Schriftsteller : Hermann Hesse und sein Psychiater

Der Schriftsteller ist krank und verzweifelt. Ärzte können nicht helfen. Da wird er in Bern an Doktor Lang verwiesen – der deutet Träume. Diese Begegnung hat dramatischen Einfluss auf Hesses weiteres Werk.

Gunnar Decker

Es scheint ein Endpunkt zu sein. Von hier aus geht es nicht weiter. Hermann Hesse, Erfolgsschriftsteller, Ehemann und Familienvater mit drei Söhnen, kann nicht mehr. Bislang ging er in solchen Krisen immer auf Reisen, riss aus, ließ den bürgerlichen Alltag hinter sich. Der Wanderer, den er in seinen Büchern romantisierte, hat sich längst in einen Flüchtling verwandelt.

Seit dem Bestseller „Peter Camenzind“ von 1904 ist er auf der Flucht vor den Schatten, den seine Existenz als bürgerlicher Erfolgsautor wirft. Er könne nach diesem Buch schreiben, was er wolle, wenn es auch der größte Unfug sei, es werde unweigerlich erfolgreich. Das klingt kokett, ist aber bitter. Er variiert seit über zehn Jahren den gleichen Grundeinfall, der nicht einmal von ihm, sondern von Gottfried Keller ist: Der romantische Aussteiger als verhinderter Künstler wird zur Projektionsfläche all der Modernisierungsängste seiner Leser. Die Angst vor der modernen Großstadtexistenz, der Herrschaft der Maschinen über das Leben, er teilt sie mit seinen Lesern.

Aber nun, mit 38 Jahren, sitzt er fest in Bern, in jenem Hause seines verstorbenen Freundes, des Malers Albert Welti, das er mit seiner Familie bewohnt. Vor zwei Jahren begann der Weltkrieg, und Hesse ist – deutscher Staatsbürger noch bis 1924 – als Beamtenstellvertreter der Deutschen Kriegsgefangenenfürsorge zugeteilt. Er hatte sich bei Kriegsausbruch freiwillig gemeldet, war aber wegen seiner schwachen Augen für untauglich erklärt worden.

Er leistet pure Fronarbeit, gibt eine Zeitschrift und eine Buchreihe heraus, sammelt Spenden für Bibliotheken in Kriegsgefangenenlagern. Für eigene Dichtung bleibt kaum noch Zeit, aber das allein ist es nicht. Es sind ihm seit Ausbruch des Krieges nicht nur die Themen abhanden gekommen, auch die Selbstsicherheit, die man braucht, einen Satz hinzuschreiben – und ihn stehen zu lassen. Er weiß, er müsste anders schreiben, so, dass es nicht mehr nach 19. Jahrhundert klingt. Aber er weiß nicht wie. Die Depression lähmt ihn. Er weiß, der Krieg ist ein Unglück, weil er den Geist eines künftigen Europas zerstört. Natürlich will er, dass Deutschland diesen Krieg gewinnt, aber soll er darum den Gegner gleich hassen müssen? Seine Position macht ihn zum Außenseiter. Pazifisten und Nationalisten entdecken ihn als Feindbild.

Dieses Jahr 1916 droht Hermann Hesse zu verschlingen. Sein Vater stirbt, der gelehrte Pietist, gegen den er als Kind revoltierte. Ein glückliches Leben hat sich da vollendet. Und er? Steht vor einem Scherbenhaufen. Sein bisheriges Werk ist ihm fremd geworden. Für ein künftiges fehlt ihm die Kraft. Die Krise wird akut, der völlige Zusammenbruch droht. Seine Kopfschmerzen steigern sich ins Unerträgliche, Schlaflosigkeit und Angstzustände quälen ihn, hinzu kommen ein starkes Schwindelgefühl und bleierne Schwäche. Er weiß, dass er ernsthaft krank ist. Doch eine Kur in der Klinik Sonnenmatt bei Luzern hat wenig Erfolg. Die Internisten sind ratlos. Physisch gibt es keinen Grund für seinen schlechten Zustand. So übergibt man den Fall einem Psychiater: Josef Bernhard Lang. Dieser gehört, vorerst noch, zum Kreis von C.G. Jung und beschäftigt sich mit Psychoanalyse, speziell der Traumanalyse.

Es wird eine folgenreiche Begegnung. Lang ist zu dieser Zeit genau der richtige Gesprächspartner für Hesse. Er hat sich mit der Geschichte der Gnosis befasst, der Zwei- Welten-Lehre, die wie geschaffen scheint für Hesses Doppelgängerprinzip, dem Entwerfen gegensätzlicher, aufeinander bezogener Figuren, die Trennungen eines ursprünglichen Ganzen darstellen: so wie Tag und Nacht, Hell und Dunkel, Ordnung und Chaos.

Mit der Traumdeutung kommt ein Moment in Hesses blockiertes Schreiben, das den Weg frei macht für die „Kinderseele“, der auch ein doppelter Blick innewohnt: Paradies konkurriert mit Hölle. Kann er sich das Böse, das Zerstörerische so erfolgreich verbieten wie seine Eltern? Dass er dies nicht vermag, weiß er längst. Der Weg zu den Märchen und zum Malen (damit beginnt er auf Anraten Langs) ist gebahnt. Märchen schrieb er schon als Kind, und gezeichnet hat er sein Leben lang, wenn auch sporadisch. Nun bekommt dies einen ganz anderen Stellenwert. Es öffnet Türen. Dahinter liegt eine Welt, zu der er bisher keinen Zugang fand.

Zwölf Sitzungen finden im Mai 1916 statt, weitere 60 folgen bis zum Herbst 1917. Kaum ist die Depression erträglicher geworden, blickt Hesse wieder als Künstler auf das zutage geförderte Traummaterial. Schnell ist er wieder Herr des Geschehens und Lang sein „Assistent“, der sich vergeblich müht, ihm in dieses Reich der Kunst zu folgen.

In seinem Streben ist Lang eher ein Esoteriker. Hesse nimmt von ihm, was er brauchen kann, probiert sogar die von Lang sehr ernst genommene Astrologie aus und lässt sich ein Horoskop erstellen. Es bleibt jedoch bei diesem einen.

Sehr knapp ist die erste Mitteilung vom April 1916: „Werter Herr Doktor! ... Keine Träume. Grüßend ihr H. Hesse.“ Das wird sich schnell ändern. Und so wird Hesse den neuen Standpunkt in der Einleitung zum „Demian“ formulieren, der das Motto vorangestellt ist: „Ich wollte ja nichts anderes als das zu leben versuchen, was von selbst aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“

Da ist vor allem die tabuisierte Kindheit. Der Sohn strenggläubiger Pietisten rebellierte offen gegen die repressive Gutheit der Eltern – züchtete unter den Augen Gottes Dämonen der Destruktion. Für die Eltern war alles Sünde, was mit Lebenslust zu tun hatte: das Geschlechtliche, Alkohol und Zigaretten ohnehin, aber auch Dichtung, die nicht dem Lobe Gottes galt. Pyromane Fantasien hatte er lebenslang, wie oft er sie in die Tat umsetzte, ist unklar. Auf frischer Tat ertappt wurde er nur einmal als Kind in Calw, da zündelte er im Wald. Kein Erlebnis konnte größer sein als das Feuer. Brennendem Reisig im Garten sah er stundenlang zu. Feuer vernichtet, aber es reinigt auch.

Es ist schwer, doch es lohnt, sich den verdrängten Ängsten, den uneingestandenen Wünschen zu öffnen. Sie sind, wenn man sie als Stoff für neue Formen zu gebrauchen weiß, ein Reichtum. Und Hesse wächst an diesem Stoff. Lang versucht ihm darin zu folgen, schickt nun seinerseits Hesse Traumaufzeichnungen und bittet ihn um Beurteilung. Auch er will Dichter sein, und es fällt Hesse nicht leicht, ihm zu erklären, dass dies kaum mehr als Therapiematerial ist.

In einem Brief, den Lang im Frühjahr 1918 an Hesse schickt, liest man nicht ohne Verblüffung: „Sie sind für mich der gütige Vater, der mich zur Kunst führt.“

Zu besichtigen ist, verblüffend schnell, ein vollständiger Rollentausch. Hesses Krisen sind noch da, aber er schreibt nun, diese anders betrachtend, etwas, das weit über ein bloßes Traumprotokoll hinausgeht: „Demian“. Das ist eine moderne Legende über die immergleichen Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, ohne dabei das Kind, das man war, zu töten.

