Zeitung Heute : Schule des Schüttelns

Der Tagesspiegel

Von Esther Kogelboom

Es gab mal einen Film, der hieß „Cocktail“ und Tom Cruise spielte darin die Hauptrolle. In einer Szene steht er mit einem bunten Hemd in einer Strandbude – auf Hawaii oder den Keys. Tom Cruise spielt den Barmann, der früher mal ganz unten war und jetzt so perfekt mit Alkoholika jonglieren kann, dass ihm die hübschesten Frauen zu Füßen liegen und er sich um die nötigen Dollars zum Überleben keine Sorgen zu machen braucht. Ein ähnlicher Typ ist Emir Corbo. Auf Emir Corbos Visitenkarte steht neben seiner Telefonnummer und der Hamburger Adresse: Bartender und Showmixer. Eigentlich müsste da noch „Shake-Lehrer“ oder sowas stehen, denn Emir ist extra nach Berlin ins Nola’s, eine Bar im Hansaviertel, gekommen, um zwölf Leute in die hohe Schule des Showmixens einzuweisen. Zehn Männer und zwei Frauen sitzen an der Bar, eine davon bin ich, und Emir sagt: „Es gibt in Deutschland nur eine Frau, die showmixen kann. Und die verdient das Doppelte von dem, was Männer kriegen.“ Es ist zwölf Uhr mittags, und mein Interesse für das Angeber-Bartending ist entgültig geweckt. Zuerst bekommen wir bodenlange schwarze Schürzen, dann erklärt Emir Corbo uns den Sinn von Barmessern, Mixern, Shakern, Blendern, Cocktailkirschen und Flaschenöffnern. Wir schreiben alles brav mit und lernen, dass wir den so genannten Waschbeckenblick möglichst vermeiden müssen: Während wir, die zukünftige Barkeeper-Elite Deutschlands, unsere Kunststückchen absolvieren, sollen wir den Gästen immer freundlich ins Gesicht blicken, nach der Frau und den Kindern fragen und nebenher noch frische Aschenbecher hinstellen sowie mit dem Schwammtuch über die Bar wischen. Beim Feuer-Jonglieren, so Emir Corbo, müssen wir allerdings aufpassen und nie im falschen Augenblick einatmen. Sonst kann es nämlich passieren, dass die Flamme unsere Luftröhre verbrennt und wir tot umfallen. Unserem Lehrer ist das passiert, aber er konnte reanimiert werden. Zum Glück. Dann: die Praxis. Was eben noch leicht aussah, ist plötzlich unmöglich. „Was trinkst du gern?“, fragt Emir, mustert mich mit Kennerblick und gibt selbst die Antwort: „Süß, aber nicht zu süß.“ Ich mixe mir irgendwas mit Wodka, Mango und Mandelsirup. Komisch, die Perspektive als Barfrau. Alle starren einem auf die Finger. Gegen fünfzehn Uhr löffeln wir alle gemeinsam die Suppe aus, die wir uns eingebrockt haben. Prost. Die Flaschen, die wir zum Rumschmeißen bekommen, können nicht kaputt gehen. Das ist gut. Emir Corbo läßt die Dinger elegant den Rücken hinuntergleiten, balanciert sie auf der flachen Hand, wirbelt sie rum und grinst dabei verführerisch. Wir zappeln und krampfen - ein Riesenkrach.

Verzweifeltes Gelächter. Emir rollt mit den Augen und saugt an seinem Ginger Ale. „Du musst das doch können, du hast einen kurzen Rücken“, analysiert er auf charmantmöglichste Weise meine Anatomie. Während des Schluss-Wettbewerbs verzichte ich lieber auf Tricks, sondern probiere, einen halbwegs vernünftigen Drink hinzubekommen. Schließlich gibt es eine Reise nach Hannover zu einem bundesweiten Wettbewerb zu gewinnen. Doch ich versage, und zum Schluss plumpst die matschige Erdbeere, die ich als Dekoration am Rand des falschen Glases fixiert hatte, vor den Augen der staunenden Jury in meinen widerwärtigen Long Island Ice Tea. Tschüß, Hannover. Respekt für alle Barmänner weltweit.

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