Zeitung Heute : Schule der Angst

Sie liegen in der Turnhalle zwischen Selbstmordattentätern – wie hunderte Kinder im Nordkaukasus zu Geiseln wurden

Elke Windisch[Moskau]

Einen neuen Ranzen und Filzstifte hatte seine Mutter ihm noch gekauft. Eine ganze Packung, in allen Farben des Regenbogens. Ruslan ist zwar in Mathe eine glatte Niete, Zeichnen aber ist dafür sein absolutes Lieblingsfach. Und das stand für heute, am ersten Unterrichtstag des neuen Schuljahrs auf dem Stundenplan.

Doch in der Schule Nummer eins in Beslan, einer kleinen Stadt in der Teilrepublik Nordossetien, die zum russischen Nordkaukasus gehört, denkt niemand an Unterricht. Am Mittwochfrüh noch waren die Kinder in weißen Blusen und mit Blumen für die Lehrer zur Schule gegangen. Aber als sie sich um 10 Uhr auf dem Schulhof zum Fahnenappell versammeln, kommt ein Armeelastwagen angefahren. Etwa 20 Maskierte mit Maschinenpistolen, Sprengstoffgürteln und Granatwerfern springen von der Ladefläche und sperren alle – Kinder, Eltern, Lehrer – in der Turnhalle ein. Wie viele genau sie in ihrer Gewalt haben, ist lange nicht klar, Politiker in Nordossetien sprechen von mehr als 300, darunter 132 Kinder. Ein paar Geiseln – offiziell ist von zwölf bis 15 die Rede – konnten fliehen, darunter auch der elfjährige Ruslan. Wie ein Erwachsener steht er den Kamerateams des russischen Fernsehens Rede und Antwort. Die großen dunklen Augen blicken ganz ruhig, die Sätze kommen flüssig. Ohne Versprecher, ohne Angst.

Die Geiselnehmer, erzählt Ruslan, hätten gefleckte Tarnkleidung an, wie sie auch die Armee trägt. Männer wie Frauen. Die meisten seien bewaffnet, einige hätten Gürtel mit Sprengsätzen umgeschnallt. Ein anderer Schüler, der 14 Jahre alte Saurbek Zumartow, erzählt, sie hätten den Überfall zunächst für einen schlechten Scherz gehalten. „Aber als in die Luft geschossen wurde, rannten wir los.“ Doch nur die wenigsten können fliehen. Das Wachpersonal der Schule habe noch Widerstand geleistet, schreiben westliche Presseagenturen, dann sei scharf geschossen worden. Einige Geiseln sterben, daruner jedoch keine Kinder. Die Terroristen verminen das gesamte Gebäude, und für die Geiseln beginnt ein zermürbender Nervenkrieg.

Von dem Ort Beslan aus, wo sich das Geiseldrama ereignet, sind es nur 50 Kilometer zur russischen Teilrepublik Tschetschenien, wo seit Jahren ein Krieg zwischen Rebellen und russischer Armee tobt. Noch nie hatten es Terroristen so zielgerecht auf Kinder abgesehen. Aber in Beslan ereignete sich schon einmal eine Entführung: Vor sechs Jahren brachten Terroristen einen Bus mit 40 Menschen in ihre Gewalt. Erst nach langen Verhandlungen kamen die Geiseln frei.

Der kleine Ruslan und seine Schulkameraden sind die Einzigen, von denen die russische Öffentlichkeit gestern Details erfuhr. Denn nach dem Geiseldrama im Oktober 2001 in Moskau, bei dem Terroristen während der Aufführung des Musicals „Nord-Ost“ rund 800 Menschen drei Tage lang in ihrer Gewalt hatten – 129 starben beim Sturm auf das Theater, in dem die Armee offenbar Betäubungsgas eingesetzt hatte – gelten in Russland extrem rigide Vorschriften für die Berichterstattung bei Terroranschlägen.

