• SCHULE UND HOCHSCHULE Was die Universität Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften bietet: Lohnende Lust auf Zahlen

SCHULE UND HOCHSCHULE Was die Universität Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften bietet : Lohnende Lust auf Zahlen

Wer mathematische Netzwerkschulen besucht, kann die Studienzeit verkürzen

Ljiljana Nikolic

Knobeln, grübeln, rechnen, schätzen, ja auch raten – alles ist an diesem Tag erlaubt. Es soll vor allem Spaß machen. Einmal im Jahr gehen in verschiedenen Ländern dieser Erde, aber im Geiste vereint, Mathematik-Schüler an den Start, mit dem Ziel, die richtige Antwort unter fünf vorgegebenen Lösungsmöglichkeiten zu finden. Am Ende gibt es keine Verlierer, alle werden mit einem kleinen Preis belohnt. Mittlerweile nehmen allein in Deutschland mehr als eine halbe Million Schülerinnen und Schüler am „Känguru der Mathematik“ teil. Die Organisation liegt in der Hand des Vereins Mathematikwettbewerb Känguru e.V., der seinen Sitz am Institut für Mathematik der HU hat und deren Vorsitzende Monika Noack unlängst für ihre Verdienste rund um den Wettbewerb mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt wurde.

Aber das ist bestimmt nicht die einzige schulische Aktivität am Institut. Unter der Leitung des Mathematikers Jürg Kramer und seiner Mitarbeiter hat die HU ein Netzwerk mathematisch-naturwissenschaftlich profilierter Schulen ins Leben gerufen. Hier werden begabte und interessierte Schüler in Mathematik-Spezialklassen gefördert. Vorbild waren hier die bereits zu DDR Zeiten existierenden mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialklassen beziehungsweise Schulen, die an die Hochschulen angebunden waren. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde auch die Spezialschule der HU abgewickelt – gegen den Widerstand der Universität. Aber die Idee, Schule und Hochschule zusammenzubringen, wurde wiederbelebt.

Die Friedrichshainer Andreas-Oberschule war die erste, die im Schuljahr 1997/98 eine mathematisch-naturwissenschaftliche Spezialklasse eingerichtet hat. Mittlerweile sind drei weitere Schulen dazugekommen: die Heinrich-Hertz-Oberschule, die Herder-Oberschule und die Georg-Foster-Oberschule.

In den Schulen des Netzwerks wird ab der 11. Klasse nach einem erweiterten Rahmenplan im Fach Mathematik unterrichtet, der Plan enthält auch Elemente des universitären Mathematikstoffes aus dem ersten Semester. Eine Besonderheit weist die Andreas-Oberschule auf. Dort unterrichten in einer 11. Klasse und je einem Leistungskurs der 12. und 13. Klasse gemeinsam je ein Lehrer der Oberschule und ein Dozent der Humboldt-Universität. Das Tandem konzipiert und gestaltet den Mathematik-Unterricht und bewertet die Ergebnisse in enger Zusammenarbeit. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Beteiligten lernen voneinander, die Lehrer tauschen sich mit den Universitätsmathematikern aus, diese wiederum lernen den Schulalltag hautnah kennen.

Für die Spezialklasse an der Andreas-Oberschule können sich Schüler aus ganz Berlin bewerben, es gibt keine Aufnahmetests, lediglich ein Aufnahmegespräch wird geführt. Auch wenn es für Jugendliche in der Regel nicht so einfach ist, einen Schulwechsel zu vollziehen und damit ihre Freundschaften und Gewohnheiten zu verändern, gelingt es in der Regel immer gut, die Klassen zusammenzustellen. Wer die 11. Klasse erfolgreich absolviert, hat die Möglichkeit, sein Wissen durch einen Leistungskurs in der 12. und 13. Klasse zu vertiefen. Und der Knüller dabei: Bei entsprechender Punktezahl erhalten die Schülerinnen und Schüler zwei Leistungsnachweise des Grundstudiums Mathematik und können so ihre Studienzeit im Fach Mathematik um ein Semester verkürzen.

Die meisten der Schüler setzen die mathematische Förderung im Leistungskurs fort. Es steigen vor allem die Schüler aus, die nicht sicher sind, ob sie ein Mathe-Studium absolvieren wollen. Bislang haben 115 Schüler der Netzwerkschulen das Abitur abgelegt. Rund 38 Prozent von ihnen erreichten die notwendige Punktzahl und erwarben beim Abitur die beiden Leistungsnachweise für die Vorlesungen Analysis I und Lineare Algebra/Analytische Geometrie. Sie werden mittlerweile bundesweit anerkannt.

Das Netzwerk wurde 2001 mit einer Zielvereinbarung zwischen dem Institut für Mathematik und der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport offiziell gegründet. Mit der Einführung der 12-jährigen Schulzeit müssen nun auch die modifizierten Rahmenpläne an die veränderten Bedingungen angepasst werden. Auch wenn das nicht so einfach ist, hält das Institut an seinem bisherigen Konzept fest, universitären Stoff in die Schule zu tragen und die Studienzeit zu verkürzen.

Das Netzwerk arbeitet außerdem an der Einrichtung von grundständigen mathematisch-naturwissenschaftlichen Klassen. An zwei Netzwerkschulen laufen zurzeit Modellversuche mit je einem Klassenzug ab der 5. Klasse. Alle bisherigen Erfahrungen und die große Nachfrage nach Plätzen in diesen Klassen sprechen für die Idee. Bislang konnten Eltern ihre Kinder nach der vierten Klasse nur auf eine Reihe von Gymnasien anmelden, deren Förderschwerpunkte ausschließlich altsprachlich beziehungsweise bilingual sind. Außerdem ist das Netzwerk auch mit dem Bereich „Education/Outreach“ des Forschungszentrums „Matheon“ vernetzt. Seit 2002 werden hier unter anderem im Rahmen des Projekts „Teachers at the universities“ jährlich drei Lehrer von allen vier beteiligten Schulen für ein Jahr an die Universität abgeordnet. Ihre Aufgaben reichen von der eigenen Weiterbildung bis zur Beteiligung an der Lehrerausbildung. Sie sind außerdem an öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten des Matheon beteiligt.

Ein Bonbon der Netzwerk-Aktivitäten ist die seit 2001 alljährlich stattfindende Sommerschule „Lust auf Mathematik“. In einem idyllischen Ferienlager in der Umgebung von Berlin beschäftigen sich Schüler der Sekundarstufe II sowie Lehrer und Wissenschaftler eine Woche lang intensiv mit aktuellen Themen aus der Mathematik. Die Schüler arbeiten selbstständig unter Anleitung der Wissenschaftler in Arbeitsgruppen, sie müssen ihre Ergebnisse in Vorträgen präsentieren und erarbeiten einen Bericht. Die Wissenschaftler sammeln Erfahrungen mit Schülern, die sie in die Lehrerausbildung einfließen lassen können. Die Lehrer können sich außerhalb des schulischen Alltags mit ihrem Fach beschäftigen. Alle haben gemeinsam Spaß an der Mathematik.

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