Zeitung Heute : Schüsse aus dem Taxi

Eine Hand am Lenkrad, eine an der Kamera – so fährt David Bradford mit seinem Wagen durch New York.

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Text: Eberhard Schade; Fotos: David Bradford Der Mann mit der schwarzen Hornbrille sitzt aufrecht auf seiner alten Ledercouch, balanciert auf den Knien einen Schuhkarton voller Fotos: Lauter Bilder von Kindern. Neugierig stecken sie ihren Kopf durch die Plexiglasscheibe in seinem Auto oder drücken ihre Nasen am Seitenfenster platt. „Meist merken sie dabei gar nicht, wie wunderbar das Licht auf ihre Gesichter fällt“, sagt der Mann. Er hat sie fotografiert, wie sie mit ihrer „Mum“ oder ihrem „Daddy“ in den Zirkus fahren, dabei lustige Lieder singen. Oder sich nur ein paar Straßenecken weiter wieder absetzen lassen. „Es ist dieser kleine Augenblick, den sie mich in ihr Familienleben schauen lassen."

David Bradford hat selbst keine Kinder, selten eine feste Beziehung. Seine Tage, das sagt er selbst, beginnen oft ein wenig trostlos. Vor allem seit Lola nicht mehr da ist, seine über alles geliebte Hündin. Aber auch, weil er spürt, wie sehr sein Job mittlerweile an ihm zehrt, die ZwölfStunden-Schichten, sechs Mal die Woche. Bradford ist Taxifahrer, in New York.

Und trotzdem, sagt er, würde er nicht tauschen wollen. Zum Beispiel mit dem Leben, das er früher gelebt hat. 1978 kam er als Absolvent der Rhode Island School of Design nach New York, fing als Werber bei „Saks“, dem exklusiven Warenhaus an der Fifth Avenue, an. Bradford war kreativ, hatte gute Ideen, stieg schnell bis zum Artdirector auf. Zehn Jahre später schmiss er die Karriere hin.

„Irgendwann ist alles nur noch Politik“, sagt er. „Genau davon hatte ich die Schnauze voll, wollte mich endlich wieder ganz der Malerei widmen.“ Seine Bilder bot er dem Magazin „New Yorker“ an, doch das lehnte meistens ab. Um zu überleben, arbeitete er als Fahrradkurier, stieg dann um aufs Taxi.

Schicksal? Segen? Fluch? Bradford zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht“, sagt er und zeigt nur stumm auf ein paar Kontaktabzüge an der Wand seines Apartments. Auf den meisten Bildern ist er selbst zu sehen. Wie er mit ausgestrecktem Arm aus dem Fenster seines Taxis fotografiert. Oder am Schreibtisch eines Artdirectors mit einer großen Lupe Negative begutachtet. Im Hintergrund: Manhattans Skyline. Bilder, auf denen Bradford sich selbst spielt. Für einen Werbespot einer Zigarettenfirma. Spätestens seitdem der in den Kinos lief, ist er kein Unbekannter mehr. Der New Yorker Taxifahrer, der fotografiert. Der Fotograf, der Taxi fährt.

New York mit den Augen eines Cabbies, eines Taxifahrers, sehen. Jeden Tag, jede Stunde, bei Regen, bei Schnee. Die Stadt festhalten, so wie sie ist, und nicht verkitscht für Touristen aufgenommen – die Idee gefiel den Werbern, und sie merkten schnell: Bradfords Fotos sind mehr als schlichte Zeichenvorlagen für seine Bilder. „Auch ich spürte“, sagt Bradford, „es sind Instant-Gemälde. Sie erzählen alles“. Wieder versuchte er es beim „New Yorker“, diesmal mit mehr Glück. Der Fotochef ermunterte ihn, schob ihm ein paar Aufträge zu. Bradford glaubte, dass er den Durchbruch als Künstler jetzt bald schaffen würde. Zwei, drei seiner schönsten Fotos hängte er in den Fond seines Taxis.

„Auf diese Art und Weise habe ich einige wunderbare Menschen kennen gelernt“, erzählt er. Aber bis ein Verleger einstieg, der ein Buch mit ihm machte, dauerte es noch sieben lange Jahre. Im Herbst 2000 erschien „Drive-By Shootings“. Bradford widmete es Lola, seiner Labradorhündin.

