Zeitung Heute : Schröder in New York: Aus der Nähe betrachtet

Stephan-Andreas Casdorff

Dieser Duft. In die staubige, schwere Luft schleicht er sich, immer weiter, dann trifft die Erkenntnis wie ein Schlag: Es riecht nach Blumen. Aufgestapelt zu Hunderten, in Plastikfolie, liegen sie auf den Betonbalustraden und säumen den Weg. Er führt Gerhard Schröder vom Kai am Hudson, wo in dieser Nacht vier Polizeiboote neben unruhig an ihren Leinen zerrenden Segeljachten liegen, vom Dunkel des Wassers zum Schauplatz des Grauens. Es ist eine angemessene Annäherung.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? In unbarmherzigem Licht ragen metallene Stümpfe auf, stechen heraus aus den Bergen von Schutt wie mahnende Finger. Gelbe Ungetüme mit kräftigen Armen greifen zu, tragen Trümmer ab, unter denen Tausende Opfer liegen. Wasserfontänen dämpfen den noch immer hervorquellenden Rauch. Und überall sind amerikanische Fahnen zu sehen, als Zeichen der Trauer und des Trotzes, auf Baggern, an lädierten, schwarz verkohlten, verhüllten Häuserwänden, auch an der Empore, auf der Deutschlands Kanzler jetzt steht.

Er schaut in die Nacht, mit leicht geöffnetem Mund. Es sieht aus, als falle ihm das Atmen schwer. Sein Gesicht, ein Buch: Seine Frau hat einige Jahre hier in New York gelebt, sie hat ihm viel erzählt von dieser Zeit in Megalopolis, in der Hauptstadt der Welt, wo sich das World Trade Center einst zeigte als Teil des Neuaufbaus an der Südspitze Manhattans. "Downtown", die Unterstadt, der man damals das allmähliche Sterben einreden wollte. Die sich aber majestätischer erhob denn je. Mit dem World Trade Center, das für sich dann mit diesem Satz warb: "Die größte Nähe zum Himmel, die einige von uns je erreichen werden." Wie das heute klingt. Auf die Trümmer schaut Schröder, zerfurcht. Er hat eine "besondere Beziehung" zu dieser Stadt entwickelt. Ganz dicht neben ihm ist Rudolph Giuliani, Schulter an Schulter. Der Bürgermeister erklärt gemessen die Szenerie, holt systematisch das Gespenstische in die Wirklichkeit. Und Schröder nickt.

Der Schauplatz des Grauens - Symbol für einen Bauplatz der Demokratie, weltweit. Schröder hat ihn schon sehen wollen, um sich ein Bild zu machen. Nicht als Erster, sich nicht vordrängend, um nicht in den Verdacht zu geraten, er sei nur neugierig oder wolle eine politische Prozession anführen. Aber ja, er wollte natürlich dorthin, um besser erfühlen und an sich spüren können, was dieser 11. September bedeutet. Um seine Anteilnahme symbolhaft zu dokumentieren und zugleich zu erfahren, wie dieser Zivilisationsbruch wirklich aussieht, den die Politik so sicher erkannt hat, aus der Ferne, ohne eigene Anschauung. Der Besuch an diesem Ort: Er soll für ihn eine Art Selbstvergewisserung werden, als Mensch, als Politiker. Schröder sucht die Nähe, aus Anstand, aus Anteilnahme, und weil die Fernsehbilder doch immer auf Distanz halten, das Grauenvolle nicht wiedergeben können, wie er sagt. Er sucht eine Bestätigung.

Als Kanzler war er vorher schon der Meinung, dass der Anschlag einer klaren Antwort bedarf, politisch und militärisch. Nach dem Anblick dieses Monuments des Schreckens sagt er für Millionen Menschen in die Mikrofone: "Es darf sich nicht etwas festsetzen in den Menschen, nicht nur in New York, sondern auch nicht anderswo." Denn New York strahlt aus, als die Stadt, die nicht nur "Kapitale des Kapitals" ist, sondern auch Fluchtpunkt für Millionen Menschen aus aller Herren Länder, "Ziel und Ort für einen Neuanfang". Sagt Schröder tiefernst und entschlossen, als Mensch, als Politiker. "Ground Zero" heißt der Platz, und was als Begriff für das Eingestürzte gedacht war, gewinnt eine weitere Bedeutung: von Grund auf neu.

Beweis der Lebenskraft

Die einzige Möglichkeit, aus Manhattan eine erträgliche Stadt zu machen, wäre, zwei Drittel der Baublocks abzureißen, um den entsprechenden Raum für das Straßennetz und die Erfordernisse des modernen Lebens zu verwenden, schrieb vor Jahrzehnten der Franzose Raymond Cartier, einer dieser Weltjournalisten "mit planetarischen Kenntnissen", wie ihn Robert Jungk würdigte. "Aber nur ein Krieg oder ein Diktator könnte diese Art der Stadtplanung realisieren." Nun war der Krieg da, hineingetragen von einem Diktator des Ungeistes. Und der Schauplatz verschwenderischer Vielfalt, die Stadt, über der so viele Gefahren schweben, die sich immer wieder gegen ihren Niedergang gewehrt hat - sie beweist gerade jetzt wieder so viel Lebenskraft. Giuliani, der gegen den Krebs kämpft, lächelt, neben sich Schröder. Ihr Händedruck dauert länger. Sie verlassen den Bauplatz, die Schritte sind entschlossen.

