Zeitung Heute : Schröder ist keine Sex-Puppe und Naddel ist nicht Tucholsky

Harald Martenstein

Naddel ist nicht Tucholsky. Und die Erotik-Sendung "peep!", die auf RTL 2 von der Freundin des Schlagersängers Dieter Bohlen moderiert wird, ist keine Satire, die ja angeblich alles darf. "peep!" vermengt Comedy, Talkshow und Zoten. Was dabei hinten herauskommt, heißt Abendunterhaltung.

Bekanntlich hat "peep!" den Bundeskanzler als Sex-Puppe gezeigt, und womöglich geht Gerhard Schröder juristisch dagegen vor. Damit stellt der Kanzler nicht die Freiheit der Künste oder die Freiheit der Satire in Frage, er macht sich lediglich lächerlich. Denn Schröder hat die Geister selber gerufen, die er jetzt loswerden möchte. Wer die Tür zu seinem Privatleben so weit geöffnet hat wie er, der darf sich nicht wundern, wenn bei dieser Gelegenheit auch ein paar ungebetene Gäste hereinschlüpfen. Und Schröders Empfindlichkeit macht sich nicht gut im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem Buddha Kohl, der jahrzehntelang in stoischer Ruhe gelungene und misslungene Satiren, witzigen und geschmacklosen Spott ertragen hat.

Trotzdem fragen jetzt viele: Wo liegt die Grenze? Soll etwa alles erlaubt sein? Wie viele schlechte Scherze müssen ein Prominenter und seine Familie aushalten? So, wie die Struktur unserer Öffentlichkeit sich verändert, handelt es sich dabei schon bald um rein hypothetische Fragen. Vielleicht könnte Schröder gegen RTL 2 sogar noch etwas ausrichten. Aber hinter der Welt des Privatfernsehens mit seinen immer zahlreicheren Kanälen wächst bereits die viel größere Welt des Internet, des Mediums der Zukunft. Das Privatfernsehen ist schon schwer zu kontrollieren, das Internet überhaupt nicht. Nicht die Demokratie, nicht die wachsende Permissivität, sondern die Technik hat Zensur unmöglich gemacht. Und immer beeinflusst ein Medium das andere. Das Privatfernsehen hat auch die Zeitungen verändert, und das Internet verändert das Fernsehen. Wer heutzutage ethische Grenzen für Erotik-Magazine fordert, der könnte genau so gut über die Wiedereinführung der Postkutsche als Transportmittel diskutieren.

Die Technik ändert sich, die Leute bleiben gleich. Seit Jahrtausenden erzählt das Volk gerne Zoten und macht geschmacklose Scherze auf Kosten der Regierenden. Aber heute findet alles, was gesagt oder auch nur gedacht werden kann, sofort sein Medium. Die Struktur der Öffentlichkeit hat sich der Struktur des Bewußtseins angenähert: Es gibt da finstere Winkel und tiefe Abgründe. Ob sich einer dort hin begibt oder es lieber lässt, ist Privatsache.

Steuern lässt sich dieses Angebot am ehesten über eine Verknappung der Nachfrage: Roman Herzog zum Beispiel ist als Bundespräsident eher selten die Zielscheibe von Sexwitzen gewesen. Er war, was sein Privatleben angeht, eben nicht so exhibitionistisch. Mit den Phantasien, die ein Prominenter bei den Massen weckt, muss er anschließend auch leben: Das ist unschön, aber so unabänderlich wie ein Regentag.

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