Zeitung Heute : Schule ohne Sitzenbleiber

Der Tagesspiegel

Pankow. Die Anmeldefrist für Schulanfänger ist vorbei. Eine Schule für den Nachwuchs ist gefunden. Doch nicht alle Eltern sind zufrieden. Einige Eltern aus Pankow und Prenzlauer Berg hatten nicht das Gefühl, die richtige Schule für ihr Kind gefunden zu haben. Sie gründeten deshalb kurzerhand ihre eigene Schule. Vor wenigen Tagen haben sie ihr Konzept an das Landesschulamt abgeschickt.

„Die Eltern, die sich bei uns engagieren, suchen nach Alternativen zum staatlichen Schulsystem“, sagt Carmen Schmidt, Mitglied des Vereins zur Bildung einer neuen Grundschule. Leider seien die Plätze sehr begrenzt. Eine freie Schule gibt es in den beiden Bezirken jeweils. Doch diese verzeichnen weitaus mehr Anfragen als Plätze.

Auch für die neue Schule haben schon 29 Eltern ihre Kinder angemeldet. Nur 30 Kinder wollen die Eltern im ersten Jahr aufnehmen. „Bei uns sollen die Kinder in kleinen Gruppen mit höchstens 15 Kindern lernen“, sagt Schmidt. Später sollen zwei weitere Gruppen hinzukommen. „Am Ende sollen bei uns die Kinder der Klassenstufen 1–3 und 4–6 in zwei Gruppen zusammen lernen.“ Die Jüngeren sollen an der neuen Schule von den Älteren lernen. Wann der Wechsel in die ältere Gruppe stattfindet, wollen die Eltern unabhängig vom Alter und gemeinsam mit dem Kind entscheiden. „Sitzenbleiber gibt es bei uns nicht. Jedes Kind soll sein eigenes Lerntempo finden.“

Neben Lesen, Schreiben und Rechnen sollen die Kinder auch traditionelle Handwerke lernen – wie Buchbinden, Gärtnern, Handarbeit, Kochen oder das Erledigen kleinerer Reparaturen im Haushalt. Die Ausgewogenheit von musischen und naturwissenschaftlichen Fächern ist den Eltern wichtig. Auch mit den verschiedenen Religionen sollen sich die Kinder auseinander setzen. Englisch steht schon in der ersten Klasse auf dem Stundenplan. Die Kinder sollen bei Projektarbeiten oder in kleinen Arbeitsgruppen selbstständig lernen und ihren eigenen Lernstil finden. Frontalunterricht ist tabu. Außerdem sollen die Kinder einen Tag in der Woche außerhalb der Schule verbringen. Zensuren gibt es an der neuen Schule ebenso wenig wie Klassenarbeiten oder Leistungskontrollen. „In Gesprächen mit den Schülern stellen wir deren Leistungsstand fest, am Ende des Jahres bekommt jeder dann einen Entwicklungsbericht.“

Finanzieren soll sich die Schule zunächst über Kredite und Elternbeiträge. Rund 100 Euro pro Kind kostet der Schulbesuch jeden Monat. Momentan suchen die Eltern nach geeigneten Räumen für die Schule. „Schön wäre etwas an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg, am besten mit einem kleinen Garten“, wünscht sich Carmen Schmidt. Auch eine große Küche, in der sie gemeinsam kochen können und einen Gemeinschaftsraum hätten die Eltern gerne. „Die Kinder sollen sich in der Schule wie zu Hause fühlen“, sagt Schmidt, die einen der Lehrerposten an der neuen Schule besetzen wird.

„Wenn wir die Zulassung bald bekommen und Räume finden, könnten wir die Schule im August eröffnen“, sagt Schmidt. Unterstützung hat sich der Verein jetzt bei der Pfefferwerk Stadtkultur GmbH geholt, die die Trägerschaft der Schule übernehmen wird. „Wir hoffen, dass wir von deren langjähriger Erfahrung in diesem Bereich profitieren können.“ Annekatrin Looss

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