Schule : "Freiheit macht Kinder klug!"

Michael Sappir, 19, ist Israeli und gründete mit 14 Jahren eine eigene Schule: "Sudbury School Jerusalem". Dort entscheiden alleine die Kinder, was sie tun wollen. Inzwischen lebt Sappir in Deutschland und ist ein gefragter Berater für viele Schulgründungs-Initiativen. Ein Interview.

Interview: Simone Kosog
Michael Sappir
Michael Sappir. -Foto: Woitas

Herr Sappir, wie kommt man mit 14 Jahren auf die Idee, eine Schule zu gründen? Jugendliche in dem Alter spielen Fußball, sitzen vor dem Computer oder streiten mit ihren Eltern.

Das habe ich auch alles gemacht, außer Fußball. Ich kam damals an der Schule, auf die ich ging, nicht klar. Dann erzählten Freunde meiner Familie, dass sie eine Sudbury-Schule gründen wollten. Ich hatte sofort das Gefühl, das ist die Lösung.

Die erste Sudbury-Schule wurde 1968 im Sudbury Valley in Massachusetts gegründet. Dort gibt es keine Klassen, keinen vorgeschriebenen Unterricht, keine Prüfungen, kein Sitzenbleiben.

Für mich war am wichtigsten, dass ich selber entscheiden kann, was ich lernen will. Und dass es gerecht zugeht! Das hatte ich bisher anders erlebt. Ich weiß noch, wie einmal im Hort jüngere Schüler Stühle nach mir warfen. Die Erzieherin hat anschließend von mir als dem Ältesten verlangt aufzuräumen, das hat mich wütend gemacht.

Inzwischen sind Sie der wichtigste Sudbury-Experte in Deutschland, reisen durchs Land, um Schulgründungs-Initiativen zu beraten und sind Mitveranstalter der EUDEC, einer Konferenz für demokratische Bildung – mit 19 Jahren.

Ja, schon komisch. Ich bin eher durch Zufall nach Deutschland gekommen, und dann hat es mir so gut gefallen, dass ich nun in Leipzig lebe und im Herbst hier Linguistik studieren werde. Und aus Sudbury wird für mich fast eine Karriere – dabei bin ich damals, als wir angefangen haben, von vielen Leuten ausgelacht worden. In Deutschland kann sich auch kaum jemand vorstellen, dass so eine Schule funktioniert: Von den vielen Sudbury-Initiativen hierzulande ist nur eine genehmigt worden.

Die von der Sängerin Nena gegründete „Neue Schule Hamburg“, die sich auf Sudbury beruft, ist schwer in die Kritik geraten, weil sich die Kinder dort massiv geprügelt haben sollen.

Zu dem Wenigen, was ich von der „Neuen Schule“ weiß, zählt, dass sie mit über 80 Schülern begonnen haben – viel zu viele! Gerade in der Anfangszeit gibt es Kinder, die dem System misstrauen und es zu torpedieren versuchen, davon verträgt eine neue Schule nur eine gewisse Anzahl. Ganz wichtig ist, dass sich zunächst eine Schulkultur entwickelt. Dazu gehört auch, dass Gewalt unter keinen Umständen akzeptiert wird.

In einer Schule, wo jeder machen kann, was er will, geht es da nicht immer chaotisch zu?

Überhaupt nicht. Zwar ist es so, dass ständig viele Aktivitäten parallel ablaufen, manche Schüler spielen, andere rennen herum oder unterhalten sich, aber die Atmosphäre ist entspannt und unser Alltag geregelt, da das System auf Demokratie basiert.

Aha. Und wie läuft der Alltag konkret ab?

Es gibt zwei Gremien, die das Schulleben regeln: die Schulversammlung und das Justizkomitee. Die Schulversammlung tagt jede Woche, jeder hat eine Stimme, sowohl Schüler, als auch Mitarbeiter …

… das sind die Lehrer?

Ja, aber sie haben eine andere Rolle: Der Unterricht steht nicht im Vordergrund. Sie spielen mit den Kindern, sie diskutieren mit ihnen je nach Bedarf – und verwalten die Schule.

Was sind das für Regeln?

Jeder hat das Recht auf freie Rede und ein sicheres Umfeld, jeder Schüler muss mindestens fünf Stunden am Tag zwischen acht und 15 Uhr anwesend sein. Und man darf niemanden stören, der gerade mit etwas beschäftigt ist. Oder es gibt die Zehn-Minuten-Regel: Wenn jemand von einem Stuhl aufsteht, ist dieser zehn Minuten für ihn reserviert, und sollte sich inzwischen jemand anderes dort hinsetzen, muss er wieder aufstehen.

Und wenn er doch sitzen bleibt?

Natürlich gibt es Regelverstöße, und die werden vom Justizkomitee geahndet.

Das bedeutet, Sie halten Gericht?

Ja, aber es geht sehr freundlich zu. Jedes Schulmitglied kann eine Beschwerde schreiben, und das Justizkomitee entscheidet, ob ein Regelverstoß vorliegt und erlässt Strafen. Zum Beispiel darf jemand, der einen anderen gestört hat, einen Tag lang nicht den Raum betreten, in dem sich derjenige befindet. Wenn man glaubt, eine Regel funktioniert nicht, geht man in die Schulversammlung und versucht, die Regel zu ändern.

Wie lernt ein Kind, wenn es morgens in die Schule kommt und ihm niemand erklärt, was es tun soll?

Erstmal: Die klassische Pädagogik versucht die Schüler permanent zu überzeugen, dass sie etwas Bestimmtes lernen wollen, wobei sich die meisten für ganz andere Sachen interessieren.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer bestätigt das: „Lernprozesse müssen selbstgesteuert ablaufen, die Kinder müssen das wollen. ’Reintrichtern’ geht gar nicht, das wissen wir längst.“

An der Sudbury-Schule hat Lernen immer mit mir selbst zu tun. Wenn ich von einer Sache begeistert bin, fange ich an, mich damit intensiv zu beschäftigen. Ohne Druck und in meinem Tempo. Mein kleiner Bruder zum Beispiel wollte mit acht Jahren unbedingt lesen lernen.

Die meisten Kinder können das in dem Alter längst.

Man muss weder mit sechs noch mit acht Jahren lesen können, wichtig in unserer Gesellschaft ist, dass man es mit 18 kann.

Wissenschaftler sagen: Je älter man wird, desto mühsamer wird das Lernen.

Und am schwersten ist es, Dinge zu lernen, die man gar nicht lernen will! Mein Bruder hat sich das Lesen zu dem Zeitpunkt beigebracht, wo es für ihn wichtig war. Teilweise haben ihm andere geholfen, aber im Wesentlichen hat er es sich selbst angeeignet.

Ein Absolvent der freien Summerhill-Schule in England ging von der Schule ab, ohne lesen und schreiben zu können. Er war Legastheniker und kritisierte später, niemand habe ihm geholfen.

Das ist in 40 Jahren Sudbury Valley nie passiert, dort hat jeder irgendwann lesen gelernt. Wenn allerdings jemand ein ernstes Problem hat, bekommen die anderen das ganz sicher mit und schauen, ob er Hilfe braucht. Da passt man aufeinander auf.

Die Konzepte von Summerhill und Sudbury klingen ziemlich ähnlich.

Summerhill ist eine traditionsreiche Schule mit einer hochentwickelten Schulkultur, aber an der Sudbury-Schule ist die Demokratie noch weitreichender, zum Beispiel entscheiden die Schüler darüber, welche Mitarbeiter an der Schule arbeiten.

Beides sind Privatschulen und kosten Geld.

In Israel beträgt das Schulgeld 200 Euro im Monat, was uns von den Politikern den Vorwurf einbringt, dass wir elitär sind. Ich finde das absurd: Die Regierung will uns nicht unterstützen, weshalb wir uns selbst finanzieren müssen, aber dann sind wir elitär!

Waldorf- oder Montessori-Schulen sind etablierte Alternativen zur Regelschule.

Soweit ich das beurteilen kann, geht es dort auch darum, den Kindern „das Richtige“ beizubringen. Ich finde das bevormundend.

Selbst Reformpädagogen bezweifeln, dass Lernen in völliger Freiheit funktioniert. „Laufen und sprechen lernen Kinder von allein. Aber nicht das Gravitationsgesetz von Isaac Newton“, sagt der Pädagogikprofessor Peter Fauser von der Universität Jena.

Er hat Unrecht. Zunächst einmal ist die Frage, ob wirklich jeder das Gravitationsgesetz kennen muss. Ich persönlich finde es nützlich, aber das geht vielleicht nicht allen so.

Haben Sie denn überhaupt Schulbücher, in denen Sie etwas nachschauen können?

Die sind gar nicht nötig. Man schaut in Lexika, liest ein Buch, fragt Mitarbeiter oder schaut im Internet nach. Alle Menschen haben ihre eigene Art zu lernen. Außerhalb der Schule macht man das doch auch nicht anders, wenn man etwas wissen will.

Dann lernt man nur das, was einem ohnehin leicht fällt.

Oft ist das Gegenteil der Fall! Wenn Kinder frei entscheiden können, machen sie häufig genau das, was ihnen schwerfällt und Angst macht. Nachdem mein kleiner Bruder Englisch lesen gelernt hatte– unsere Mutter ist Amerikanerin – erschien ihm die hebräische Sprache und Schrift furchtbar kompliziert. Trotzdem begann er, Hebräisch zu lernen.

Ihr kleiner Bruder ist vielleicht besonders schlau. Trotzdem: Die Sudbury-Schule macht Kindern keinerlei Angebote.

Schauen Sie hier auf Ihren Block: Was sehen Sie?

Meine Notizen.

Und jetzt blättern Sie eine Seite weiter.

Da ist ein leeres Blatt.

Genau. Auf der ersten Seite sieht man die Schrift, auf der zweiten die Freiheit. Alle Möglichkeiten sind offen. Wenn ich den Schülern 50 Angebote mache, schließe ich unendlich viele aus.

Da soll ein kleines Kind, das gerade in die Schule kommt, nicht überfordert sein?

Wenn ich jeden Tag damit konfrontiert bin, aus 10 000 Dingen auszuwählen, ist das aber später im Leben ein Riesenvorteil. Für die Kleinen ist es sogar am leichtesten. Ein kleines Kind wartet nicht darauf, dass man ihm sagt, was es tun soll. Es macht permanent irgendetwas und lernt dabei die ganze Zeit. Erst, wenn es älter wird, denkt es über die Zukunft nach und die Motivation wird zielgerichtet.

Aber es ist doch nicht jeder Schüler lernwütig! Als ich einem elfjährigen Gymnasiasten von der Sudbury-Schule erzählte, wusste er sofort, was er dort machen würde: „Schlafen und faulenzen.“

Das ist in Ordnung! Manche Kinder, die von anderen Schulen kommen, brauchen Monate, um sich auszuruhen. Aber man macht ja nie wirklich nichts. Es sind immer Gedanken da, man durchlebt Dinge, und irgendwann findet man selbst heraus, was man braucht. Das ist unser Ansatz.

Es gibt das Beispiel eines Jungen, der die Sudbury Valley School besucht und in dem Fluss, der zum Schulgelände gehört, fünf Jahre lang angelt.

Ich glaube, viele Erwachsene würden das auch gerne machen: sich auf etwas konzentrieren, sich immer weiter verbessern.Von dem Jungen heißt es, dass er anschließend alles andere mit der gleichen Intensität gemacht habe und nun erfolgreich in der Computerbranche arbeite.

Was, wenn jemand statt zu angeln fünf Jahre mit Computerspielen verbringt?

Bei uns in Jerusalem hat ein Junge drei Jahre lang Mangas gezeichnet und sogar Unterricht gegeben. Man braucht ja nicht unbedingt Erwachsene, um zu lernen.

Ein Schüler kann seine gesamte Schulzeit absolvieren, ohne ein einziges Mal mit einem Mitarbeiter zu tun zu haben?

