Zeitung Heute : Schüsse am Park

Das Urteil im Berliner Polizistenmordprozess

Kerstin Gehrke

Die Frau ganz in Schwarz schließt die Augen. Sie hört das Urteil und schüttelt den Kopf, aber sie bleibt gefasst. „Ich muss das erst einmal verarbeiten“, sagt Heike Lieschied später, draußen vorm Gerichtssaal. Ob sie zufrieden sei mit dem Urteil, fragt ein Reporter. Sie überlegt, schwankt. Gerade sind die tödlichen Schüsse auf ihren Ehemann, den Hauptkommissar Uwe Lieschied, mit lebenslanger Haft geahndet worden. Die Stimme von Heike Lieschied wird fester: „15 Jahre – das ist gar nichts.“

Der Saal 500 im Berliner Landgericht ist am Dienstag bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch viele Polizisten, die Lieschied kannten, sind gekommen. Die Blicke gehen zu Mehmet E., der schräg hinter Heike Lieschied hinter Panzerglas sitzt. Er hatte den Hauptkommissar ermordet, um einer Kontrolle zu entgehen – „daran haben wir keinerlei Zweifel“, sagt der Richter. Mehmet E., ein schlanker Mann mit korrekt gescheiteltem Haar, bleibt regungslos.

Der Mord hatte Bestürzung ausgelöst in Berlin. Eine Woche danach gab es einen Trauermarsch, an dem 7000 Menschen teilnahmen, 1000 kamen zur Trauerfeier für Lieschied, 4000 sahen sich ein Benefizspiel von Hertha BSC gegen eine Polizeimannschaft an, zugunsten der Familie des Ermordeten.

Die Brutalität der Tat hat damals viele erschreckt. Der Entschluss zur Tat sei innerhalb weniger Sekunden gefallen, heißt es dann im Gericht. Der 42-jährige E. sei „fast irrational“ nach vorn geprescht und habe ein Menschenleben ausgelöscht, nur um fliehen zu können. Doch der Affekt wird nun zu seinen Gunsten gewertet. Von der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sehen die Richter ab – entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Damit wäre eine Entlassung aus dem Gefängnis nach 15 Jahren ausgeschlossen worden.

Elf Monate liegt die Tat zurück. Uwe Lieschied, verheiratet, zwei Söhne, ist am 17. März spätabends mit zwei weiteren Zivilfahndern unterwegs. Ein Routineeinsatz. An der Hasenheide in Neukölln schöpft Lieschied Verdacht: „Seht ihr die beiden, die rennen, lasst uns die mal überprüfen.“ Lieschied geht auf die Männer zu, spricht sie an: „Jungs, bleibt mal stehen, Polizei.“

Er hatte den richtigen Instinkt; später würde sich herausstellen, dass die Männer nur Minuten zuvor eine Frau überfallen hatten, ein Handtaschenraub, 50 Euro Beute, das Opfer blieb unverletzt. Einer der Männer zieht eine Pistole, drückt ab, acht Schuss, das ganze Magazin. Eine Kugel durchschlägt Lieschieds linke Schläfe. Er stirbt wenige Tage später in einem Neuköllner Krankenhaus.

Mehmet E. und sein Raubkomplize Yussuf K., der für den Raub nun fünf Jahre bekam, wurden erst eine Woche später festgenommen. E. gab zunächst auch zu, dass er geschossen habe. Er führte die Ermittler auch zum Versteck der Waffe am Wannsee. Er demonstrierte sogar, wie er sie gehalten hatte. Das Foto liegt in den Akten. Es zeigt ihn mit ausgestrecktem Arm, die linke Hand stützt das rechte Handgelenk. Im Prozess aber zog er die Aussage zurück. Er lamentierte über „schlechte Polizisten“, die ihn unmenschlich behandelt hätten. Man habe ihn bei der Festnahme hart angefasst und in einer kalten Zelle frieren lassen. Er habe dann nur aus Angst gesagt, „was die hören wollten“.

Das Gericht jedoch blieb überzeugt, dass es Mehmet E. war, der die tödlichen Schüsse abgegeben hat. Es gibt ja auch genug Beweise. Einer ist ein Handschuh, gefunden in der Nähe des Tatorts. Mit Schmauchspuren und Hautpartikeln von Mehmet E.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar