Zeitung Heute : Schröders Godesberg steht noch aus

TISSY BRUNS

Das letzte Wort eines Politikers, der als erster in Deutschland seine Botschaften medial genial an die Menschen gebracht hat.Sein Abschiedsbrief an die SPD war dürr und förmlich, sein Auftritt vor den Kameras hätte gefühlvoller nicht sein können: Mit Lafontaine verläßt uns das sozialdemokratische Jahrhundert - hernach kommt nur noch die Börse.Beziehungsweise Gerhard Schröder.Was doch ungefähr das gleiche ist.

Das Bild, das Lafontaine da heraufbeschworen hat, wirkt.Die SPD, verlassen von ihrem Vorsitzenden, glaubt ihm und folgt klag- und fraglos der Regie aus dem Kanzleramt.Keiner der Schritte zum Sonderparteitag ist im Präsidium entstanden oder im Parteivorstand, den Gremien, die nun, wie es scheint, einen ungeliebten Vorsitzenden akzeptieren, der sie ihrerseits auch nicht besonders schätzt.

Aber stimmt das Bild überhaupt, ist es denn wahr? Ist Lafontaine der letzte in der langen Reihe von Sozialdemokraten, die den industriellen Aufbruch in Deutschland und Europa geformt haben, der letzte Vorsitzende, der die Programm- und Volkspartei SPD geführt hat? Schiebt man den schillernden Vorhang beiseite, hinter dem Lafontaine die Bühne endgültig verlassen hat, zeigt sich ein ganz anderes Bild: Mit Lafontaine ging der erste Repräsentant sozialdemokratischer Diskontinuität nach dem "Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts", das Ralf Dahrendorf schon lange vor 1999 ausgerufen hat.Zu recht.In Deutschland markiert das Ende der Ära von Brandt und Wehner den Abschluß einer Zeit, die Sozialdemokraten mit ihren Ideen einer gerechten Verteilung zivilisiert haben.

Lafontaine - erst Brandts Lieblingsenkel, dann seine große Enttäuschung - erkannte früh seine Aufgabe: Das neue Lied vom Teilen wollte er mit der SPD singen.Und scheiterte damit schon vor 1990.Die Erneuerung des Berliner Programms bestand nur in einer Erkenntnis: Die Fortschrittspartei akzeptierte die Grenzen des Fortschritts.Das mußte sein - der grüne Impuls wurde im übrigen von allen Parteien mehr oder weniger nachvollzogen.Aber die eigentliche, die originär sozialdemokratische Aufgabe hat Lafontaine nicht gelöst: Solidarität und Gerechtigkeit jenseits des Verteilungskampfes zwischen Kapital und Arbeit zu definieren und in pragmatische politische Münze umzusetzen.

Da ist einer gescheitert, und umso grandioser, als es ihm trotzdem gelungen ist, für die SPD die Regierungsmacht zurückzuerobern.Bleibt nur noch die Börse? Auf jeden Fall bleibt die älteste deutsche Partei, die SPD.Es bleiben die sozialdemokratischen Werte Solidarität und Gerechtigkeit.Keine Börse, kein weltweit marodierendes Kapital, kein Markt kann sie widerlegen.Im Gegenteil.Börse, Kapital und Markt bestätigen täglich ihren Sinn.Nur aus einem einzigen Grund könnten sie ihre Kraft wirklich verlieren: wenn sie zum bloßen Schlachtruf der Besitzstandswahrer herunterkommen.Diese Gefahr ist allerdings groß.

Und es bleibt bekanntlich Gerhard Schröder, Kanzler und demnächst Parteivorsitzender.Ob er es kann, ob er es will: Die neue historische Aufgabe für die Sozialdemokratie finden? Das kann niemand beantworten.Aber fest steht, daß die SPD unter Schröder ihre letzte Chance hat.Sie kann dabei sowenig die alte bleiben, wie die Volkspartei von Brandt und Wehner die alte Weimarer Milieupartei geblieben ist.SPD aber waren beide Parteien, die Weimarer und die bundesdeutsche.Fest steht auch, daß alle schnellen Prognosen über eine Schröder-SPD wenig Grund unter den Füßen haben.Ein Parteichef, der zu wirtschaftsfreundlich ist, um noch als Sozialdemokrat gelten zu können? Plausibler ist, daß erst ein SPD-Vorsitzender der Wirtschaft richtig widersprechen kann, der sich aus falschen Klassenkampffronten löst, der seinen Wahlkampfschlager von der Neuen Mitte ernst nimmt.

Gerhard Schröder hat die Regierungsmacht.Und immer noch das Godesberg vor sich, das Willy Brandt und Herbert Wehner erst einmal schaffen mußten, bevor sie in Deutschland regieren konnten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben