Zeitung Heute : Schützenswertes Gut

Ethnische Minderheiten sollen vor „Modernisierern“ geschützt werden

Michael Schmidt

Zum Glück gibt es viele Wege zu Wachstum, Wohlstand und einem guten Leben. Keiner ist für alle zu allen Zeiten und überall der einzig richtige. Ein Leben in Vielfalt ist ein reiches, ein bereicherndes Leben. Angleichung dagegen, wie wir sie durch die Globalisierung erleben, durch den weltweiten Austausch von Waren, Wissen, Weltanschauungen, solche Angleichung bedeutet Verarmung.

Inwiefern? Dass die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten durch Klimawandel und Umweltverschmutzung die genetische Vielfalt bedroht und damit die Fähigkeit sich an eine sich rapide verändernde Umwelt anzupassen, um zu überleben, ist inzwischen weithin bekannt. „Biologische Vielfalt“ zu erhalten mithin ein weithin anerkanntes Ziel. Dagegen hat es zum Beispiel in der Entwicklungspolitik länger gedauert, bis die Einsicht sich durchsetzte, dass, was wir in Europa für richtig halten, im Westen, in den Industriestaaten, dass das durchaus nicht das einzig vorbildhafte Modell einer Entwicklung in anderen Teilen der Welt ist. Dass vielmehr „kulturelle Vielfalt“ ein schützenswertes Gut ist. Weil es uns bewahrt – vor sozialem und kulturellem Unfrieden zum Beispiel. Kultur ist ja mehr als die Summe der schönen Künste. Sie umfasst Lebensformen, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen. Eine Nivellierung der Kulturenvielfalt, ihre Homogenisierung ist, wie auch immer sie konkret aussehen mag, ein gewaltsamer Vorgang.

Kulturelle Vielfalt bewahrt uns auch vor einer Welt, die öd und fad wäre, frei von Überraschungen, weil die Menschen überall auf gleiche Weise fühlen und denken, wahrnehmen und sich ausdrücken würden. Die Gefahr solch einer universalen Uniformität ist real. Schon jetzt gibt es, wie Iris Stolz von terre des hommes Deutschland sagt, „überall die gleichen Filme, die gleiche Musik, die gleichen Shopping-Center mit den gleichen Produkten, der gleichen Mode und den gleichen Werbeplakaten.“ Kulturen und Menschen aber entfalten sich durch den Austausch mit anderen. Deshalb reisen wir, deshalb gehen wir ins Kino, deshalb lesen wir Bücher. Dieser Austauch bleibt auf der Strecke, wenn es, weil alles gleich ist, nichts mehr auszutauschen gibt. Gleichzeitig gilt, sagt Stolz weiter, dass sich die Begegnung der Kulturen, wie sie derzeit stattfinde, im Rahmen von Machtstrukturen vollziehe. Mit anderen Worten: „Kulturelle Globalisierung ist oft nicht durch einen konstruktiven Austausch gekennzeichnet, sondern durch ein mit viel Geld und Macht gestütztes Überrollen von Gesellschaften, das einhergeht mit der Entwürdigung und Zerstörung kultureller Wissensschätze, Lebensweisheiten und Ausdrucksformen.“

Angeregt durch Projektpartner fördere terre des hommes daher Projekte, die „ethnischen Minderheiten den Raum und die Möglichkeiten geben, ihre Kultur zu leben und ihre Sprache, ihre Wissensschätze und ihre Lebensweisheiten an ihre Kinder weiterzugeben. So wird Jahrhunderte altes ökologisches und landwirtschaftliches Wissen erhalten, Traditionen werden aufgewertet und gegen die Entwürdigung durch sogenannte ,Modernisierer‘ geschützt“, sagt Stolz.

Das Recht, frei zu entscheiden, welches Leben als richtig und gut empfunden wird, soll Bestandteil jeder Kultur sein. Deshalb haben die 191 Vertragsstaaten der Unesco das Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen beschlossen. Es legt das Recht der Staaten fest, Maßnahmen zu ergreifen, um die kulturelle Vielfalt auf ihrem Gebiet gegen die reine Marktlogik zu schützen. Das Abkommen bestätigt das souveräne Recht der Vertragsstaaten zu einer „eigenständigen Kulturpolitik“ – auch und gerade vor dem Hintergrund der fortschreitenden Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen im Rahmen der Welthandelsorganisation. Der Deutsche Bundestag hat der Ratifizierung des Übereinkommens am 1. Februar zugestimmt, am 18. März 2007 wird es in Kraft treten.

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