Zeitung Heute : Schule der Toleranz

Urban Media GmbH

Nicola Siegmund-Schulze

Für Menschen mit einem neuen Organ wäre es ein Segen, wenn sich ihr Immunsystem dazu bringen ließe, das fremde Gewebe zu tolerieren. Sie müssten nicht mehr lebenslang mit Medikamenten Abstoß ungsreaktionen unterdrücken. Schließlich erhöht eine Allround-Abwehrschwäche, wie sie solche Arzneien erzeugen, das Risiko für Infektionen und für Krebs. Zudem können die Medikamente auch Organe wie die Niere schä digen. Eine Immuntoleranz, die sich auf das transplantierte Organ beschränkte, ließe die Abwehr von Krankheiten intakt.

Seit vielen Jahren gelten Stammzellen als Favoriten, um dem Immunsystem von Organempfängern eine entsprechende Lektion zu erteilen und es von Attacken auf das Transplantat abzuhalten. Die Idee ist, Stammzellen des Organspenders im Empfänger zu Immunzellen heranreifen zu lassen. Das Abwehrsystem des Patienten, bestehend aus einer Mischung von eigenen und fremden Immunzellen, würde das transplantierte Organ im Patienten nicht abstoßen.

Erstmals zeichnen sich Möglichkeiten ab, diese Forschung in die klinische Praxis umzusetzen. Die Arbeitsgruppe um Professor Megan Sykes von der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, gehört zu den weltweit führenden Teams auf dem Gebiet der Immuntoleranzforschung. Zwei Patienten, die an Blutkrebs erkrankt waren und eine neue Niere brauchten, kommen heute völlig ohne abwehrschwächende Medikamente aus. „Die Transplantationen liegen dreieinhalb und eineinhalb Jahre zurück, die fremden Nieren funktionieren noch, und die Patienten benötigen keine immunschwächenden Arzneien“, sagte Sykes dem Tagesspiegel.

Um diese Immuntoleranz herbeizuführen, mussten die Ärzte das Immunsystem der Patienten dennoch vorübergehend massiv bremsen. Sie gaben vor der Transplantation ein Antiserum gegen T-Lymphozyten, um deren Zahl zu vermindern. Diese Blutzellen kurbeln Abstoßungsreaktionen vehement an, wenn sie körperfremdes Gewebe entdecken. Die Patienten erhielten außerdem die immunschwächende Arznei Ciclosporin und eine Bestrahlung des Thymus. Danach ü bertrugen die Ärzte die Nieren sowie Stammzellen aus dem Knochenmark des Organspenders.

Ausbildung zur Immunzelle

Im Thymus „lernen“ die Immunzellen, körpereigenes von körperfremdem Gewebe zu unterscheiden. Dieser Lernprozess ist besonders intensiv während der Entwicklung des Menschen im Mutterleib und in den ersten Monaten nach der Geburt, aber auch im späteren Leben können Immunzellen noch lernen. Während ihrer Schulung im Thymus werden Lymphozyten, die andere Zellen in der Drüse attackieren, selbst inaktiviert oder zerstört.

Nur die vorübergehende Schwächung des Thymus macht es den Stammzellen aus dem Knochenmark des Spenders möglich, sich im Immunorgan des Empfängers anzusiedeln. Dann beginnt die „Ausbildung“: Aus den Stammzellen des Spenders werden im Thymus des Patienten Immunzellen, die das Spenderorgan akzeptieren. Bei den Patienten in Boston flotierten schon bald Zellen der Organspender im Blut der Empfänger, ohne abgestoßen zu werden. Drei Monate nach der Transplantation reduzierten die Ärzte das Ciclosporin und setzten es schließlich ab.

Aber die Behandlung, mit der erst wenige Zentren weltweit Erfahrung haben, ist eine Gratwanderung: Bestrahlung und Medikamente zur zeitweisen Schwächung des Immunsystems bergen gesundheitliche Risiken. Und anstatt einen Burgfrieden zu stiften, könnten die Stammzellen des Spenders auch eine Abstoßung des Organs auslösen.

Statt Knochenmark verwenden Teams vom Medical Center der Universität Pittsburgh und dem benachbarten Thomas Starzl Institute jetzt erstmals Stammzellen aus dem Blut eines Nierenspenders. „Unser Organspender ist der gesunde Bruder einer nierenkranken Frau. Dem wollten wir die Knochenmarkpunktion ersparen“, erläutert Ron Shapiro, der die Niere Anfang Februar transplantiert hat. Die Stammzellen wurden mit Hilfe des Wachstumsfaktors (G-CSF) aus dem Knochenmark ins Blut des Spenders gelockt. Bleibt der Gesundheitszustand der Empfängerin weiter stabil, wollen die Ärzte das immunschwächende Medikament, welches sie derzeit bekommt, in den nächsten Wochen absetzen.

Keine Bestrahlung

An der Universität Kiel erprobt Fred Fändrich zusammen mit Kollegen vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin sowie Forschern aus den USA an Nagetieren eine andere Form, mit Stammzellen Immuntoleranz zu erzeugen. Würde die Methode beim Menschen funktionieren, wäre sie schonender als die beschriebenen Verfahren. Denn sie kommt ohne immunschwächende Medikamente und Bestrahlung aus (veröffentlicht in „Nature Medicine“, Band 8, Seite 171).

Das Team um Fändrich spritzte Ratten embryonale Stammzellen eines genetisch nicht verwandten Rattenstammes und pflanzte den Empfängertieren sieben Tage später ein Herz ein, welches ebenfalls dem Stamm der Zellspender entnommen war. Die Herzen schlugen mehrere Monate, ohne dass Abstoßungsreaktionen auftraten und immunschwächende Arzneien verwendet wurden.

„Bei Menschen würde man für die Organtransplantation nicht embryonale Stammzellen des Spenders verwenden können, sondern solche aus Geweben Erwachsener“, sagt Fändrich. „Versuche mit solchen adulten Stammzellen, die sich wie die embryonalen selbst vor den Attacken des Empfängers schützen, laufen bereits.“

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