Zeitung Heute : Schuld und Schulden

Drei Orte in der Ukraine, drei Schicksale, Menschen, die unter den Nazis litten – nicht alle bekommen Entschädigung

Claudia Keller[Kiew]

Sie hat ihren Morgenmantel aus blauem Samt angezogen, ihre hohe blonde Lockenperücke aufgesetzt und ein zuckersüßes Lächeln. Die erfrorenen Fersen stecken in Hausschuhen. Mit galanter Handbewegung führt Alla Rakitjanskaja, einst Tänzerin, Zwangsarbeiterin, dann Lagerinsassin in Sibirien und nun Rentnerin, die Gäste aus Berlin in ihre enge Ein-Zimmer-Wohnung. Vor vergilbten Tapeten und zerbrochenen Spiegeln ist sie noch einmal die Diva, die sie früher war, während sich draußen die Sonne aus der Industriestadt Dnjepropetrowsk im Südosten der Ukraine verabschiedet.

In Kiew öffnet die ehemalige Zwangsarbeiterin Jewdokia Odinzow in Jogginghose, Kittelschürze und Strickweste. Sie war gerade dabei, das Abendessen – gebratenen Fisch, Gemüse und Wodka – für die sechsköpfige Familie zu richten.

800 Kilometer südlich, in Simferopol auf der Krim, sitzt Lidia Drutschenko, auch sie während des Nationalsozialismus zur Arbeit in Deutschland gezwungen, in ihrer Küche und beißt in einen Apfel. Ihr Kühlschrank ist leer. Ein Glück, dass vorhin eine Nachbarin, die einen kleinen Garten hat, einen Sack Äpfel vorbeigebracht hat. Es ist die erste Mahlzeit für die 65 Jahre alte Frau an diesem Tag.

Drei Orte in der Ukraine, drei Schicksale: Alla, Jewdokia und Lidia verbindet, dass sie zwischen 1941 und 1945 in Deutschland Schlimmes erlebt haben. Die Odinzows haben dafür relativ viel Geld aus Deutschland bekommen, Alla 330 Euro, Lidia nichts.

Drei ähnliche Schicksale – aber nur das von Jewdokia und Anatolij Odinzow, beide fast 80 Jahre alt, passt in die Kategorien der deutschen Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Die Bundesrepublik und deutsche Unternehmen haben für die Entschädigung von Zwangsarbeitern und anderen NS-Opfern fünf Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Seit drei Jahren zahlt die Bundesstiftung das Geld aus, in zwei Raten. In der Ukraine ist Halbzeit, das letzte Geld für die erste Rate wurde Ende September überwiesen. Die fünf Milliarden sind denen vorbehalten, die in Konzentrationslagern oder Ghettos waren oder in deutschen Fabriken und Verwaltungen arbeiten mussten.

Drei Jahre haben die Nazis Anatolij Odinzow ins KZ Mauthausen gesperrt, danach wog der große Mann 46 Kilo. Dafür bekommt er 7500 Euro, die Höchstsumme. Seine Frau stand in einer Munitionsfabrik in Wetzlar am Fließband und erhält 3750 Euro. Das Geld hat ihnen ein bisschen Wohlstand beschert: rosaweiße Kacheln in der Küche, eine Gefriertruhe, ein Mikrowellengerät. Von dem Geld aus Berlin hat sich Anatolij auch an den Nieren operieren lassen. Und es hat der Enkelin das Studium ermöglicht. Anja, die im Tigerkleidchen in der Küche sitzt, studiert in Kiew Volkswirtschaft und Englisch.

Heute wurde Antolijs Rente ausgezahlt, 30 Euro. 25 Euro sind schon weg, dafür hat er Brot, Kaffee und Pelmeni – Teigtaschen mit Fleischfüllung – gekauft, Wurst, Marmelade und ein paar Flaschen Wasser, Bier und eine Flasche Wodka. „Wir kommen über die Runden, weil wir das Geld aus Deutschland haben“, sagt Jewdokia und räumt die Einkaufstaschen aus. Der Sohn und die Schwiegertochter haben Arbeit gefunden, nachdem sie sich mit dem deutschen Geld eine Fortbildung leisten konnten. Der Sohn ist nun nicht mehr Telefonist, sondern Techniker. Großeltern, Eltern und Kinder wohnen zu sechst in der Drei-Zimmer-Wohnung, das ist für viele der 48 Millionen Ukrainer eine Selbstverständlichkeit.

Es gibt natürlich auch die anderen, die neuen Reichen. Sie wohnen in Kiew in der Altstadt mit den sanierten herrschaftlichen Häusern aus dem 19. Jahrhundert, am rechten Ufer des breiten Dnjepr. Dort stehen auch die monumentalen Regierungsbauten und die Klöster mit den goldenen Kuppeln. Dort haben in den vergangenen 13 Jahren seit der Unabhängigkeit der Ukraine viele schicke Restaurants eröffnet, die sich in den Preisen nicht wesentlich von denen in Berlin unterscheiden. Vor ihren Türen parken schwarze BMW-Geländewagen, JaguarLimousinen und Porsches.

Die Odinzows waren schon lange nicht mehr in der Altstadt, sie wohnen auf der linken Flussseite. Hier gibt es vor allem Plattenbauten, mehr oder weniger heruntergekommen.

Nicht nur in Kiew, sondern auch in Dnjepropetrowsk und in Simferopol auf der Krim gibt es solche Viertel, auch in Jalta am Schwarzen Meer. In diesen Vierteln wohnen die meisten Ukrainer. In den Treppenhäusern riecht es nach Urin und Abfällen. Der Putz bröckelt, und nur wenn man Glück hat, sind alle Stockwerke beleuchtet. Wenn kein Geld da ist, schrauben die Bewohner die Glühbirnen im Treppenhaus raus und bei sich in der Wohnung wieder rein.

Auch Lidia Drutschenko wohnt in einem solchen Haus. Die dicke, zweifache Tür öffnet die kleine Frau nur für Leute, die sie an der Stimme erkennt. Sie hat gehört, dass schon Rentner überfallen wurden, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass sie früher in Deutschland waren und jetzt Geld dafür bekommen. Die Vorsitzende des NS-Opferverbandes in Simferopol erkennt sie an der Stimme. Die hat Marina Schubarth von dem Berliner Verein „Kontakte“ mitgebracht. Der Verein sammelt Spenden für NS-Opfer, die von der Bundesstiftung nicht bedacht werden. Diesmal ist Schubarth mit 15000 Euro in die Ukraine gekommen und verteilt sie persönlich. Lidia Drutschenko zieht sich für den Besuch zur ausgewaschenen Jogginghose einen abgetragenen Pullover übers ausgebleichte T-Shirt. „Mir ist der Kaffee ausgegangen“, sagt die schmale Frau mit einem entschuldigenden Lächeln auf dem Weg in die Küche. Auch Stühle gibt es nicht genug, sie hat fast alles verkauft, was sich zu Geld machen lässt. Auch das Kaffeeservice und die Gläser, die Bücher und Wandteppiche, die in jedem besseren ukrainischen Haushalt das Wohnzimmer schmücken. Die Schränke und Regale sind leer. An den blitzsauberen Herd gelehnt, erzählt sie mit vorgebeugten Schultern und gesenktem Kopf, wie ihre zwei Schwestern und ihre Mutter 1943 von den Nazis verschleppt wurden. Da war sie fünf Jahre alt. Die Mutter hat es nicht überlebt, die kleinen Mädchen waren tagelang mit ihrer toten Mutter in einem Viehwaggon eingesperrt. Die Kinder mussten bei einem deutschen Bauern arbeiten.

20000 ukrainische Kinder kamen mit oder ohne Eltern nach Deutschland oder in Kinderlager in Polen, Russland oder Finnland. Für sie hat das deutschen Stiftungsgesetz kein Geld vorgesehen. Fast die Hälfte der 470000 verschleppten Ukrainer waren weder in einem KZ, noch haben sie in einem Industriebetrieb gearbeitet. Viele mussten deutschen Bauern helfen. Viele haben Massenerschießungen wie die von über 30000 Juden in Babi Jar bei Kiew überlebt. Sie alle fallen nicht in die Entschädigungskategorien.

Lidia Drutschenko hat ihr Leben lang als Sekretärin gearbeitet. Sie habe nicht schlecht verdient. Das Angesparte hat sie aber bei der Währungsreform vor zehn Jahren verloren. Die Rente reicht nur in den ersten beiden Wochen des Monats für Brot und Wurst. Aber nicht für Schmerzmittel und schon gar nicht für die Brustkrebsoperation.

Die ukrainische Nationalstiftung „Verständigung und Versöhnung“ organisiert mit den ukrainischen Opferverbänden die Verteilung der Entschädigungsgelder und lässt vielen, die vom deutschen Stiftungsgesetz nicht berücksichtigt werden, ein paar hundert Euro zukommen, indem sie von dem Geld für die Industriearbeiter etwas abzieht. „Die verschiedenen Kategorien haben zu viel Neid und Unzufriedenheit geführt“, sagt der Stiftungsdirektor Igor Luschnikow. 50000 Beschwerdebriefe sind bei der Nationalstiftung in Kiew eingegangen. „Warum kann Deutschland nicht wie die Österreicher allen die gleiche Summe geben“, schreibt eine Frau. „Deutschland rechnet doch damit, dass wir dann alle tot sind“, steht in einem anderen Brief. Österreich hat alles auf einmal ausgezahlt und auch in humanitäre Hilfsprojekte investiert.

Obwohl die Nationalstiftung viel tut, reicht das Geld nicht für alle. Denn im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass man bei den internationalen Verhandlungen, die dem Stiftungsgesetz vorausgingen, von viel zu wenig Opfern ausgegangen ist. Die fünf Milliarden werden trotzdem nicht aufgestockt.

Lidia Drutschenko hat weder von der Bundesstiftung etwas bekommen, noch von der ukrainischen Nationalstiftung. Marina Schubarth drückt Lidia Drutschenko beim Abschied 300 Euro in die Hand. „Ich muss den Kühlschrank auffüllen“, sagt die schmale Frau. Vergangene Woche, erzählt sie dann noch verschämt in der Eingangstür, sei sie auf der Straße umgekippt. Sie hat sich den Arm gebrochen. Jetzt kann sie sich Schmerztabletten leisten und ins Krankenhaus gehen.

So etwas wie eine Krankenversicherung gibt es in der Ukraine im Moment nicht. Ebenso wenig feste Preise für die Behandlung im Krankenhaus. Eine Brustkrebsoperation kann zwischen hundert und tausend Dollar kosten, sagt ein Arzt. Das würden die Klinikdirektoren von Fall zu Fall entscheiden. Um die Kranken zu Hause kümmert sich niemand – außer in Dnjepropetrowsk. Hier hat der Opferverband mit 140000 Euro von der deutschen Bundesstiftung einen Betreuungsdienst eingerichtet. Studenten kaufen ein, kochen und putzen für ehemalige Zwangsarbeiter, sie gehen mit ihnen zum Arzt – und, was vielleicht das Wichtigste ist, sie hören zu, wenn sie von früher erzählen.

Hier wird auch Alla Rakitjanskaja umsorgt und kann sich ein Leben ohne ihre Natascha nicht mehr vorstellen. Wenn sich die kleine Frau auf ihrem Bett kokett für die Kamera in Pose räkelt, sieht man zwar nicht, dass sie Hilfe braucht. Auch nicht, wenn sie durch das Wohnzimmer schreitet, als würde sie gleich zu einem Spitzentanz anheben. Aber nach wenigen Schritten klammert sie sich am Türrahmen fest, um nicht umzukippen. Sie ist sie sehr krank, kann kaum noch laufen, weil sie sich in einem Lager die Fersen abgefroren hat. Aber die Gäste sollen das nicht merken. Auch nicht, dass ihr die Haare ausgehen unter der blonden Perücke, die aus einer lange vergangenen Zeit übrig geblieben ist. Ende der 50er Jahre waren wohl solche Frisuren in Mode. Damals kam Alla aus einem sibirischen Lager zurück, in dem sie zehn Jahre lang inhaftiert war und wollte endlich wieder schön sein.

In der Küche mit dem tropfenden Wasserhahn hört man sie jetzt eine Kaffeekanne füllen und Gläser aus dem Schrank holen. Auf dem Wohnzimmertisch stehen alte Fotos, die eine schöne blonde Frau mit strahlendem Lachen zeigen, eine Ballerina, die sich in den Armen ihres Partners biegt. Alla räumt die Fotos beiseite und tischt Torte, Kaffee und Likör auf. Denn wenn Marina Schubarth kommt, ist das ein Festtag für sie. Die beiden verbindet mehr als das Geld, das Schubarth aus Berlin mitbringt. Die 38-Jährige war bis vor zehn Jahren selbst Tänzerin. Das Schicksal der alten Frau hat sie so berührt, dass sie ein Theaterstück über sie geschrieben hat. Es wird in kleinen Theatern in Berlin aufgeführt, demnächst auch im Grips-Theater. Es zeigt, wie ein junges Mädchen 1944 nach Berlin verschleppt und als Zwangsarbeiterin für den Straßenbau eingeteilt wird. Die zierliche Person ist zu schwach für die Arbeit, die Nazis engagieren sie als Tänzerin beim NS-Künstlerdienst. Sie tanzt vor Zwangsarbeitern aus ganz Europa. Nach dem Kriegsende wird sie von der Roten Armee in deren Berliner Künstlerensemble aufgenommen – man sieht die blonde junge Schauspielerin mit sowjetischen Offizieren tanzen. Aber dann wird sie wieder verhaftet, diesmal von KGB-Funktionären.

Sie hätten sich umbringen sollen, anstatt für die Deutschen zu arbeiten, warf Stalin den aus Deutschland Heimgekehrten vor. Viele wurden als Vaterlandsverräter hingerichtet, nicht wenige nach Sibirien verbannt. Wer Glück hatte, bekam nach der Rückkehr Arbeit, die sonst keiner machen wollte und eine Wohnung, in die keiner ziehen wollte. Viele haben lieber geschwiegen, auch vor den eigenen Kindern. Die Entschädigung aus Deutschland hat viele zum Sprechen gebracht. Eine Befreiung sei es gewesen, endlich darüber zu reden, was sie schon so lange belastet hat, sagt Alla. Aber eine Sensation wäre es, wenn sie endlich ihrem Theater-Ego begegnen könnte. „Ich träume die ganze Zeit davon, wie mein Leben auf der Bühne aussieht.“

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