Zeitung Heute : Schulden und Sühne

Bernd Matthies

Berlin bleibt auf 61 Milliarden Euro Schulden sitzen – die abzubauen, erfordert Kreativität. Welche bisher unentdeckten Einnahmequellen gäbe es, um die Landeskasse zu füllen?


Im Prinzip ist das Berliner Finanzdilemma einfach zu lösen. Wenn sich jeder Bewohner der Stadt zwischen 18 und 65 aufraffen könnte, bei Gelegenheit 20 000 Euro beim Land abzugeben, starke Schultern gern auch etwas mehr, dann wäre das Thema Geschichte. Helfen könnte eine PR-Kampagne „Lange Nacht der Finanzämter“: Wer mit eigenen Augen sieht, wie sein Finanzbeamter nachts um zwei verbucht und locht und heftet und ablegt, der gibt mit ganz anderer Motivation.

Verbleibende Lücken sollten durch den Einsatz von Sponsoren zu stopfen sein. Bill Gates beispielsweise könnte das Berliner Defizit locker ausgleichen, er wartet möglicherweise sogar auf den Anruf Wowereits. Dessen Angebot: Berlin heißt für die nächsten zehn Jahre „Windows Vista“. Nützlicher Nebeneffekt: Andere Namen, die die Stadt in den Augen der Welt belasten, könnten ebenfalls getilgt werden. Neukölln wird zu „Outlook“, Heinz Buschkowsky Webmaster und Systemadministrator. Sein Rap geht alsbald um die Welt und spült Tantiemen satt in die Kassen der Stadt. Überdies würden viele Millionen junger Touristen in die Stadt kommen, um an Ort und Stelle bei Public Viewing und Chinapfanne darauf zu warten, dass das ganze Programm einmal täglich abstürzt.

Kreatives, ja intelligentes Sparen ist das Gebot der Stunde. Das verträgt sich durchaus mit der Erhaltung der wertvollen Kulturlandschaft. Freier Eintritt in allen Museen! Das zieht die Besucher in Massen an und ist leicht gegenfinanzierbar, wenn für den Austritt sozialverträgliche 15 Euro genommen werden. Das gleiche Prinzip wäre für Zoo und Tierpark zu erwägen, die beide aber auch selbst mehr für ihre Attraktivität tun müssen. Der Film „Fierce Creatures“ von John Cleese liefert die Blaupause: Gefährliche Tiere! Mörderische Tiere, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen! All das Kuschelzeug, Meerschweinchen, Zwergbiber, wird privatisiert, das kann der Vogelpark Walsrode kriegen.

Sonderleistungen des Staats muss der Bürger freilich in Zukunft auch honorieren. Dass die Fußgängerampeln nur noch gegen Einwurf von 50 Cent auf Grün schalten, scheint zumutbar; die Tatsache, dass dann jeder Rotlichtverstoß als Steuerhinterziehung drakonisch geahndet werden kann, eröffnet weitere interessante Geldperspektiven. Riesige Sparpotenziale öffnen sich, wenn Haushaltslasten wie der Justizvollzug auf Kostendeckung umgestellt werden. Häftlinge zahlen gern 150 Euro pro Nacht, wenn sie dafür Marmorbad, WLAN und 24-Stunden-Zellenservice erhalten – Investitionen, die sich rasch amortisieren, da die Gerichte die Auslastung beliebig steuern können.

Mit kreativen Ideen ließe sich auch die Parkraumbewirtschaftung zum Goldesel ausbauen. 10 Euro pro angefangene halbe Stunde sind nicht zu viel für eine Stadt wie Berlin, zumal, wenn die Stewardessen vom Ordnungsamt kleine Snacks und alkoholfreie Getränke reichen. Soziale Härten könnten durch Frühbucherrabatte und Happy Hours in den parkschwachen Zeiten abgefedert werden. Besserverdiener würden sich auf zentralen Business- oder First-Class-Parkplätzen inkl. Wagenwäsche von Hand und Gourmet-Fingerfood angemessen an der Finanzierung Berlins beteiligen.

Sollte all das nicht reichen, wird die Stadt einfach an einen russischen Oligarchen verkauft. Erdgas ohne Ende, Geld gratis aus Automaten an jeder Ecke, dazu die Möglichkeit, Nieten im Senat jederzeit durch Top-Leute aus der internationalen Liga, echte Bilanz-Ballacks, zu ersetzen – das müsste dem Verfassungsgericht nur noch schonend beigebracht werden. Den ewigen Ärger mit den tschetschenischen Rebellen sollte uns dieses Modell auf jeden Fall wert sein.

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