Zeitung Heute : Schröder am Horizont Henryk M. Broder, Publizist

"Doris, kneif mich, ist es nicht nur ein Traum?", will der Kanzlerdarsteller am Anfang wissen. "Nein, wir sind seit einem Jahr Kanzler", antwortet die Gattin, freut sich wie ein Kind nach der Bescherung und gibt ein Interview: "Der Job als Hausfrau füllt mich voll aus." Ihrem Mann ist derweil der Spaß vergangen. Er neidet seinem Fahrer sein "Kochmett und Corned Beef" in der Butterbrotdose und ruft per Handy Trittin an: "Den mach ich fertig, das ist der einzige Spaß, den ich hab, seit der Oskar weg ist."

Nicht erst seit Rot-Grün regiert, ahnen wir, dass rund um das Kanzleramt eine Seifenoper gespielt wird, mit der verglichen "GZSZ" ein Pausenfüller ist. Der Kanzler als Dressman, der Außenminister als E.T.-Kopie und der Umweltminister als Wiedergänger von Groucho Marx - so etwas schreit nach dramatischer Verdichtung, vor allem wenn außer den rot-grünen Knallchargen auch die Charaktermasken der Opposition vorgeführt werden. Der Kanzler fährt Fahrrad im Internet, das heißt, er lässt ein Double fahren ("Meine Reden schreib ich auch nicht selbst, und das merkt keiner!"), während Angela Merkel im Trockenen rudert.

Immerhin hat es über ein Jahr gedauert, bis das Fernsehen die angemessene Antwort auf das regierende Alternativprojekt gefunden hat. Denn im wahren Leben geht es wirklich wie in einer Seifenoper zu, nur langsamer, und es gibt weniger zu lachen. Hier hatten wir es mit einer "Realsatire" zu tun, die sich ungeniert in der Wirklichkeit bediente und sie auf den Punkt brachte: mit schnellen und witzigen Dialogen, eine Seltenheit im deutschen Fernsehen, wo sonst mit tiefen Blicken und langen Pausen gearbeitet wird. Und anschließend gab es bei "Spiegel TV" die Fortsetzung: "Wie war ich Deutschland ? - Das wahre Leben des Bundeskanzlers" als nahtlose Fortsetzung. In der Soap trifft der Kanzler eine Schulklasse aus Telgte, in der Reportage lässt er sich mit Schülerinnen vor seiner Residenz fotografieren. Das war auch sehr komisch und bestätigte wieder mal die banale Erfahrung, dass die Wirklichkeit noch schrecklicher ist als jeder Versuch, ihr nahe zu kommen. Es ist wie mit dem Horizont. Wir werden ihn nie erreichen, versuchen es aber immer wieder, weil wir wissen möchten, was dahinter liegt.

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