Zeitung Heute : Schriftkugeln, Kugelschrift

Der erste UdK-Preis für Kunst und Wissenschaft geht an das Künstlerpaar „in the fields“

Ute Bongartz

Die Universität der Künste Berlin hat in diesem Jahr erstmals einen Preis ausgelobt, der die Verbindung von Kunst und Wissenschaft stärken soll. Der „UdK-Preis für interdisziplinäre Kunst und Wissenschaft 2010“ wird heute an das Künstlerpaar „in the fields“ für ihre interaktive Skulptur „ink“ vergeben: Eine Installation aus Glaskugeln, auf denen Widmungen aus Büchern erscheinen.

Nicole Heidtke und Stefan Baumberger sind „in the fields“. Seitdem die aus Deutschland stammenden Künstler 2005 in ihre Wahlheimat Edinburgh in Schottland gezogen sind, treten sie mit diesem Namen in die Öffentlichkeit. In the fields, das heißt für die Künstler: ihre Umgebung exakt zu beobachten, komplexe Themenfelder zu erforschen. Sie recherchieren zur Mediengeschichte des Buchdrucks, entdecken medienhistorische Artefakte wie vergessene Wunderscheiben, sogenannte Thaumatrope des viktorianischen Zeitalters, beobachten Naturphänomene und Umweltkatastrophen, wie die Müllstraßen in den Ozeanen. Und sie entwickeln Apparaturen, um ihre eigene Wahrnehmung für den Betrachter in Installationen oder Skulpturen erlebbar zu machen.

An der preisgekrönten interaktiven Skulptur „ink“ etwa arbeitete das Künstlerpaar ein ganzes Jahr. In akribischer Recherche wählten sie zum 500-jährigen Jubiläum des Buchdrucks in Schottland fünf handschriftliche Widmungen aus dem Bestand der schottischen Nationalbibliothek und der Bibliothek des Botanischen Gartens in Edinburgh aus. In einer Bibel, in einem Liedbuch, einer Enzyklopädie zur Botanik und einem Geschichtsbuch wurden sie fündig, um eine Kulturgeschichte von den Rändern her zu beschreiben.

Denn jedes Buch hat nicht nur einen Autor, sondern auch einen Leser. Seit den Anfängen des Buchdrucks hat er seine Spuren in den Druckwerken hinterlassen. Nur ein Satz, ein Name, ein Datum – der geringste handschriftliche Vermerk auf der ersten Seite eines Buches erzählt die Geschichte seines ehemaligen Besitzers. Für Heidtke und Baumberger wird das massenproduzierte Buch mit einer persönlichen Widmung zu einem einmaligen Zeitzeugnis: „Das Buch verliert seine Funktion als reiner Träger von Schrift. Mit einer Widmung wird das Buch individualisiert. Es erlangt Charakter.“

Mit „ink“ macht das Künstlerpaar die persönliche Widmung als eine Kommunikationsform, die heute in den Bibliotheken verschwunden ist, wieder erfahrbar. „Uns interessiert, welche Ausdrucksformen in der Medienentwicklung verloren gegangen sind. In der Installation werden die Widmungen an neue Leser weitergegeben."

„Ink“ erinnert beispielsweise an das Schicksal eines britischen Soldaten, der 1839 in den ersten Afghanistan Krieg zog und fiel. Auf seinem Weg hatte er den Literaturklassiker „1001 Nacht“ in seinem Reisegepäck. Der handschriftliche Vermerk über das Schicksal des gefallenen Soldaten befindet sich nun in einer von fünf Glaskugeln der Installation. Dazu haben die Künstler eine Technologie entwickelt, die allein durch die Anwesenheit des Betrachters in Gang gesetzt wird. Glaskugeln, gefüllt mit blauer Tinte, rotieren um ihre eigene Achse, sobald ein Besucher den Raum betritt. Programmierte Leuchtdioden werfen im flackernden Licht die Handschrift auf ihre Innenseiten und der blaue gefärbte Hohlkörper wird zum Bildschirm.

„Ink“ besteht aus digitalen, elektronischen sowie mechanischen Bestandteilen. Trotz des versierten Umgangs mit neuen Medien wollen „in the fields“ nicht als Medienkünstler verstanden werden. „Technologische Innovationen sind nicht unsere Absicht. Wir haben auch kein spezifisches Medium, in dem wir arbeiten. Wir müssen jedes Mal wieder ein neues finden oder gar erfinden.“

Ein bewusster Umgang mit Technik entspricht nicht nur der Kunst, sondern auch der Lebensweise der Künstler. Nachdenklichkeit über unseren steigenden Medienkonsum schwingt mit: „Wie viele Medien braucht man, um auszudrücken was man ausdrücken möchte? Wie viele Inhalte gibt es denn, dass man noch mehr Medien bräuchte?" Für die Realisation des nächsten Projektes haben sie die Ausdrucksmittel noch nicht gefunden. Den Inhalt und die Finanzierung aber schon: Die beiden wollen aus ihren Erlebnissen, die sie 2008/09 während eines Künstlerprogramms in einem Hospiz im Hochland von Schottland gemacht haben, eine Arbeit entwickeln und dazu das Preisgeld der UdK Berlin verwenden.

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