Polizisten, Geheimdienstler und Einheiten des Ministeriums für Katastrophenschutz hatten den Ort der Tragödie gestern abgesperrt. Die Menschen in Russland erreichen derzeit ständig neue Katastrophenmeldungen: Schießereien auf offener Straße, Geiselnahmen, Terroranschläge und Flugzeugkatastrophen.

Die letzte vor knapp einer Woche, als fast gleichzeitig zwei Tupolews vom Himmel stürzten, nachdem Terroristen an Bord Sprengsätze gezündet hatten. Kurz darauf die nächste Horrormeldung. Am Dienstagabend war in der Nähe der Moskauer U-Bahn-Station Rischskaja, fünf Kilometer vom Kreml entfernt, in einem Auto ein Sprengsatz explodiert. Der Anschlag geht nach bisherigen Erkenntnissen auf das Konto einer Selbstmordattentäterin, vermutlich kaukasischer Herkunft. Eingeparkt hatte den Wagen allerdings ein Mann mittleren Alters. Fünf bis sieben Minuten vor der Explosion, an einer belebten Straßenkreuzung vor einem Supermarkt. Nur durch einen Zufall hält sich die Opferzahl in Grenzen. Nach russischen Maßstäben jedenfalls. Zehn Menschen starben bisher, darunter auch Kinder. 36 liegen in Krankenhäusern. 14 davon in kritischem Zustand.

Gestern früh kam eine weitere Bombendrohung. Der Kursker Bahnhof, wo die Züge aus dem Süden enden, momentan voll mit Urlaubern, die vom Schwarzen Meer kommen, sei vermint. Zum Glück war es falscher Alarm, wie sich wenig später herausstellte. Dafür wurde das Geiseldrama in der Schule in Nordossetien von Stunde zu Stunde dramatischer. Die Berichte von der Entführung gehen wie ein Lauffeuer durch die Stadt Beslan mit ihren 35000 Einwohnern. Die Eltern der älteren Schüler, die morgens allein zum Unterricht gegangen waren, laufen zum Gebäude, Polizisten halten sie zurück. Die Terroristen sollen einige Kinder gezwungen haben, sich an den Fenstern aufzustellen – als lebende Schutzschilde. Der Einsatzstab der Polizei sagt außerdem, die anderen Geiseln müssten auf dem Hallenboden liegen, zwischen ihnen die so genannten „schwarzen Witwen“, Terroristinnen mit Sprengstoffgürteln am Leib. Die Sprengsätze, drohen die Terroristen, würden gezündet, sollte das Militär versuchen, das Gebäude zu stürmen. Am Nachmittag sagen sie, sie würden für jeden verwundeten Geiselnehmer 20 und für jeden getöteten 50 Geiseln erschießen. Erst am Abend kommt es zu Verhandlungen. Die Geiselnehmer hatten sich zuvor sogar geweigert, mit islamischen Geistlichen zu reden, die ihre Vermittlung angeboten haben. Darunter auch der Mufti des Nordkaukasus, der höchste geistliche Würdenträger der Region. Nur mit den Präsidenten Nordossetiens und der Nachbarrepublik Inguschetien, lassen die Terroristen den Inlandsgeheimdienst FSB per Kassiber wissen, würden sie reden. Und mit dem Kinderarzt Leonid Roschal, der schon bei der Geiselnahme im Moskauer Theater als Vermittler auftrat. Wie russische Medien spekulieren, vermutlich über die Freilassung von Kämpfern, die seit Ende Juni in U-Haft sitzen. Vertreter des nordossetischen Innenministeriums wollen die Meldung nicht bestätigen.

Putin unterbrach gestern zum zweiten Mal in nur einer Woche seine Ferien, um im Kreml eine Krisensitzung zu leiten. Mit großer Unruhe vernehmen die Eltern in Beslan, dass die Führung von Polizei und Inlandsgeheimdienst aus Moskau eingetroffen ist. Am Abend heißt es noch, alle Kinder seien wohlauf. Von Stunde zu Stunde wächst jedoch die Sorge der Eltern, dass die Staatsmacht wie bei früheren Geiseldramen das Gebäude stürmen wird. Ohne Rücksicht auf Verluste.

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