Zeitung Heute : Schüsse nach hinten

Sie zielte, sie drückte ab, sie hat ihn getroffen – tödlich. Franziska R. war 16 Jahre Polizistin, und sie liebte ihren Beruf. Bis zu jenem Tag. Seitdem kreist ein Gedanke in ihrem Kopf: „Ich habe einen Menschen getötet.“ Ein unerträglicher Gedanke. Die Geschichte eines Zusammenbruchs.

Simone Leinkauf

Die Panik in seinen Augen: Das ist das Erste, was Franziska R. wahrnimmt. Ein großes und mächtiges Tier, das angstvoll unter seinem Reiter davonläuft. „Kilimandscharo braucht jemanden mit viel Zeit und Geduld“, hört sie die Reitlehrerin sagen. Und Franziska weiß: Das ist mein Pferd. Denn Panik kennt sie selbst nur zu genau. Wenige Wochen später, am 1. September 2000 unterschreibt sie den Kaufvertrag für den Fuchswallach. Genau ein Jahr nach diesem Tag, nein, nach diesen sieben Minuten, die ihr ganzes Leben verändert haben.

Der 1. September 1999: „Irgendwie hatte ich schon morgens das Gefühl, dass ich Schutz brauchen würde“, erinnert sich die 36-jährige passionierte Reiterin, die mit 19 zur Polizei kam und dort den Beruf fand, der ihr 16 Jahre lang wie eine Berufung erschien. Obwohl sie im Dienst niemals Schmuck trägt, um sich nicht zu verletzen, greift sie an diesem Tag nach einer Bernstein-Kette, die sie von ihrem Lebensgefährten und Kollegen Frank R. geschenkt bekommen hat. Für die Berliner Polizeihauptmeisterin ist es das erste Mal, dass sie eine Art Talisman mit in den Dienst nimmt. Unter den Kollegen gilt die ein Meter 75 große, sportliche Franziska als besonders robuste Polizistin.

Bis zum 1. September 1999. Der Tag beginnt gemütlich. Man trifft sich auf der Wache, plauscht noch einen Moment und bereitet einen Wagen für den Einsatz vor. Spielplätze sollen Franziska R. und ihr Kollege Lars K. in Zivil observieren, um einem Sittenstrolch das Handwerk zu legen. Im Laufe des Vormittags hören die beiden über Funk eine Meldung, dass im Vorort Teltow eine Post überfallen worden sei und sich ein oder zwei bewaffnete Täter auf der Flucht in Richtung Berlin befinden, in einem grünen Mercedes Vito. Lars K. fragt nach, ob man sich an der Fahndung beteiligen solle und bekommt eine abschlägige Antwort.

Die Verfolgungsjagd

Franziska R. holt jetzt tief Luft, greift noch einmal nach der Teetasse und fragt: „Wollen Sie eine Kurzversion hören, oder soll ich ausführlich werden?“ Ohne die Antwort abzuwarten, beginnt sie zu erzählen. Eineinhalb Stunden lang berichtet sie ohne Pause von den längsten sieben Minuten ihres Lebens. Jede noch so kleine Einzelheit hat sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt: Wie sie zufällig den grünen Vito finden, wie sie mit Lars K. das Fahrzeug beobachtet und dann die verdeckte Verfolgung aufnimmt. Lars hält am Funkgerät die Kollegen auf dem Laufenden, Franziska sitzt am Steuer. Sie erinnert sich, wie sie den Täter in Zehlendorf verfolgt, wie dieser schließlich das Fahrzeug hinter sich bemerkt und dann eine rasante Verfolgungsjagd durch die Kleingartenkolonie in der Kleinmachnower Straße beginnt. Der Tacho geht hoch auf 130 Stundenkilometer, obwohl rechts und links nur wenige Zentimeter Platz sind. Der Vito rammt andere Fahrzeuge, dann wird dem Fahrer offenbar klar, dass er die Verfolger nicht los wird. Franziska sieht einen nackten Arm aus dem Fenster ragen, eine Waffe in der Hand und hört die ersten Schüsse. Im Kopf den Befehl „dran bleiben!“, kommt sie gar nicht auf die Idee, auszuweichen oder anzuhalten. Schließlich kollidiert der Vito mit einem Kleinwagen. Die Polizisten und der Täter springen gleichzeitig aus ihren Autos und stehen einander in drei Meter Entfernung in der Hocke gegenüber – alle drei in der typischen Schusshaltung, wie sie bei der Polizei gelehrt wird, alle drei schießen. Später stellt sich heraus, dass der Posträuber früher Polizist war.

„Warum triffst du nicht? Warum fällt der nicht um? Versagst du jetzt?“ Franziska wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln, während sie davon erzählt. Der Täter dreht sich um und flüchtet. Und obwohl Franziska und Lars hinter ihm hersprinten, ist er plötzlich verschwunden. Gefunden wird er erst am Tag darauf im Gebüsch, tot, die Waffe im Anschlag. Er hat einen Schuss im Sprunggelenk und einen in der Lunge. Die Verletzung war so schwer, dass er nicht mehr schießen konnte, obwohl die Polizisten nur wenige Meter an ihm vorbeigelaufen sind. Als Franziska wenige Tage später erfährt, dass die Schüsse aus ihrer Waffe stammen, ist sie zuerst erleichtert: „Das hieß für mich erst mal nur, dass ich nicht versagt hatte. Dass ich auch in dieser Stresssituation getroffen hatte.“

Das Gefühl der Erleichterung ist nicht von Dauer. Es weicht einem anderen, dem Gefühl, am Tod eines Menschen schuld zu sein. Franziska wird zum ersten Mal bewusst, dass sie niemals mehr in eine Situation kommen will, in der sie ihr eigenes Leben nur dann schützen kann, wenn sie einen anderen Menschen tötet.

Auf die Frage, ob es nicht klar war, dass Polizisten auch mal eine Waffe benutzen müssen – schließlich werden sie ja auch an der Waffe ausgebildet –, zuckt sie zusammen. In der zweieinhalbjährigen Ausbildung gab es einen Psychologiekurs, in dem es um schwierige Festnahmesituationen ging. Ein tödlicher Schusswechsel war niemals das Thema. Am Schießstand wird auf Zielscheiben oder Pappfiguren geschossen, die reichlich abstrakt sind: „Die haben kein Gesicht. Da denkst du einfach nicht daran, dass du vielleicht auch mal auf Menschen schießen musst.“ Keine der 30 Frauen, mit denen sie ihre Ausbildung gemacht hat, hat das jemals thematisiert. Und fragt man heute Auszubildende am Schießstand, ob sie sich vorstellen könnten, auf einen Menschen zu schießen, dann kommt die immer gleiche Antwort in verschiedenen Variationen: „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“ „Das ist so weit weg.“ Die Wirklichkeit ist anders: 68 mal schossen 2001 in Deutschland Polizisten auf Menschen. Fünfmal mit tödlichem Ausgang.

Es ist nicht nur der dauernd wiederkehrende Gedanke: „Ich habe einen Menschen getötet.“ Es ist auch das Bewusstsein, sich selbst in Lebensgefahr befunden zu haben. Franziska bekommt Angstzustände: Angst ums eigene Leben, Angst vor Verletzungen, Angst vor dem Alleinsein und schließlich sogar die Angst vor Entscheidungen. Franziska flieht aus Berlin, zieht sich auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern zurück, den sie 1996 mit Frank R. gekauft hat. Der Tag wird vollgepackt mit Aktivitäten, um abends möglichst nicht über das, was geschehen ist, nachzudenken: Franziska beginnt mit dem Ausbau der Stallungen und des Wohnhauses, kümmert sich um zwei Hunde und vier Katzen.

Nachts auf Streife

Sieben Wochen wird sie freigestellt nach dem dramatischen Vorfall, dann kehrt sie in den Polizeidienst zurück. „Ich wusste, dass ich noch nicht so weit war“, sagt sie heute. „Aber ich hatte Angst, dass man meine Angst als typisch weiblich abstempeln würde.“ Also zieht sie Mitte Oktober 1999 wieder die Uniform an, steckt die Waffe ein und geht auf Streife. Sie sprintet nachts hinter Jugendlichen her, die Drogen genommen oder etwas geklaut haben, observiert Verdächtige und bricht vier Wochen später schließlich bei einer ganz normalen Fahrzeugkontrolle zusammen: Der Fahrer, der eine Hose in Tarnfarben trägt, genauso wie der Täter vom 1.September, greift ins Handschuhfach nach seinen Papieren. Franziska erstarrt – im Kopf nur den Gedanken: „Wenn der eine Waffe hat, dann lasse ich mich erschießen.“

