsten Arbeitslager Nordkoreas. Menschenrechtsorganisationen zufolge werden Zehntausende Männer, Frauen und Kinder dort festgehalten. Die meisten verhungern dort oder sterben an Erschöpfung.

„Ich möchte, dass die Leute, besonders die Südkoreaner, wissen, dass dies keine fiktive Geschichte ist“, sagt Jung. Über Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen wird im Süden nur selten berichtet. Um den Dialog mit dem Regime in Pjöngjang nicht zu gefährden, verzichtete Seoul zuletzt darauf, UN-Resolutionen zu Nordkoreas Menschenrechtssituation zu unterstützen. Die Regierung habe auch versucht, das Musical zu stoppen, behauptet Jung.

Sein Musical löste eine Diskussion über den Umgang mit Pjöngjang aus. „Es ist wirklich beschämend, dass wir uns so wenig um die Menschenrechtslage in Nordkorea scheren", kommentierte der „Korean Herald“. Südkoreaner würden das Regime im Norden und die Teilung des Landes oft auf eine unrealistische Weise „romantisieren“, schreibt das Blatt. Im Musical singen an einer Stelle die Gefangenen: „Wenn dort jemand ist, der unsere Schreie hört / Wenn dort jemand ist, bitte rettet uns.“

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