Er zieht ein abgegriffenes Exemplar aus dem Regal, blättert durch die fast 500 Seiten. Ein fotografisches Roadmovie. Auf einem der Bilder schwebt die Spitze des Empire State Buildings über einer Nebelwand, als hätte sie sich vom Rest des Wolkenkratzers gelöst. Auf einem anderen verformen sich die Stahlträger der Manhattan Bridge im Außenspiegel seines Taxis zu einer krakenähnlichen Gestalt. Eine überlebensgroße Projektion Frank Sinatras an der Radio City Music Hall schimmert gespenstisch durch die Nacht. Riesige Werbetafeln, das Spiel verzerrter Reflexionen in Rückspiegeln, auf Kühlerhauben und auf nasser Straße: Für all das ist Bradfords Blick geschult. Er fängt aber auch stille, unverhoffte Momente Manhattans ein. Knorrige Äste im Sturm am Ufer des East River. Parkbänke im Central Park, als ob sie friedlich schlummerten.

Bradfords Bilder sind poetisch, widersprüchlich. Wie New York. Sein Buch hilft ihm, sich in der Stadt als Künstler zu etablieren. Zweimal stellt er in Manhattan aus, seine Fotos erscheinen in amerikanischen Magazinen. Leben kann er davon nicht. Deshalb jagt er weiter nach Kundschaft. Jeden Morgen ab halb vier. Dann streift er seine schwarze Bomberjacke über, greift nach einer Flasche Essigreiniger für die Windschutzscheibe, verlässt sein Apartment in Chelsea.

Erster Routine-Stopp: der „A&M“-Deli Ecke 21. Straße, 8. Avenue. Bradford schiebt dem Verkäufer vier Dollar unter der zentimeterdicken Plexiglasscheibe durch, steckt einen Kodak Tri-x-pan in seine Tasche. Minuten später sitzt er in seinem gelben Ford Victoria.

„Clear day, no clouds“, murmelt er. Sein erster Blick gilt dem Wetter, erst der zweite der Straße. Das Taxi kommt nur langsam voran. Nervös trommeln Bradfords Finger auf dem Lenkrad herum. Er spürt: Viel verdienen wird er wohl auch heute nicht. Der Wagen allein kostet ihn 100 Dollar am Tag, erst was er darüber hinaus einfährt, gehört ihm.

„Natürlich gibt es Tage“, sagt er, „an denen ich nicht in der Stimmung bin zu fotografieren. Versuche, mich darauf zu konzentrieren, Geld zu verdienen.“ Spätestens nach ein paar Stunden sieht er dann ein Motiv und sagt zu sich selbst: „Mensch Junge, geh’ endlich einen Film kaufen.“ Spätestens dann ist er wieder im Rhythmus. Wie jetzt. An der dritten Ampel. Als plötzlich ein Pulk von Menschen vor Bradfords Taxi die Straße überquert, die Morgensonne bizarre Schatten auf seine Kühlerhaube projiziert. Klick. Bradfords erster Schuss heute. Sekunden später, der zweite. Eine Stretchlimousine, in deren Heckscheibe die Fassade des Chrysler Buildings zu einem Spielzeugturm verkommt. Klick. Und immer nur: schwarz-weiß. Das ist New York, findet Bradford. Mit viel Grau dazwischen. An der nächsten Ampel – klick – das dritte Motiv: Eine bildhübsche junge schwarze Frau guckt in Bradfords Kamera. Oft gelingt es ihm, sehr nahe an seine Motive heranzukommen. Ein Taxifahrer, der fotografiert: „Damit rechnet erst mal keiner“, sagt er.

Neuerdings filmt Bradford. Kleine Videos mit einem Camcorder in seinem Handy. Im Fahren, aus dem Taxi, wie gehabt. Nur in Farbe und untermalt von Musik aus dem Autoradio. Jeder Film ist 15 Sekunden lang. Eine Ewigkeit für einen, der sonst nur Hundertstelsekunden einfängt. Die Frau an der Bushaltestelle Times Square zum Beispiel. Sie bewegt die Füße, um nicht zu frieren. Im Takt der Hammondorgel von Jimmy Smith sieht es aus, als tanze sie. Mehr als 100 solcher Clips liegen schon auf Bradfords Laptop. Im November wird er sie das erste Mal der Öffentlichkeit präsentieren. Jack Shainman, ein angesehener New Yorker Galerist, hat sie gesehen, ist begeistert. Seitdem findet auch Bradford seinen Alltag nicht mehr ganz so trostlos. Glaubt wieder daran, doch noch richtig entdeckt zu werden. Künstler und Galerist haben sich natürlich im Taxi kennen gelernt.

Bremsen, anfahren, bremsen, abbiegen – immer auf der Jagd nach Kunden. Normalerweise macht David Bradford nur eine Pause. Vormittags, gegen elf. „Dieses Taxi ist mein Gefängnis“, sagt er einmal. Vielleicht gelingt ihm mit seiner Kamera doch noch der Ausbruch.

Eine Auswahl von David Bradfords Fotos und Filmclips zeigt vom 17. November bis zum 22. Dezember die Jack Shainman Gallery, 513 West 20th Street, New York.

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