SCHULE UND HOCHSCHULE Projekte von pädagogisch engagierten HU-Wissenschaftlern : Der ideale Klassenraum

In der Grundschulwerkstatt lernen Studierende, Pädagogik lebendig in die Praxis umzusetzen

Ljiljana Nikolic

Die selbst gemachte „Zauberdose“ rollt über den Boden. Der rot-silberne Zylinder kommt zum Stehen und bewegt sich, diesmal etwas langsamer, wieder in die Richtung, aus der er gekommen ist. „Was denken Sie, was ist in der Zauberdose drin?“, fragt Peter Sonnenburg mit einem verschmitzen Lächeln. Ein paar Schritte weiter steht ein Glasgefäß mit vielen, zu vielen, Erbsen. „Wie viele sind drin?“, will der Dozent der HU nun wissen. Der Gang durch die Grundschulwerkstatt (GSW) könnte wahrscheinlich noch Stunden dauern, und der Dozent würde nicht müde werden, die Materialien, die einem das Funktionieren der Welt näher bringen, vorzuführen. Er will das Prinzip der Werkstatt erklären.

Die GSW befindet sich in der Abteilung Grundschulpädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaften in Mitte. Sie ist eine universitäre Ausbildungs- und Praxisbegegnungsstätte, die sich vor allem an Lehramtsstudierende der Grundschulpädagogik richtet. Sie ist einmalig in Berlin, multifunktional, lebendig.

Der über 100 Quadratmeter große Raum der GSW will nicht nur den Eindruck eines großzügig ausgestatteten Grundschul-Klassenraums erzeugen. Er dient auch als universitärer Seminarraum. Neben „herkömmlichen“ Lehrveranstaltungen gibt es auch solche zum Selbst-entdeckenden-Lernen. In dem sie sich selber mit ausgewählten Themen auseinandersetzen, selbst verschiedene Phänomene ausprobieren, entdecken und untersuchen, Materialien herstellen, entwickeln die Studierenden ein Gefühl dafür, wie Unterrichtsstoff am besten anzueignen ist. Jeder soll dabei seinen eigenen Weg in die Praxis finden.

Natürlich kommen auch Studierende des Fachs Grundschulpädagogik nicht drumherum, sich die Theorie zu erarbeiten. Fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Wissen setzen sie in der GSW exemplarisch in die Praxis um. „Viele Dinge versteht man erst richtig, wenn man ihnen praktisch auf den Grund geht, sie selbst anfasst“, sagt Bachelor-Student Thomas Rutz. Auch wenn er schon im fünften Semester sei, in der Werkstatt gebe es für ihn immer neue Anregungen, wie Unterricht in einer Grundschule gestaltet werden kann.

Die GSW gibt es seit 15 Jahren. Ihre Wurzeln liegen in der Reformpädagogik (1895-1933), die eine Fülle verschiedener Ansätze umfasste, die Schule, den Unterricht und die Erziehung zu reformieren. Es handelte sich dabei um eine nationale wie internationale, progressive Erziehungsbewegung verschiedenster Strömungen, die sich gegen die Lebensfremdheit und den Autoritarismus der damaligen Schule wandte. Heute lebt sie in der Montessori-, Waldorf- oder Freinet-Pädagogik weiter.

Zweimal in der Woche ist die Grundschulwerkstatt für alle geöffnet und wird rege genutzt. Zur Ausstattung gehören neben Materialien zum Lernen und Erkunden mit allen Sinnen, auch eine grundschulpädagogisch orientierte Handbibliothek, eine Freinet-Druckerei, Druck- und Buchbindemöglichkeiten sowie Videokamera und Beamer.

Student Thomas Rutz betreut zusammen mit seinem Kommilitonen Hecar Mustafa das Projekt „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“, das von der Medienkommission des Akademischen Senats unterstützt wird. Studierende können hier lernen, wie sie digitale Medien technisch und inhaltlich für den Unterricht nutzen können. „Wir unterstützen Studierende beispielsweise bei Video- und Audiomitschnitten von Projekten, die in der Grundschulwerkstatt oder in Projekten mit Grundschulklassen gemacht werden“, erklärt Rutz. Die Ergebnisse werden in einem Archiv gesammelt, Ausschnitte im Internet präsentiert.

Die Dokumentation von Lehr- und Lernprozessen wird für verschiedene Zwecke eingesetzt. Denn Workshops, Werkstattgespräche, Teamfortbildungen für Kitas oder Praktikumsschulen, Begegnungen mit Pädagogen und Wissenschaftlern aus aller Welt gehören ebenfalls zum Programm der GSW.

Dass die GSW mit dem angrenzenden Großraumbüro dreier Hochschuldozenten und -dozentinnen verbunden ist, ist gewollt. „Bei offenen Türen sind nicht nur die Wege kürzer, sondern auch die menschlichen Distanzen geringer, der Informationsfluss fließender, die wechselseitigen Impulse kreativer“, erklärt Dozent Sonnenburg. Von Fall zu Fall dient das Büro als Erweiterung der Werkstatt. Dann zum Beispiel, wenn Studierende Platz für eine zusätzliche Arbeitsgruppe oder einen zweiten PC brauchen oder ein Interview auf Video aufnehmen.

Hin und wieder brodelt es in der Werkstatt. „Binnen eines Semesters können Studierende regelmäßig ihre Erfahrungen in Schulklassen umsetzen, und umgekehrt sammeln dieselben Schulklassen Lernerfahrungen in der Grundschulwerkstatt“, erklärt Peter Sonnenburg. An solchen Tagen bevölkern neben 30 Studierenden noch mindestens 30 Schüler, Schülerinnen und zahlreiche weitere Erwachsene den Raum. Ein Höhepunkt am Ende eines Semesters, auf dem neue Ideen und Kontakte beide Seiten bereichern.

Die Festwoche „15 Jahre Grundschulwerkstatt der Humboldt-Universität“ findet vom 16.6. bis 20.6.2008 statt. Programminfo: www2.hu-berlin.de/gsw/. Die Grundschulwerkstatt kann auch im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 14. Juni besichtigt werden.

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