Bei Polizisten, die im Einsatz einen Menschen getötet haben, lassen sich später zwei verschiedene Reaktionen nachweisen, wenn sie in eine schwierige Situation kommen: Die einen ziehen die Waffe zu früh, schießen aus Angst um ihr eigenes Leben, bevor sie tatsächlich bedroht sind. Die anderen sind wie gelähmt, unfähig sich zu verteidigen, weil sie nicht mehr schießen können. Weil sie nicht noch einmal die Angst, die Schuld und auch die Vorwürfe der Kollegen und Vorgesetzten zu hören bekommen wollen. Auch Franziska hat das so erlebt. Keiner der Kollegen hat sie getröstet, „keiner hat gesagt, dass es schön ist, dass ich noch lebe. Dabei hätte ich das so dringend gebraucht.“ Ein ehemaliger Kollege zieht erstaunt die Augenbrauen in die Höhe: „Die Franziska in den Arm nehmen? Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Ich hätte gedacht, die knallt mir eine.“ Und einer, der einmal ein Freund war, schüttelt verständnislos den Kopf: „Wie kann man so blöd sein und hinterherfahren, wenn einer schießt.“ Das ist ihr zweites Trauma nach dem Schusswechsel. Frank und Franziska nennen es die kollegiale Katastrophe. Übrig bleibt das Gefühl, allein zu sein, Verantwortung mit niemandem teilen zu können.

Die Entlassung

Franziska wird krankgeschrieben, immer wieder, immer länger. „Postshooting Trauma“ nennen sie das bei der Polizei. Und mit jedem Arztbesuch steigt die Panik, dass sie die Uniform wieder anziehen muss, dass ihr irgendwann wieder ein Täter gegenübersteht und sie nach einer Waffe greifen muss. Aber was ist größer: das Schuldgefühl oder die Angst um das eigene Leben? „Das wechselt. Es gibt Phasen, in denen ich vor lauter Angst das Haus nicht verlassen kann, aber nachts ruhig schlafe. Und es gibt Nächte, in denen der Täter vor mir steht, immer wieder und immer vorwurfsvoll.“

Am 31. März 2002 wird Franziska R. in den Vorruhestand entlassen, mit 62 Prozent ihres letzten Verdienstes als Ruhestandsgehalt. Ihr Fall ist als „qualifizierter Dienstunfall“ anerkannt, so heißt das im Behördenjargon, wenn ein Polizist sich bewusst in Lebensgefahr begeben hat. Aufgegeben hat sie nicht nur ihren Beruf – auch ihr Selbstbild hat sich geändert: „Ich habe meine Stärke verloren.“ Sicher fühlt sie sich nur noch, wenn Frank, den sie am 1. September 2003 geheiratet hat, sie in den Arm nimmt. Oder wenn sie draußen auf der Weide ist mit ihrem Fuchswallach. Er ist ihr „Therapiepferd“. Gemeinsam lernen sie, mit ihrer Angst umzugehen, sie allmählich in den Griff zu bekommen. Als das Pferd sie im Verlauf einer Panikattacke zum ersten Mal abwirft, wird die eigene Angst wieder übermächtig: „Da war auf einmal wieder das gleiche Gefühl da, das mir der Täter vermittelte: Pass auf, wenn ich will, kann ich dich umbringen.“ Langsam tastet sie sich wieder an das Pferd heran. Es vergehen Monate, bevor sie wieder im Sattel sitzt.

Inzwischen machen Pferd und Reiterin lange Ausritte in die Umgebung und starten auch schon mal auf einem Turnier. Wenn Franziska auf die Weide kommt, läuft der Fuchs ihr entgegen. Von der Panik des Pferdes ist nichts mehr zu sehen. Kilimandscharo hat der Polizistin eine Idee davon vermittelt, wie die Zukunft aussehen könnte. Franziska R. will auf ihrem Hof mit Problempferden arbeiten. Ihre Zeit bei der Polizei? Gehört zu einem anderen Leben.

Eine Dokumentation über Franziska R., Titel: „Der tödliche Schuss“, von Dagmar Brendecke und Walter Brun läuft am 28. September um 22 Uhr 15 beim Themenabend „Im Schatten des Verbrechens – Räuber und Gendarm“ auf Arte.

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