An Hesses Ehefrau Mia, die sich zunehmend von ihm entfremdet, wird die Psychoanalyse ebenfalls ausprobiert. Aber dieses Experiment verläuft anders als erhofft. Im Sommer 1917 nimmt sie einen anderen Mann im Welti-Haus auf, einen Arbeitslosen. Hesse notiert in sein „Traumtagebuch der Psychoanalyse“: „Mia schien die ersten Tage nach dem begonnenen Analyse-Versuch sehr aufgeschlossen und geneigt, mit mir in neue, vertiefte Beziehungen zu kommen. Plötzlich hat das alles wieder aufgehört.“ Der in Mia geweckte Liebesimpuls richtet sich auf einen anderen, jenen Arbeitslosen, der plötzlich vor ihrer Tür stand. Er lebt nun bei ihnen. Da er keine Brotkarte besitzt, müssen sie mit ihm die spärlichen Lebensmittelrationen teilen. Eine bizarre Szenerie, in der sich Hesse in seinem eigenen Haus ausgesetzt sieht: „Er schläft im Haus, er ist stundenlang der Gegenstand lebhafter, angeregter Gespräche mit Mia, überhaupt ist sie für alles und jedes wie in einer neuen, schönen Liebe aufgeschlossen, mich ausgenommen. Vermutlich empfindet sie es nicht, aber es ist merkwürdig, wie sie ohne Worte und ohne scheinbare Aggressivität zu zeigen vermag, wie tief sie meiner überdrüssig ist.“

Am 26. Juli 1918 schließlich vermeldet er Lang: „Der Mann ist fort.“ Doch die Atmosphäre bleibt angespannt. Mia neigt zu Hassausbrüchen, bei der Rückkehr von einer Kur wirft sie alles Gepäck aus dem fahrenden Zug, ein anderes Mal versucht sie in einem Anfall geistiger Umnachtung, den jüngsten Sohn Martin zu erwürgen. Hesse muss handeln. Mit Langs Hilfe veranlasst er Mias Einweisung in eine Anstalt, in der sie viele Jahre zubringt. Die Söhne werden getrennt bei Freunden oder im Heim untergebracht. Der Weg für einen Neuanfang scheint frei.

Und Lang? Er war für Hesse auf seine unorthodoxe Weise ein hilfreicher Ermutiger beim Ernstnehmen seiner künstlerischen Mission. Dieser hochneurotische Mensch, der selber bei Hesse einen Halt suchte, kämpfte lebenslang glücklos gegen die Hindernisse der bürgerlichen Welt und endete 1945 als Patient in derselben psychiatrischen Klinik St. Urban bei Luzern, in der er einmal Arzt war.

Hesse schreibt im Herbst 1917, in kaum acht Wochen, den „Demian“. Die Sitzungen bei Lang waren die Vorbereitung dafür: ein Prozess der Stoffsammlung. Er sieht die eigenen destruktiven Seiten nun anders, auch die Kindheit liegt als Thema neu vor ihm. In seinem Aufsatz „Künstler und Psychoanalyse“ klingt viel Skepsis mit: „So wenig historisches Wissen zu den Geschichtsdichtungen, Botanik oder Geologie zur Landschaftsschilderung fähig machen, so wenig konnte der beste wissenschaftliche Psychologe der Menschendarstellung helfen.“ Die Psychoanalyse bleibt also eine Hilfswissenschaft, ein Instrument, das zu einem Mehr an Selbsterkenntnis führen kann, aber nicht muss. Das Analytische, das auf einen starken Traum trifft, kann dem Künstler durchaus zum Anstoß für Schöpfertum werden, aber es kann auch das Gegenteil bewirken. Denn das Geheimnis des mythischen Traumreichs, in dem alle Kunst ihren Ursprung hat, darf nicht entzaubert werden.

Von diesem Verhängnis, seine Träume nicht mehr zu gestalten, sondern sie nach Mustern zu deuten, hat Hesse nun eine recht genaue Vorstellung. Und so ist die Warnung nicht zu überhören, die Gefahr, die er auch in der Psychoanalyse für den Künstler sieht – wenn dieser nicht die Kraft besitzt, den Analytiker, der ja in einer bestimmten Phase eine Art Seelenführer ist, wieder zurückzulassen und sich aus seiner Abhängigkeit zu befreien. Genau dies hat Hesse im „Demian“ getan, er hat die Psychoanalyse in sich aufgenommen, ohne sich an sie aufzugeben.

Im Mai 1919 geht Hesse über die Alpen. Wie ein „kleiner abgebrannter Literat“ kommt er nach Montagnola im Tessin, wo er sich in der Casa Camuzzi vier Zimmer mietet. Nur seine Bücher und den Schreibtisch lässt er sich aus Bern nachschicken. Der Süden, der ihn immer gelockt hatte, mit starker Sonne und erhitzten Sinnen, er verschluckt ihn nun. Dem kurzen Höhenflug folgen lange Depressionen. Zwei weitere Eheversuche bestätigen ihm nur sein Eremitentum. „Siddhartha“, „Steppenwolf“ und „Das Glasperlenspiel“ sind sämtlich den noch kommenden Krisen abgetrotzt. Deutschen Boden hat er seit 1936 nie mehr betreten.

Unser Autor hat auch die Biografie „Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten“ (Hanser) veröffentlicht.

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