Zeitung Heute : Schröders erste Wahl

Der Tagesspiegel

Was feststeht, ist der Wahltermin: Sonnabend. Was nicht feststeht: der Kandidat für die Nachfolge von Dieter Stolte als ZDF-Intendant. Ein Kandidat braucht für seine Wahl 47 gültige Stimmen aus dem Rund des 77-köpfigen Fernsehrates. Immerhin ist jetzt wieder ein Name aufgetaucht, von dem es heißt, es könnte der Name eines Kandidaten sein: Manfred Harnischfeger. Er ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann AG in Gütersloh, zuständig für strategische Aufgaben. Die Genese dieses Kandidaten-Namens klingt auf den ersten Blick abenteuerlich. Nicht die Ministerpräsidenten Kurt Beck (Rheinland-Pfalz/SPD) und Bernhard Vogel (Thüringen/CDU), nicht die Spitzen der beiden Freundeskreise im Fernsehrat, Klaus Rüter (SPD) und Wilfried Scharnagl (Union) sollen Harnischfeger ausgeguckt haben, sondern Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Gruppe, Thomas Middelhoff. Den operativen Part soll nach Angaben aus den Freundeskreisen dabei Uwe-Karsten Heye übernommen haben. Heye ist Sprecher der Bundesregierung und Mitglied im ZDF-Fernsehrat. Er soll mit der Arbeit von Klaus Rüter, Leiter der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, sehr unzufrieden gewesen sein, unzufrieden, weil Rüter (und auch Beck) bei der Findung des neuen ZDF-Intendanten nicht erfolgreich agiert hätten. Nach wie vor droht die große Blamage: dass am Sonnabend kein neuer ZDF-Chef feststeht. Und die notwendige Drei-Fünftel-Mehrheit für Manfred Harnischfeger ist noch in weiter Ferne.

Am Freitagabend kommen die Freundeskreise von Sozialdemokratie und Union zusammen. Mehr noch, am Nachmittag ist ein Treffen der so genannten „Grauen“ im Fernsehrat angesetzt. „Grau“ bedeutet, dass ein Mitglied sich nicht offiziell zu einer parteipolitischen Richtung bekennt. Angeregt hat dieses Treffen Jochen Flasbarth, Vertreter des Naturschutzbundes Deutschland e.V. Ob Flasbarth und andere „Graue“ die Rebellion wagen und einen eigenen Kandidaten präsentieren? Ernsthaft wird nicht damit gerechnet. Die Initiative wird so verstanden, dass sich die „Grauen“ ihren Unmut über die monatelang vergebliche Suche der Findungskommission dokumentiert sehen wollen. Jedenfalls, das Durcheinander ist komplett.

Die Union könnte sich mit dem Kommunikationsexperten Manfred Harnischfeger arrangieren, schließlich war er von 1965 bis 1972 Sprecher der hessischen CDU-Landtagsfraktion. Der 57-jährige Konservative muss den Konzern gemäß der Bertelsmann-Doktrin in drei Jahren verlassen. Eine wirkliche Leitungsaufgabe im Fernsehbereich des Bertelsmann-Reiches war Harnischfeger nie angeboten worden. Und jetzt der Sprung in die ZDF-Intendanz? Joachim Huber

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