Zeitung Heute : Schulbusse: Studie: Wie amerikanische Busse sicherer werden

Heiko Schwarzburger

Im November 1999 raste ein Schulbus bei Altlandsberg (Brandenburg) gegen einen Baum. Der Fahrer und vier Kinder starben. Seitdem reißt die Debatte um die Sicherheit der Busse nicht ab. Es mangelt nicht an Vorschlägen: Videokameras und Begleitpersonal sollen die Kinder beruhigen. Gurte sollen sie an die Sitze binden. Ein wirklich Erfolg versprechendes Sicherheitskonzept lässt nach wie vor auf sich warten. Dabei könnte ein Blick nach Übersee helfen.

In den USA gelten Schulbusse von jeher als das wichtigste Transportmittel, um die Kids sicher zur Schule zu bringen. Obwohl seit Jahrzehnten immer wieder an neuen Sicherheitskonzepten für die gelben Ungetüme getüftelt wurde, kommen jährlich neun amerikanische Schüler bei schweren Busunfällen ums Leben oder werden schwerstverletzt. 16 Schüler laufen als unaufmerksame Fußgänger vor die Busse und werden überrollt. Deshalb gab die Nationale US-Behörde für Transportsicherheit eine Untersuchung in Auftrag, deren Ergebnisse unlängst vorgestellt wurden. Für ihre Tests hatten die Experten mehrere schwere Unglücke in Minnesota, Colorado und New Jersey analysiert, bei denen ein Bus stets mit einem anderen schweren Fahrzeug kollidierte und hohe Geschwindigkeiten im Spiel waren.

Die zentrale Aussage der Forscher: Die Anschnallpflicht für Schüler führt bei Seitenaufprall eines anderen schweren Fahrzeuges, etwa eines Traktors, oder bei Überschlag zu schwersten Verletzungen an Kopf und Brust. Der Gurt hält die kleinen Körper im Sitz fest, obwohl Arme, Beine und der Kopf vom Sitz weg geschleudert werden. Rast beispielsweise ein Lastkraftwagen vorn seitlich in die Fahrerkabine, wird das hintere Ende des Busses herum gerissen. Durch die große Entfernung der hinteren Achse zum Drehpunkt, dem Ort des Aufpralls, entstehen enorme Fliehkräfte. In Computersimulationen wiesen Experten der Obersten Highway-Behörde nach, dass in diesem Fall auf die kleinen Körper unvorstellbare Unfallkräfte wirken, die das Vierzigfache des Körpergewichtes übersteigen. Diese Kräfte wirken auch bei Unfällen zwischen Pkw, doch sind sie dort wegen der deutlich kleineren Achsabstände um etliche Größenordnungen geringer.

Die Folge: Gerät der Bus ins Schleudern, gibt es für die Kinder kein Halten mehr. Sie schlagen mit den Köpfen gegen die Fenster und rutschen seitlich nach unten aus den Gurten. Einige werden sogar stranguliert. "Das gilt sowohl für Zwei-Punkt-Gurte als auch für Drei-Punkt-Gurte", berichtete Kristin Bolte von der US-Behörde für Transportsicherheit. "Deshalb bieten die Gurte beim Unfall kaum einen Schutz. Könnten die Kinder ungehindert umher rutschen, wären die Kräfte auf ihre Körper geringer, die Verletzungen würden in bestimmten Situationen deutlich reduziert."

Sie empfiehlt daher, die Busse wie Gummizellen auszupolstern. Haltestangen über dem Sitz des Vordermanns, in brandenburgischen Schulbussen noch immer gang und gäbe, geißelt sie als schwere Gefährdung für die Gesundheit und das Leben der Schüler. Schon starkes Bremsen kann zu Gesichtsverletzungen führen. Amerikanische Schulbusse haben extra hohe Sitzlehnen, die auch hinten weich gepolstert sind. Mehrere Sitze nebeneinander bilden eine Sitzgruppe, beinahe wie ein Sofa. Gestänge fehlen fast völlig, denn bei einem Unfall wirken sie wie schwere Eisenstangen, die die Leiber der Kinder treffen. Bei einigen US-Bussen ist der Fahrer durch Plexiglas von den lärmenden Kids getrennt.

Kritischer Punkt sind nach wie vor die Fenster und das Busdach, die bislang kaum gepolstert werden. Hätten die Kids bei den untersuchten Unfällen nach allen Seiten eine Polsterung gehabt, wären einige Todesfälle vermeidbar gewesen.

Die US-Highway-Behörde will die Ergebnisse der Untersuchung jedenfalls in eine neue Generation von Schulbussen einfließen lassen.

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