Zeitung Heute : Schule des Schreibens

Eigene Gedanken statt Copy&Paste: Schon Studienanfänger lernen, wie sie ein eigenes Forschungswerk verfassen

Richtig erfasst. Die HU hilft Studierenden mit vielen Angeboten, die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens einzuüben und immer wieder zu vertiefen. Foto: Matthias Heyde
Richtig erfasst. Die HU hilft Studierenden mit vielen Angeboten, die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens einzuüben und...Foto: alle Rechte

Das erste Essay im ersten Semester Sozialwissenschaften. Drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl. Pascal Dengler entscheidet sich, über „Die Zukunft der Volksparteien“ zu schreiben. Ein tolles Thema, denkt er sich, hoch politisch und aktuell. Doch als Dengler die vorhandene Literatur wälzt, stellt er fest: Es gibt so gut wie nichts, was nicht schon über das Thema geschrieben wurde – in wissenschaftlichen Aufsätzen, in Zeitungen und Nachrichtenmagazinen oder auf Wikipedia.

„Wie soll man da das Rad noch neu erfinden“, fragt sich Dengler. Es reicht nicht aus, einfach die Aufsätze und Studien von anderen wiederzugeben. „Nicht reine Faktenreproduktion, sondern analytisches, problemorientiertes Arbeiten zeichnet wissenschaftliches Arbeiten aus.“ So heißt es ganz am Anfang der über 50-seitigen Broschüre, die jeder Student zu Beginn seines Studiums der Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität erhält. In einer Hausarbeit soll der eigene wissenschaftliche Standpunkt vermittelt werden. Es geht darum, zu Beginn eine Hypothese aufzustellen und diese dann auf Herz und Nieren zu überprüfen – mit Argumenten und Gegenargumenten. Am Ende steht dann das Fazit, die Antwort auf die Frage, der man in der Arbeit nachgeht.

Die sechs Essayseiten hat Pascal am Ende locker gefüllt, ohne allzu viel auf bereits vorhandene Quellen zurückzugreifen. Sein Ergebnis: Die klassischen Volksparteien, wie sie noch vor 20 Jahren existierten, gibt es heute nicht mehr. Darauf sind zwar auch schon andere gekommen. Wie man zu einer solchen Schlussfolgerung gelangt, ist aber mindestens genauso wichtig, wie die Antwort, die man gibt.

Die Gedanken anderer Autoren dürfen dabei keinesfalls als die eigenen verkauft werden. Der Leser einer wissenschaftlichen Arbeit muss nachvollziehen können, zu welchen Überlegungen und Schlussfolgerungen der Autor selbst gekommen ist und welche nicht von ihm stammen. In der Broschüre für die Studenten heißt es, dass ein Zitat „immer aus dem eigenen Argumentationszusammenhang kommentiert und interpretiert werden“ muss. Zitate sollen also nicht für sich selbst stehen, sondern die eigenen Argumente unterstützen.

Jetzt beginnt für den 22-jährigen Pascal bereits das dritte Semester. Nach einem Jahr an der Humboldt-Universität ist ihm das wissenschaftliche Arbeiten in Fleisch und Blut übergegangen, die Zitierregeln hat er schnell gelernt. Gelegentlich schaut er noch das ein oder andere nach, beispielsweise, wie Aufsätze in Sammelbänden im Literaturverzeichnis richtig wiedergegeben werden: In einem Sammelband veröffentlichen mehrere Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse. Auf dem Cover des Buches steht aber nur ein Name, der des Herausgebers. Deshalb muss im Literaturverzeichnis nicht nur der Autor des jeweiligen Aufsatzes und der Titel genannt werden, sondern auch der Herausgeber und der Titel des Buchs.

Sammelbände sind oft wahre Fundgruben. Abschied nehmen müssen Erstsemestler dagegen von einem in der Schulzeit lieb gewonnenen Hilfsmittel – Wikipedia. Jedenfalls, wenn es ums Zitieren geht. Die Online-Enzyklopädie wird in der Wissenschaft nicht als zulässige Quelle akzeptiert. An Wikipedia ist problematisch, dass potenziell jeder Mensch auf der Welt daran mitschreiben kann. Von wem welcher Gedanke stammt, ist so nicht nachvollziehbar. Außerdem verändert sich der Inhalt von Wikipedia-Artikeln ständig. Hätte sich Pascal also für eine Definition des Begriffs Volkspartei bei Wikipedia bedient, wäre ihm das von seinem Professor rot angestrichen worden. Trotzdem konnte der Bachelorstudent das Portal nutzen, um einen Überblick über sein Thema und Hinweise auf Originalquellen zu bekommen.

Wie man richtig zitiert, lernen Studienanfänger in der Regel in einer Art Crashkurs in der Einführungswoche. Der Feinschliff folgt in den Seminaren, wo Professoren und Dozenten nochmal gezielt auf die Regeln des wissenschaftlichen Arbeiten eingehen. Vor allem die ersten Hausarbeiten sind dafür eine gute Schule. Grundsätzlich gibt es zwei Arten, wie die Gedanken anderer Autoren im eigenen Text sichtbar gemacht werden können: Entweder man paraphrasiert, gibt sie also sinngemäß wieder, oder man zitiert direkt. Ein direktes Zitat wird in Anführungszeichen gesetzt, längere Passagen können auch kursiv gesetzt und im Text eingerückt werden. Jedenfalls muss es im Fließtext oder in einer Fußnote einen Verweis auf den Originalautor geben.

Bei Masterstudenten wird dieses Handwerkszeug vorausgesetzt. Sie haben in der Regel bereits eine umfassende wissenschaftliche Arbeit verfasst, ihre Bachelorabschlussarbeit. „Zitieren gehört zum Standardrepertoire, das jeder mitbringen muss“, sagt Juliane Binder, die seit zwei Semestern für das Aufbaustudium Sozialwissenschaften eingeschrieben ist. Für Masterstudenten wie sie sei vielmehr die inhaltliche Vertiefung entscheidend.

Die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt in speziellen Seminaren auch das Career Center der HU. „Die Nachfrage ist groß und steigt noch“, sagt Rosmarie Schwartz-Jaroß, Leiterin des Referats Beruf und Wissenschaft. Gerade bei Studenten, die auf ihre Abschlussarbeit zusteuern, sei das Bedürfnis groß, die Grundlagen nochmal aufzufrischen. Seit knapp zehn Jahren bietet das Career Center die fakultätsübergreifenden Kurse nun schon an. Bis zu 20 Studenten profitieren davon im Semester. In den kommenden Jahren wolle man das Angebot ausbauen, sagt Schwartz-Jaroß.

Aus ihrer Sicht sollten die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens allerdings schon in der Schule vermittelt werden. „Das brauchen junge Leute in der zwölften Klasse genauso wie im Studium.“ Die Plagiatsaffären bei Politikern in den vergangenen Monaten hätten die Wahrnehmung für das Thema geschärft. „Die Studenten wollen zeigen, dass sie korrekt arbeiten“, sagt Schwartz-Jaroß.

Eine genaue Zahl, wie häufig Studenten abschreiben, gibt es nicht. Wer nicht erwischt wird, taucht schließlich in keiner Statistik auf. „Es kommt immer mal wieder vor, dass Arbeiten dreist aus dem Internet kopiert werden“, sagt Barbara Gollmer, die für die Studienfachberatung an der Philosophischen Fakultät II zuständig ist. In einem Fall, erinnert sie sich, habe sogar noch der Preis auf dem Deckblatt gestanden. Auf Internetportalen wie Hausarbeiten.de können Studenten nach wissenschaftlichen Arbeiten suchen und diese dort kaufen. Oft gibt es eine kurze Leseprobe. Außerdem steht dabei, wer die Hausarbeit wann und an welcher Uni abgegeben hat. Auch die Note steht dabei. Für wenige Euro kann eine fertige Arbeit gekauft werden. Wer erwischt wird, ist nicht nur durchgefallen. Spätestens beim zweiten Mal droht der Uni-Rausschmiss.

Im Zusammenhang mit Plagiatsaffären war viel von der Generation „Copy & Paste“ zu hören, die Inhalte einfach aus dem Internet kopiert. Auf die heutigen Studierenden träfe dieses Label nicht zu, meint Pascal Dengler. An der Uni gebe es denn auch keinen Generalverdacht, wohl aber einen gewissen Druck. Für die Professoren sei es schließlich rufschädigend, wenn Studenten bei ihnen plagiierten und damit durchkämen. Für die Studenten mache das Abschreiben schon gar keinen Sinn. „Wer das tut, setzt seine wissenschaftliche Karriere aufs Spiel.“

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