Schröder hat es gesehen, mit ihm sein Weggefährte und Redenschreiber Reinhard Hesse auch. Sie arbeiten gemeinsam an der Rede, die der Kanzler heute im Bundestag hält, die offenbaren soll, was ihm bewusst geworden ist auf seinem Gang: Amerikas Reife und Bereitschaft, keine politische Dämmerung zuzulassen, sondern dieser Tage mit harter Arbeit eine Neuordnung zu beginnen. So wie New York einen neuen Wolkenkratzer bauen wird. Ein nachdenkliches Amerika, das keine Arbeitslosigkeit der Seelen mehr kennt, sondern sich pragmatisch-pathetisch neue Lasten aufbürdet. Das bereit ist, nicht nur die neuen Ruinen in Afghanistan, die es als Antwort auf seine eigene Erniedrigung hinterlässt, wieder aufzubauen. Mit eigener Hilfe und der seiner Freunde. Wie damals, nach dem großen Krieg in Europa. Und Schröder ist beeindruckt. Wie er da neben George Bush steht: Sein Gesicht ist ein Buch.

Die Rosen im Garten blühen. Neben der amerikanischen Fahne die deutsche, es ist ein stolzes Bild. Sie treten heraus in die Sonne, der amerikanische Präsident und der deutsche Kanzler, einer bietet dem anderen höflich den Vortritt an. Nahezu gleich groß sind sie, ihre Anzüge sind grau, die Hemden weiß, die Krawatten rot, es ist eine ins Auge stechende auffällige Zufälligkeit. Und sie stehen so nah beeinander, dass sich ihre Schultern berühren, der Kanzler nur ein wenig versetzt hinter Bush. Auch dieser Besuch wird einer zur Selbstvergewisserung, voran der politischen. Allerdings nicht allein. Verführt nicht ein Job wie der des Präsidenten, der ein großes Land solcher Fähigkeit zu heroischer Anstrengung lenkt, zu autoritären Zügen oder Anflügen von Hochmut? Blendet nicht ein Besuch im Weißen Haus, dem Zentrum des erhitzten amerikanischen Patriotismus? In einer Stadt, die das "Versailles einer Demokratie im Atomzeitalter" genannt worden ist?

Schröder hat die Sonne im Rücken und blickt auf den Rasen, wo die Presse auf das "Stake-out" wartet. Er steht völlig ruhig, so dass er in sich ruhend wirkt, und wartet auf seinen Einsatz. Oder auf die Möglichkeit zum Eingreifen. Drei Mal dankt Präsident Bush ihm jetzt und wendet sich ihm dabei deutlich zu.

Als Bush sich über die Weitergabe geheimer Informationen aus dem Kongress erregt, sagt Schröder auf Englisch spontan: "Das Problem kennen wir auch." Es ist, als wolle er zeigen, dass es so auch in ihrem Gespräch gewesen sei - einer geht auf den anderen ein. In einem Gespräch, in dem beide jedenfalls darin einig sind, dass öffentlich zu viel über das Militärische und zu wenig über das Zivilisatorische im Kampf gegen den Terror geredet wird, über Truppen statt über humanitäre Hilfe für sieben Millionen hungernde Menschen und demokratischen Aufbau. Schröder, der Kanzler: Er sucht die Nähe und erhält Bestätigung. Auch durch Symbole, von denen jeder weiß, wie wichtig sie sind.

Das gebrochene Tabu

Er kommt nach Tony Blair, dem Premier des fest mit Amerika verschweißten Britannien. Schröders Position auf der Treppe zum Rosengarten drückt Deutschlands Positionierung in der Weltpolitik aus. Deutschland ist Koalitionär und, besonders im Nahen Osten und in den Vereinten Nationen, wichtig geworden in der Arbeit an der neuen Weltordnung. Es ist als verlässlicher Partner weiter nach vorne gerückt. Das hat das Gespräch von Bush mit Schröder gezeigt: Die Bereitschaft zu uneingeschränkter Solidarität, die auch mit dem Tabu der militärischen Hilfe bricht, wird ernst genommen und hat eine Wechselwirkung zur Folge. Was Vater Bush den Deutschen und ihrem bürgerlichen Regierungsbündnis nach der Einheit versprach, vollzieht sich unter dem Sohn mit einer rot-grünen Koalition. In entschlossenen Schritten.

Am Tag danach fliegen die Bilder noch einmal in Sekunden vorbei. Die freundliche Hinwendung des Präsidenten. Wie er und New Yorks Bürgermeister mit dem Kanzler zusammenstehen. Diese Nähe. Dieser Geruch der Blumen. Die Szenerie, die der einer zerbombten Stadt gleicht. Die Rückkehr der Geschäftigkeit. Der Lärm. Die Bereitschaft der Weltstadt, sich mit hoheitsvoller Verachtung für den Schmerz zu revanchieren und sich ohne Unterlass zu erneuern. Die Weltallianz auf ihrem Bauplatz der Demokratie. Gerhard Schröder ist zurück. Es wird Stunden brauchen, seine Eindrücke in eine annähernd angemessene Rede für den Bundestag zu fassen.

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