Das stelle ich mir schwer vor: Die Mitarbeiter sind interessante Leute, die einem in vielen Fällen helfen können. Trotzdem war der Manga-Unterricht einer der bestbesuchten überhaupt.

Mangas zeichnen können ist nicht gerade die beste Job-Qualifikation.

Man lernt ja immer mehrere Sachen auf einmal, und wer weiß, wofür ihm das später nutzt.

Womit haben Sie sich denn so beschäftigt?

Mit Sprachen, Wissenschaften, eine Zeitlang war Bibelkunde angesagt. Ich habe auch „Bioethik“ und „Philosophie in Filmen“ besucht.

Und dann sitzen also die Schüler zusammen und führen freiwillig philosophische Diskussionen?

Genau. Der Philosophie-Lehrer hat dieses Angebot auch an einer normalen Schule gemacht. Er sagte, er sei beeindruckt davon, wie viel mehr wir verstanden und wie intensiv wir diskutiert hätten.

Vielleicht schicken eher intellektuelle Eltern ihre ohnehin besser gebildeten Kinder auf eine Sudbury-Schule.

Anders herum: Freiheit macht Kinder klug! Zu uns kommen viele Schüler, die von normalen Schulen geflogen oder gewalttätig gewesen sind. Deren Eltern schicken ihre Kinder aus reiner Verzweiflung zu uns.

Und wenn sich trotzdem jemand schlägt?

Bei ernsthaften Prügeleien wird er beurlaubt. In Jerusalem mussten wir in zwei Fällen so weit gehen. Die Schüler sind nie wiedergekommen.

Jetzt klingen Sie beinahe wie Bernhard Bueb, der Leiter von Schloss Salem, der in seiner Schule rigoros auf disziplinarische Maßnahmen setzt.

Mit dem Unterschied, dass die Kinder an der Sudbury-Schule die Regeln selbst festlegen.

Aber Bueb hat offenbar Erfolg: Seit er tägliche Drogentests eingeführt hat, sind Drogen auf Schloss Salem kaum noch ein Thema.

Was für ein Energieaufwand! So ein System bedeutet ständigen Kampf. Ich möchte später nicht so mit meinen Kindern zusammenleben.

Irgendwann ist die Schule vorbei, und die Wirklichkeit beginnt.

Im „wirklichen Leben“ darf ich immer noch machen, was ich will, wenn ich keine Regeln verletze. In der Sudbury-Schule kriege ich Ärger mit dem Justizkomitee, wenn ich Müll herumliegen lasse, jetzt eventuell mit der Polizei. Der Unterschied ist nur, dass ein demokratisches System, in dem 80 Millionen Menschen leben, viel komplizierter ist und mein direkter Einfluss dadurch eingeschränkt ist.

Ein anderer Unterschied ist, dass man in der wirklichen Welt kaum um Prüfungen herumkommt.

Wenn man eins an der Sudbury-Schule lernt, dann, wie man etwas bekommt, was man unbedingt haben möchte, und dass man bereit sein muss, dafür Anstrengungen auf sich zu nehmen. An der Sudbury Valley School in Massachusetts gibt es Untersuchungen darüber, was die Ehemaligen machen. Demnach gehen 90 Prozent auf ein College oder die Uni, und sie erlernen alle möglichen Berufe. Das ist auch logisch, weil man auf der Sudbury-Schule genau das lernt, was die Wirtschaft permanent fordert: Kreativität, Eigeninitiative, Verantwortung zu übernehmen.

Wie hat diese Schule auf Sie persönlich gewirkt?

Ich bin heute dafür ausgerüstet, zufrieden zu sein. An der Regelschule bringt man den Schülern bei, immer mehr zu wollen. Das macht unglücklich.

Was macht Sie denn glücklich?

Seinen Interessen nachzugehen. Ich glaube, dass Begeisterung eine viel größere historische Bedeutung hat als der Wettbewerb. Newton wollte nicht beweisen, dass er der Beste ist, sondern unbedingt verstehen, warum Dinge fallen. Und er hat es herausgefunden.

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